The Day After

Wie es mir geht? Danke der Nachfrage! Seien wir zufrieden! Und selbst? Muss ja, oder? 

Ach, liebe Leute, was soll ich sagen: Es hat Spaß gemacht. Ich meine, realistisch betrachtet: Was hatte ich befürchtet? Es war keine Prüfung. Ich stand nicht vor Gericht. Ich mußte den Text nicht auswendig rezitieren. Ich musste nicht singen, niedlich sein oder wenigstens durch Schönheit, Originalität und Eleganz überzeugen. Einfach nur vom Blatt lesen, was ich geschrieben hatte. Und verdammt noch mal, wofür habe ich habe denn Unterricht gehabt? Den „Kleinen Hey“ 'rauf und 'runtergebetet? Atemstütze gelernt, damit man, wie meine Schauspiellehrerin immer sagte, mich auch noch in der letzten Reihe versteht? 

Dem wunderbaren online-Kongress von der wunderbaren Jurenka Jurk verdanke ich das Handwerkszeug. Textauswahl. Text ausdrucken. Markierungen machen. Dynamisch lesen, laut, leise, schnell, langsam. Und immer wieder markieren - Achtung! Hier eine Pause machen! Tonlage wechseln! 

Hab ich. 

Interessiert jemanden die Kritik? Ja? Schade. Von mir erfahrt ihr kein Wort. Es kommt immer schlecht, und klingt nach Arroganz und Eitelkeit, wenn man so viel Positives selber sagt. Also: Keine Details. ( So ganz unter uns verrate ich aber, dass ich so viel Zustimmung zuletzt ... ach, was weiß denn ich! Mit Lob kann ich ja sowieso schlecht umgehen. Jedenfalls: Eine halbe Stunde war geplant, eine Stunde mit Diskussion und Fragen. Es wurden dann aber doch gut 2 Stunden daraus. ) Danke noch mal, Patrick. Vielen Dank. 

Kann so etwas noch getoppt werden? Ich meine, das war doch schon alles unfassbar schön. Und da nun noch einen draufsetzen? Ausgeschlossen. Oder? 
Am Rande ereignete es sich, dass ... ja, wie soll ich das beschreiben? Die Leute waren gegangen, nur der Veranstalter, Patrick, und ein junger Mann, der mir irgendwie bekannt vorkam, waren übrig geblieben. Der junge Mann erhebt sich, und bewegt sich in meine Richtung. „Peikchen“, grinst er. 

WAS? Wie bitte? Na da hört sich doch alles auf! Sie, junger Mann, was erlauben Sie sich ...? Und im nächsten Moment liegen wir uns in den Armen, weil, das ist mein Freund Dominic. Mir verschlägt es die Sprache. ( Und das hinzubekommen, ist gar nicht so einfach, glaubt es mir! ) Dominic! Ey, bist Du bescheuert? 60 km von München nach Schliersee, und 140 km von Schliersee zurück nach Hause? Bei diesem Wetter? 

Kennengelernt haben wir uns vor Jahren auf Facebook. Ich sammele Ü-Ei-Figuren, er verkaufte sie. Wir kamen ins Gespräch. Mal mehr, mal weniger intensiv. Mal mehr, mal weniger persönlich. Dann kam die Nachricht, dass er den geschäftlichen Kontakt zu einem Persönlichen verändern wollte. Ab da entwickelte sich die Freundschaft. Und jetzt sitzt der Junge plötzlich und unerwartet, für uns alle unfassbar, vor mir, und es fühlt sich so an, als träfen wir uns regelmäßig, weil es weder unangenehme Überraschungen, noch Anlaufschwierigkeiten, noch sonst irgendetwas Negatives gibt. Er ist exakt so, wie ich es mir vorgestellt habe. Freundlich, entspannt, heiter, intelligent, und - bitte nicht falsch verstehen - wohlerzogen. 

Nach 2 weiteren Stunden verabschieden wir uns. Macht nichts. Wir sehen uns bald wieder. Die Freude, die er mir gemacht hat, lässt er mir als vorgezogenes Weihnachtsgeschenk da. Und, wenn ich jetzt, am Tag danach, in mich hineinhorche, finde ich dies Gefühl noch immer. Danke, Dominic. Du weißt nicht, wie viel mir das bedeutet, und wie glücklich Du mich gemacht hast. 

Wo, bitte, geht’s zur nächste Lesung? 


Probleme beim Treppensteigen

Es ist wahr. Wirklich. Wenn Du Dich als alter, hässliches, dicker Mann mit einem 20jährigen, den zwangsläufig die der Jugend eigene Schönheit umgibt, auf einem Foto herumtreibst - was erwartest Du? Ein Jemand, der Euch nicht kennt, oder nur einen von Euch, bemerkt irritiert den Altersunterschied. Er begreift sofort, dass da mindestens zwei Generationen dazwischen liegen. Das KANN sich ja nur um einen Enkel und den dazugehörigen Großvater handeln. 

Nein, das sind wir nicht. Freunde. DAS sind wir. 

Nicht wahr. Also, wenn mich jemand fragte, Du, wer ist denn das?, hätte ich zur Antwort gegeben, ein Freund. Und zur Erklärung hätte ich hinzugefügt, kenn' ich über Facebook. Lieber Kerl. Neulich sind wir uns sogar live und in Farbe begegnet. Altersunterschied? Ja, in der Tat. Jetzt, wo Du es sagst. Biografisch und biologisch, auf jeden Fall. Im Kopf? 

Ich bin mir da nicht so sicher. Die Menschen, die in meiner Altersgruppe liegen, so zwischen 55 und 65, werden das kennen. Ich meine, unsere Jahrgänge im Ausweis überrascht nachlesen - das können wir selbst. Unser gefühltes Alter spricht dem Hohn. Keinen Tag älter als 18, oder? So lange wir nicht beim Treppensteigen außer Atem geraten, oder zu lange entsetzt in einen Spiegel, oder auf ein aktuelles Foto starren. Und wer kennt ihn nicht, den 20jährigen, der im Kopf unbeweglicher, bornierter und damit älter wirkt, als man selbst? Na bitte. 

Dieser Jemand, der uns nicht kennt, oder nur einen von uns, und sich deswegen erkundigt, „ist das Dein Opa?“, hat jedes Recht, derartige Fragen zu stellen. Meine erste Reaktion war ja ein heiter-empörtes ‚Na höre mal!‘ 

Jetzt, nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen habe, denke ich, ‚Schade, leider nein.‘ 

Ich meine, warum denn nicht? Was ginge mir verloren, wäre ich Dein Großvater? Eben! Gar nichts! Im Gegenteil! Anders als meine Eltern, die ununterbrochen mit Ideen und Vorschlägen hinsichtlich meiner Erziehung daherkamen, waren meine Großeltern locker drauf. „Nun lass den Jungen doch“, sagte Oma gern. Ich durfte alles. Oma und Opa hatten keinen Anspruch hinsichtlich irgendwelcher Vorschriften oder Manieren. Sie waren großzügig, liebevoll, tolerant und vertrauenswürdig. ‚Cool‘, sagt man heute zusammenfassend. Das mag damit zusammen hängen, dass man, wenn man älter ist, die meisten Situationen, die einen beunruhigen, wenn man jünger ist, bereits kennt und raten kann, wie man damit umgeht. Und versteht, was einen an- und umtreibt. 

Irgendwann werden wir auseinandergerissen. Zwangsläufig. Das ist so. Leider. Die Zeit, Krankheit, der Tod, gar. Nichts ist für die Ewigkeit. Aber, so lange wir noch füreinander da sein können, spricht, denke ich, nichts dagegen, dass wir für einander da sind. Dass wir miteinander reden. Uns an unseren Leben teilhaben lassen. Uns zuhören. Miteinander ernst sind. Miteinander lachen. Und uns verstehen. Über Altersgrenzen hinweg. 

Und es wäre schön, wenn Du beim Treppensteigen, oben angekommen, kurz auf mich warten könntest. Ich brauche nur einen Moment länger.


Sehr geehrtes Bundesverfassungsgericht,

Schön, dass Sie die Studienzugangsberechtigung für das Fach Humanmedizin zu reformieren angekündigt haben. 

Schade, dass das nicht schon viel früher passiert ist. Zum Beispiel 1975. Da machte ich mein Abitur, und bei einem Notenschnitt von 1,3 bedauerte die ZVS ( Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen ) in Dortmund, mein Ansuchen um einen solchen Studienplatz abschlägig bescheiden zu müssen. 1,0, hätte ich haben sollen. Drei Jahre lang musste ich warten. 

Ich habe in diesen drei Jahren die Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht. Ich erhielt eine Ausbildungsvergütung - im 3. Lehrjahr immerhin rund DM 500 - und konnte schon mal Erfahrungen mit erkrankten und sterbenden Patienten sammeln. Ich war ja gerade erst 18, 1975. Gern wäre ich, wie Wolfgang und Dieter, endlich von zu Hause ausgezogen, und aus dem verträumten, kleinen, miefigen Cuxhaven in das weltstädtische, atemberaubende Hamburg oder Bremen gegangen, oder wie Hilke, gar nach Würzburg. Als Verschwendung würde ich die Zeit nicht abtun. Auch wenn ich heute weiß, dass einem so viel Zeit, wie man denkt, nicht bleibt, fürs Leben. 

Was ist denn noch alles nicht verfassungskonform, in unserem Land? Warum durchforstet man das nicht? Für jeden Mist gibt es Kommissionen, Ausschüsse, Expertenrunden, Sachverständigengutachten. Wem tut man jetzt gerade Unrecht, entgegen seinen verfassungsmäßigen Rechten? Und wird man dies Unrecht wieder gutmachen? 

Drei Jahre. Wie gedenken Sie, mich zu entschädigen? Wer weiß: Vielleicht hätte sich in dem neuen Auswahlverfahren herausgestellt, dass ich als Arzt deutlich schlechter geeignet bin, denn als Schriftsteller? Nicht wahr - mein Leben hätte vielleicht andere, glücklichere Wendungen nehmen können. Drehbuch-Autor in Hollywood? Bestseller nach Bestseller? Eine Kolumne in der „Zeit“, der „New York Times“ und „Le Figaro“? Eine vielbeachtete Talkshow im Fernsehen, neben Will, Illner und Maischberger? Ein millionenfach abonnierter YouTube-Kanal? 

Dieses Land stand mir im Wege. 

Trotzdem bin ich ganz zufrieden. 
Da habt Ihr aber nochmal Glück gehabt! 



Die Sache mit Sissi

Ja, ich weiß. Die erste Freundin hat schon im Sinne von „Ach Du lieber Gott, diese Schnulze!“ reagiert.

Ich bekenne mich schuldig. Ich bin ein „Sissi“-Fan. Nein, nicht „Sisi“. Der historisch korrekte Name der österreichischen Kaiserin. Ich bin Fan des Dreiteilers, mit Romy und Magda Schneider, Karlheinz Böhm, Vilma Degischer, Gustav Knuth, Josef Meinrad. Mir ist bewußt, dass Historie verdreht wird, und des ganze ein süßlich-kitschiges Märchen ist, dass da über den arglosen Fernseh- und Rundfunk-Teilnehmer ausgegossen wird.

Ich bin im Wesentlichen ohne den Fernseher aufgewachsen. Oma hatte so ein Ding. Ein riesengroßer Holzkasten mit einem kleinen, grünlichen Bildschirm. Ein Knopf für an und aus, einer für laut und leise, einer für hell und dunkel. Es gab ja nur ein Programm, und das auch nur für wenige Stunden. Diese Investition war für meine Eltern zu teuer. Wenn etwas Bewegendes, Wichtiges kam, traf man sich eben bei Oma, die schon Sinalco, Salzstangen, Käseigel und Schnittchen bereitgestellt und die Clubsessel um die Nierentischchen aufgebaut hatte. Und dann sahen wir „EWG“ mit Hans-Joachim Kulenkampff, oder Ohnsorg-Theater ( mit der Pause! ), oder auch schon mal einen Film.

Dann zogen wir weiter weg, und die Fernsehabende entfielen. Der NDR produzierte interessante Hörspiele, und die sonntägliche Schlagerparade am späten Nachmittag waren das einzige mediale Ereignis ( fast hätte ich ‚multimediale‘ geschrieben ) in meinem Leben. 

Und dann kam „Sissi“. Mama hatte in der „HörZu“ der Weihnachtswoche entdeckt, dass alle drei Teile gezeigt werden würden. 1970, war das. Seit 1963 gab es 2 Programme, und seit 1967 konnte man entsprechend produzierte Sendungen in Farbe sehen. 

Mama bettelte. Ihr Gatte, mein Stiefvater, behauptete, „Die Dinger sind technisch noch nicht ausgereift“. Es wurde viel diskutiert. „Ach bitte! Ich möchte doch soooo gerne“, jammerte Mama. Es dauerte einige Tage, dann begab sich die Familie zu Janocha in die Schillerstraße, um dort ein Gerät in Augenschein zu nehmen. „Erstmal gucken“, meinte der Gatte. Es gab wunderbare Farbfernseher. „Schrecklich, diese Farben. Das wird sich nicht durchsetzen“, erklärte das Familienoberhaupt. 

Mama jammerte wieder, und Herr Janocha kam auf eine wunderbare Idee. „Ich habe da einen gebrauchten Schwarz-Weiß-Empfänger. Den könnte ich Ihnen für DM 150.- überlassen!“ 

So kam es, dass wir an Weihnachten 1970 um den eigenen, ersten, technisch noch nicht ausgereiften Fernseher herumsaßen und Sissi schauten. Danach schaltete mein Stiefvater das Gerät ab. „Der Kasten muss ja nicht die ganze Zeit laufen. Das verbraucht viel zu viel Strom!“ 

Wann immer ich die Ankündigung, dass „Sissi“ läuft, entdecke, wird diese Zeit wieder wach. Nicht so sehr Hansgeorg, der sich, bis zum letzten Atemzug von Mann und Ross, gegen diese völlig überflüssige Anschaffung gestemmt hatte. Nein. Der dringende, sehnliche Wunsch meiner Mutter, die regennasse Schillerstraße, Herr Janocha, umgeben von diesen Geräten voller Magie und Verheißung einer großen Welt, und der glückseeligen Aufregung, einen von diesen Apparaten zu besitzen.

Ich werde mir die Filme anschauen. Mit Stollen, Dominosteinen und Lebkuchen, und Zitronentee. Und einen Moment lang werde ich wieder 13 sein, in Vorfreude auf die Bescherung, den strahlenden Baum mit den Wunderkerzen, den Besuch der Verwandten, und Omas unvermeidlichen Heringssalat. 

Und an Mamas bedeutungsvollen Blick in meine Richtung denken, wenn Karlheinz Böhm zu Vilma Degischer sagt, „Nichts bedrückt mich so sehr als das Bewusstsein, Mama, Ihnen Ärger zu bereiten.“


Guten Rutsch, die 60.!

Findet Ihr die Tradition, Rundbriefe zu Weihnachten zu verschicken, nicht auch saublöd? Erinnert Ihr Euch noch an die wunderbaren Zeiten, wo man den blauen UNICEF-Schachteln mit dem transparenten Plastikdeckel Karte um Karte entnahm, um sie den Freunden, Bekannten, Verwandten als besonderes, festtägliches Zeichen der Wertschätzung zu schicken? Handgeschrieben, sogar? „Ein frohes Weihnachtsfest und ein glückliches, erfolgreiches, gesundes Neues Jahr“, stand da. Und vielleicht noch ein oder zwei persönliche Bemerkungen, die man allerdings ohnehin nicht lesen konnte. Bei der Sauklaue!

Heute ist das natürlich anders. Stromlinienförmiger. Wir bedienen uns der Maschinen, mit Autokorrektur, copy&paste, fügen rasch noch ein lustiges pic ein ( früher hätte man Foto gesagt ), und veröffentlichen, also, „posten“ das in den sozialen Medien. Der Text enthält eine Liste der persönlichen Heldentaten, die in Wahrheit niemanden wirklich interessieren, weil man dem Erfolg anderer immer ein wenig neidig gegenübersteht. Klingt komisch. Ist aber so. Und dann gibt es „likes“, und manchmal „loves“, und auch „wows“, wenn man den Text albern findet, aber befürchtet, den Verfasser zu beleidigen, wenn man ihn unkommentiert läßt.

Ich lasse es sein. Ich schreib nix zu Weihnachten. Sondern zum Neuen Jahr. Und es gibt nichts, worum ich zu beneiden wäre. Oder? Oder doch?

Am 17. Januar 2017 änderte sich mein Leben radikal und unveränderlich. Es handelt sich um die Geburtsstunde meines kleinen Romans, na gut, Schmökers, eher. Seither halte ich mich für einen Schriftsteller. Der Psychiater sagt, es sei unheilbar.
 Mein Jahr stand im Zeichen des Buches, und der gehobenen Formulierungen, Noblesse oblige. Damit verbunden ist eine völlig neue Aufgabe - Werbung und Marketing. Sehr ungewohnt. Früher kamen die Leute zu mir, und Werbung für mich machten andere. Heute muss ich zu den Leuten gehen und höflich darum bitten, dass man mich liest. Aber es macht auch Spaß, weil es eine neue Herausforderung darstellt. Alles kann man lernen, auch wenn man reiferen Datums ist.

Und sonst? 
Ja, nee, danke, und selbst?

Es gab drei Ereignisse im vergangenen Jahr, die mich sehr berührt haben. Ja, vielleicht auch mehr. Aber diese drei waren besonders für mich.

Es begann auf der Leipziger Buchmesse mit gleich zwei Frauen: Meiner Kollegin ( in zweifacher Hinsicht ) Lily und meiner bloggenden Freundin Louise. Lily und ich kennen uns seit dem ersten Tag unseres Studiums, und irgendwie klappt es nicht, dass der Faden zwischen uns reißt. Wir sehen uns nur sporadisch, kommentieren gelegentlich auf Facebook, aber wenn wir uns gegenüberstehen, dann ist wieder alles da, Berlin, die Rostlaube, die Tile-Wardenberg-Straße, Yeti, Stade ... dann sind wir wieder jung, und das Leben ist unendlich. 

Manchmal läuft man Menschen über den Weg, die so ähnlich ticken, wie man selbst, dass es fast schon unheimlich ist. Dieser ganze Anlauf-Krams, hallo, mein Name ist Peik, guten Tag, ich bin Louise, wie geht es Dir, schön Dich zu sehen ... kann ersatzlos gestrichen werden. Von 0 auf 100 in 0,1 Sekunde. Nach einmal Luftholen waren wir mitten im Gespräch, wie alte Freunde. 

Ich habe es ja auch schon mal geschrieben. Wer mich gelegentlich liest, hat meine Freude über die Reunion mit meinem ehemaligen Klassenkameraden und Schulfreund, mit Dir, Hans-Peter, sicher mitbekommen. Peter hat mit einem Schlag mit seinem liebevollen Verständnis ( Protest nützt übrigens nichts. Es muss Dir auch nicht peinlich sein. Ja: Liebevoll. ) meine gesamte Schulzeit in einem anderen Licht erscheinen lassen. Ich durfte mich verstanden fühlen. Rehabilitiert. Akzeptiert. 

Das dritte Ereignis war die persönliche Begegnung mit Dir, Dominic. Wir kannten uns ja nur über Facebook. Und plötzlich bist Du wirklich kilometerweit gefahren, um mir ein Stündchen beim Vorlesen zuzuhören. Komisch, nicht wahr? Manchmal begreift man erst im Lauf der Zeit, wie gut die Freunde - na gut: Die Enkel - sind, die man hat. Auch wenn ein erheblicher Altersunterschied manchen stören mag. Also - mich nicht. Ist mir egal. 

Ach, es gäbe noch mehr zu erwähnen. Mohammad, den ich fast getroffen hätte, in Essen, wenn ich nicht so blöd gewesen wäre. Dominik, der mich virtuell zu seinem unglaublichen Heilgabend-Diner einlud. Tim, mit dem mich nicht nur die Liebe zur Sprache verbindet. Eric, der Liebenswerte, auf dessen Erfolge ich stolz bin, als sei er mein kleiner Bruder. Regina, die mir mit wunderbaren, köstlichen Keksen eine Riesenfreude bereitete.  Ellen und Zia, Hoàng, Sholom, Helga, Brigitte, Patrick, Maria, Joseph, Sven, Andreas ( Bögle und Karpinski ), Feli, Tanja, Fereshta, Margrit und Petra, Riem, Sabine, Murat, Nicolai, Jeroen, Pramod, Michaela, Beate, Yasin, Malek, Ali, Marion mit ihren wunderbaren, lebensklugen Kommentaren, David, Heidi, Akira, Dimitar, Claudia, Katrin, Dany, Kevin, Hicham, Aseem, Petra ... ich sitze oft da, scrolle mich erstaunt durch die Bilder meiner Freunde und frage mich, womit ich so viel Glück verdient habe. Die Aufzählung hier ist natürlich nicht vollständig. Wie denn auch.

Ihr alle seid im vergangenen Jahr an meiner Seite gewesen. Ihr habt mein Leben bereichert und schöner gemacht, interessanter. Danke für alles, auch allen, die bei der Nennung zu kurz gekommen sind. 
Erwartet Ihr von mir ein Wort zur AfD? Zu Glaubensfragen? Zu Trump? Brexit? Europa? Nordkorea? Putin? Nein Danke. 

Auf ein schönes, gesundes, freundschaftliches 2018. An mir soll’s nicht scheitern.


Fast so was wie Liebe

Einer geht noch, oder? Der letzte in diesem Jahr, versprochen. Kurz, aber von Herzen. 

Gefühlt ist es Jahre her, dass wir uns kennenlernten. Gab es irgendeine Zeit, in der wir uns nicht kannten? 
Ja, na klar. Erst kam Deine Mama, dann Du selbst. Rein beruflich. Wie das eben so ist. Wir konnten uns gut leiden. 

Dieses Gefühl wuchs weiter. Sympathie. Verstehen. Auch wortlos. Wie habe gelacht, zusammen, und manchmal auch geheult. Trost gab es immer. Mit Marzipan, oder einer Umarmung. Du bist gut-mütig im wahren Sinn des Wortes. Und liebens-wert. 

Etwas Trennendes gibt es nicht. 
Fast nicht. 
Also, über Deine Leidenschaft für den HSV sehe ich mal großzügig hinweg. 

Neulich haben wir, mit Deiner wunderbaren Frau und Deinem wunderbaren Sohn, um einen Tisch herumgesessen. Viel zu kurz. Aber der Beweis dafür, dass unsere Verbindung grundlos hält. Einfach so. 

Lieber Karsten, Du hast nie aufgehört, mir Freude(n) zu machen, seit Du zu meinem Leben gehörst. Dafür danke ich Dir. 

Dies Gefühl ist großartig. Zu wissen, dass Du da bist. Ich weiß, dass Du heulen wirst, wenn Du das hier liest. Weil ich es auch gerade tue. 
Du weißt, was ich gesagt hätte, oder? ‚Los. Reiß Dich zusammen!‘ 

Wir beiden Weicheier, was?
Das ist fast so was wie Liebe.
Euch dreien ein wunderbares, liebevolles, gesundes, glückliches 2018. 

Dein Peik


Angst vor Schokolade

Haben Sie kürzlich meinen afghanisch-stämmigen Freund Firouz gesehen? Sie wissen doch: Firouz! Dieser nette, gut aussehende Kerl, der im Fitnessstudio kaum den begeisterten Blick von seinem sportgestählten, muskulösen ( hier müsste jetzt das Wort „Körper“ stehen. Aber heute sagt man stromlinienförmiger ) Body im Spiegel wenden kann? Pechschwarze, under-gecuttete Haare, perfekte, gebleachte Zähne? Verkäufer in einem großen Elektronik-Markt? 

Er ist ein lieber Kerl, und ich mag ihn sehr. Wirklich. 

Um so erschrockener war ich, als ich ihm heute gegenüberstand. Ihn umarmend, klopfte ich ihm auf den Rücken. Wir hatten uns fast ein halbes Jahr nicht gesehen, und ich war geplagt von schlechtem Gewissen, weil ich nicht zu seiner Hochzeit hatte kommen können. 
„Du siehst Scheiße aus“, entfuhr es mir. Und in dieser Sekunde nahm ich wahr, dass das stimmte. Blass, eingefallene Wangen, dunkle Ringe unter den Augen. Pickel auf der Stirn.
„Alter, was ist los?“

Er hat es mir erzählt. Unter Tränen. Die Eltern seiner Gattin und die Seinen hatten den Deal beschlossen. Er hatte seine Zukünftige kaum gekannt. Sie hatten sich einige Male getroffen, unter Aufsicht. Das war’s. 
„Dann hat mir meine Schwiegermutter etwas Schokolade in dem Mund gestopft, und Zack! war ich verheiratet!“

Voller Verzweiflung rief er diesen Satz aus, der bei mir zu einer peinlichen Mischung aus Mitleid und Heiterkeit führte. Um so mehr, als er mir seinen Alltag schilderte. Er arbeitete hart, sie gab das Geld aus. Shopping war ihr Lebensinhalt. Sex - Danke nein. Saar dart mekonat. Kopfschmerzen. Noch nicht mal das. Und wenn er nach Hause kam, saß die Frau Schwiegermama in seinen Rolf-Benz-Sesseln herum, und mischte sich in alles ein, was thematisiert werden konnte. Ein Versuch, ihre Visiten zu verhindern, war kläglich gescheitert. 

„Ich hab bei meinen Eltern mal das Wort ‚Scheidung‘ fallen lassen. Das käme in unserer Familie nicht infrage, sagte Papa.“

Ich weiß nicht, wie ich das zu bewerten habe. Sind unsere Liebesheiraten besser als arrangierte Ehen? Gibt es da Statistiken über Scheidungsraten? Hat das was mit Religion zu tun? Und vor allem: Wie hilft man dem Jungen da raus? 

Liebe Freunde mit afghanischen Wurzeln: Sollte eine ältere Dame, wohlmöglich die Mutter einer Tochter, sich Euch nähern und versuchen, Euch mit Schokolade oder anderen Süßigkeiten zu füttern, presst die Lippen fest aufeinander. Ganz fest. 

Es kann sein, dass das Zeug im Abgang etwas bitter schmeckt ... 



( Wirklich. Als ich meine Praxis im Dezember 2015 schloss, war ich wild entschlossen, Rentner zu sein. Alt, hässlich, nutzlos. Ein inhaltsleeres, ruhiges Leben, friedlich dem eigenen Ende entgegendämmernd. Und was passiert? 


Jedenfalls mehr als während meiner Praxiszeit. Man kann kaum aus dem Haus gehen, ohne dass irgendwas geschieht. Zum Beispiel in meinem Lieblings-Supermarkt. Dabei fehlten mir nur Zitronen, Quark und Käse zum Frühstück ... ) 


Susis Happy Nails


Ich kenne so viele tolle Frauen. Patente, selbstständige, starke Weiber, die mit beiden Beinen im Leben, auf dem Boden der Tatsachen stehen. Die nicht zimperlich sind. Zupacken können. Analytisch-praktisch denken. Perfekt organisiert sind. 


Warum bloß stehen diese Frauen nie vor mir im Supermarkt an der Kasse? Oder am Bezahl-Automaten im Parkhaus? 


Die junge Frau vor mir, angetan mit vermutlich wärmendem rosa Kunstpelzjäckchen und Leggins mit Leopardenmuster, lädt 10 Tiefkühlpizzas und 2 Beutel Tiefkühlpommes auf das Laufband an der Kasse. Eine Quetschflasche Mayo, eine mit Ketchup. Ein Sechserträger Cola. Etwas drängt mich, großväterlich zu rufen, Na, junge Frau, da wird die Leggins bald 'ne Nummer größer ausfallen müssen! Und nehmen Sie lieber Tigermuster! Das streckt! - aber dazu komme ich nicht, weil sie plötzlich fortrennt, zurück in den Verkaufsraum. Der kassierende junge Mann sieht mich fragend an. „Gehören Sie zusammen?“ 

Empört sehe ich ihn an. „Was trauen Sie mir zu?“

Und dann frage ich höflich, „Könnte ich nicht eben ...?“

„Die Pommes sind schon drin!“

Ach so. Nee. Dann eben nicht. 


Strahlend kehrt die junge Frau zurück. Natürlich! Chips und Schokolade! Letztere heute im Angebot! Da gönnen wir uns doch gleich den 5er-Pack! 

Der Junge setzt die Kasse in Bewegung. In aller Ruhe sortiert unsere Freundin die Pizzas nach Sorten in ihren Einkaufswagen. Vorsicht, Vorsicht! Nicht, dass die überlangen Fingernägel, vermutlich ein Angebot von „Susis Happy Nails“, Schaden nehmen! 


„34,93!“ Überraschter Blick zum Kassierer. Überraschter Blick auf das Display der Kasse. Dann beginnt die Suche nach dem Portemonnaie in der schönen, großen Umhängetasche aus pflegeleichtem Kunstleder mit Reptilprägung in Schlangenoptik, vermutlich von QVC oder HSE24. Gut, dass sie es so sicher verstaut hat. Allzu oft wird man Opfer von Taschendieben. Das ist IHR bestimmt noch nie passiert. 

„Ach, da isses ja!“


Na Gottseidank. Ich hatte mir schon überlegt, den Betrag für sie zu begleichen, um die unruhige Schlange hinter mir zu beschwichtigen. 

Sie zählt in aller Ruhe die Münzen vor, wobei sich Susis viel zu lange Nails als hinderlich erweisen. „Ach!“ Sie schaut schuldbewußt auf. „Das sind nur 86 Cent! Na gut!“ Spricht's, befüllt mit den Münzen sorgsam das Kleingeldfach, und kramt drei Zehner und einen Fünfer hervor. Ja, sie benötigt die Quittung. Gleich hier, an Ort und Stelle, wird sie sie lesen. Keinen Zentimeter wird sie sich von der Kasse wegbewegen -


„Entschuldigung!“, entfährt es mir. „Würden Sie mich freundlicherweise vorbeilassen?“ Etwas unwirsch schaut sie vom Kassenbon auf. „Bin ich im Weg?“


Nein, Schätzchen! Wie kommst Du bloß darauf? Sollte ich diesen Eindruck vermittelt haben, wäre ich untröstlich! 


Ich kenne wirklich viele Frauen, die zielgerichtet und überlegt handeln. Die praktisch und orientiert durchs Leben gehen. Die wissen, dass das Kassieren in den Bezahlvorgang mündet, und man deswegen das Geld bereithalten sollte.  Ja, sogar solche, die rückwärts einparken können, vor Susis Happy Nails, zum Beispiel. Aber die kaufen offenbar nicht im Supermarkt ein. Und wenn, dann stehen sie in der Schlange nicht vor mir. Leider! 





Das kleine Einmaleins

Die Frage, wie man auf Facebook richtig kommentiert, beginnt ja schon bei der Definition des Wortes ‚richtig‘. Eine Aussage sollte inhaltlich richtig sein, wenn es um die Darstellung bestehender Fakten geht. Man kann Belege bringen, Quellen, Originalzitate. Zum Beispiel für die Aussage, dass 1+1=2 ergibt. Man bemüht den Taschenrechner. Das Ergebnis ist korrekt? Alle werden nicken, und behaupten, „Recht hat er. Guter Mann.“

Vieles allerdings bewegt sich im Rahmen einer subjektiven Einschätzung. Da kann man das arithmetische Ergebnis von 1+1 gern auch einmal bezweifeln. Zumindest hinterfragen. Leute, seid ihr den sicher, dass 2 das korrekte Ergebnis ist? Haben wir denn alles berücksichtigt? Die Raumtemperatur, die Tageszeit, den aktuellen Kontostand? Kann sich das Ergebnis unter verschiedenen Bedingungen und Einflüssen nicht ändern? 

Was mich wundert, sind die Kommentatoren, die den Standpunkt vertreten, dass alle, deren Meinung von der eigenen abweicht, von erblichem Schwachsinn befallen sind. Was? 1+1=2? Das ist ja unglaublich! Ich habe hier genug Dummes lesen müssen, aber jetzt bricht meine Auffassung sich Bahn! Ihr macht es Euch sehr einfach! Hört endlich auf, die Komplexität der Mathematik auf derartig einfältige Formeln herunterzubrechen! 'Schuldigung, aber das MUSSTE einfach mal gesagt werden!

Ich persönlich neige ja auch dazu, gelegentlich meine Meinung kundzutun. Dabei allerdings versuche ich, diese weder als das Maß aller Dinge, oder den heiligen Gral der Weisheit, noch als moralisch wertvoll und überlegen, oder gar als Auswurf höherer Intelligenz darzustellen. Vor allem bin ich bemüht, niemanden klein, dumm oder unerfahren aussehen zu lassen. Ich möchte meine Haltung zu einem Thema als eine der möglichen Variationen über dieses Thema aufzeigen, und jedem anderen das Recht einräumen, meine Erkenntnisse NICHT für eine akzeptable Betrachtungsweise zu halten. 

So nehme ich mir gelegentlich heraus, das Ergebnis von 1+1 frei zu interpretieren. Ich ertrage es gern, korrigiert zu werden, solange der Ton respektvoll, wohlwollend, humorvoll bleibt. Aggressive Untertöne, Vorwürfe oder Schmälerung meiner Leistungen finde ich unfreundlich und nicht notwendig. Ich zwinge niemanden, mich zu lieben, zu mögen oder gar zu bewundern. 

Und das ist genau so sicher, wie 1+1=2,3 ist. Oder 5 1/2.