Heile Welt gesucht. Dringend.

Eine Freundin hat im Fach Touristik eine wunderbare Bachelor-Arbeit geschrieben, zum Thema Food-Touristik - also, wenn jemand wo hinfährt, um sich dort durch kulinarische, regionale Spezialitäten verwöhnen zu lassen. Außerdem ging es in dieser Arbeit um „künstliche“ Destinationen, z.B. Freizeitparks. 

Diese Arbeit war Anlass für mich, über meine Reisegewohnheiten nachzudenken. Kulinarisch? Naja. Wenn man in Stuttgart weilt, kann man sich ja mal was mit Spätzle, oder eine Maultasche gönnen. Oder in Köln den rheinischen Sauerbraten. In Cuxhaven die fangfrische Seezunge, oder in Berlin eine Currywurst ... Aber so wichtig, wie Nahrungsaufnahme auch ist, soziologisch, existenziell, emotional betrachtet - beim Reisen stellt sie nicht mein Hauptmotiv dar. 

Ich habe eine Vorliebe für die umschriebenen, gern auch künstlichen Ziele. Das rührt von meiner Praxiszeit her. Der Zeit, an die ich mit Schrecken zurückdenke. In der ich ununterbrochen graue Umschläge vom Finanzamt, der HypoVereinsbank, der HASPA, der Kassenärztlichen Vereinigung und Ärztekammer in meinem Briefkasten vorfand, mit Inhalten, die mir den Schlaf raubten, mir Angst machten, drohten, meine Zukunft zu zerstören. Diese Briefe erreichten mich stets freitags. Wie machen die das bloß? Sitzt da jemand und achtet mit deutscher Gründlichkeit darauf, einem verzweifelten Menschen auch noch das Wochenende zu ruinieren? Oder gibt es dafür ein Computerprogramm? 

Am schlimmsten empfand ich den Verlust der Kontrolle. Das Denkschema, wenn ich mich soundso verhalte, ist Dasunddas die Konsequenz, war außer Kraft gesetzt. Die logische Formel, sei anständig, arbeite fleißig, dann geht’s dir auch gut, ging nicht mehr auf. Ich verlor den Überblick, die Ordnung zerbröselte wie ein dröger Keks. 

Auf der Suche nach einem Gegengewicht entdeckte ich für mich Mikrokosmen. Es begann mit großen Einkaufszentren, dem AEZ in Hamburg, der Centro in Oberhausen, den Potsdamer-Platz-Arkaden in Berlin. Letztere verhalfen mir zu der Erkenntnis, dass auch Architektur und Geografie einen umschriebenen Bereich darstellen können. Das Arrangement Potsdamer Platz/Marlene-Dietrich-Platz, von den Berlinern zunächst als „Cyber City“ verspottet, ist heute ein attraktiver Anziehungspunkt mit eigenem Weihnachtsmarkt, Musical/Berlinale-Theater, Kino, Spielbank, Cafés, Restaurants, Bars, Hotels, Wohnungen und eben den Arkaden. 

Disneyfizierte Freizeitparks wie Sierksdorf, Soltau, Rust boten eine ordentliche, übersichtliche, umschriebene Welt. Das, was ich in meinem Leben vermisste. Aber nicht nur die künstlichen Welten boten mir Schutz. Sylt, Helgoland, Usedom, Rügen. Der neue Limbecker Platz in Essen mit Cinemaxx, Collosseum und Bowlingbahn. Kleine Städte wie Rothenburg o.d.T. oder Quedlinburg. Ja, sogar mein enges Heimatstädtchen Cuxhaven, auf das ich zu Studienzeiten mit der mitleidigen Arroganz des Weltbürgers herabgesehen hatte, war mir plötzlich wieder Heimat, und weit genug. 

Was will uns der Dichter hiermit sagen? Ach, nichts weiter. Wie schon gesagt: Ich bekam einen Gedankenanstoß, und habe ein wenig nachgedacht. Entschuldigt die Langeweile, die ich verbreitet habe. 
Ach ja: In meine Mikrokosmen reise ich immer noch gern. Blöd, oder? Dabei bekomme ich gar keine schlimmen Briefe mehr, seit ich die Praxis zugesperrt habe. Der bester Entschluss meines Lebens. 

Ich befürchte aber, dass wir bald alle auf der Suche sein werden, nach einer perfekten, heilen, geordneten Welt, in der wir uns beschützt fühlen, sicher, und gut aufgehoben. Wo werden wir hingehen? Wohin werden wir fliehen? Wird man uns dort so behandeln, wie wir die Geflüchteten? Werden wir uns integrieren können? Unsere Gaumen sind verwöhnt, die Ansprüche schwer zu befriedigen, die Erwartungen hoch. Wir wollen bespaßt werden, um jeden Preis. 

Die Sehnsucht nach Abgrenzung in einer heilen, perfekten Welt ist nicht neu. Neverland, Xanadu, Narnia, Eldorado, Rainbow's End. Das Paradies. Das Land, wo Milch und Honig fließen. Das Schlaraffenland. Alles Träume. Alles Fantasie. Aber es könnte wahr werden - oder? Man muss nur fest genug daran glauben. 
There's a place for us, a time and place for us. Hold my hand and we're half-way there, hold my hand and I'll take you there - somehow, someday, somewhere.“ 



[ Streit sollte man schlichten, oder? Besonders unter Freunden. Und wenn er sich gar zu entwickeln droht, weil man selbst unvorsichtigerweise etwas gepostet bzw. geteilt hat ... eine Freundin meinte auf den Post mit der Statistik, dass sich weniger Leute Urlaub leisten können, dann sollten sie halt sparen, und auf Rauchen und Böller zu Silvester verzichten. Woraufhin ein humorvoller Freund meinte, dass man sich, nähme man nur Wasser und Brot zu sich, sogar ein größeres Auto leisten könnte. 
Ich habe versucht, hiermit Baldrian auf die sich erhebenden Wogen zu gießen ... ]

Darf ich kurz eingreifen? Ich kann euch beide gut verstehen. Ich habe mich immer darüber gewundert, wenn ich am 1.1. eines Jahres mich hausbesuchender Weise durch die Max-Pechstein-Str. quälte. Da wohnten in Mümmelmannsberg die, die es eben nicht geschafft hatten. Für die das Sozialamt zahlte. Und was soll ich sagen? Meterhohe Schichten von Böllern und Feuerwerk. Bei mir gab es dann Diskussionen um die € 10 Praxisgebühr ... 

Ich gebe dir recht, T.. Wenn man die Wohnung kündigt und auf der Parkbank schläft, kann man sich von der eingesparten Miete eine Woche das Ritz, oder das Waldorf Astoria, Vollpension, leisten. Lustig. Irgendwie finde ich auch: Das muss doch wohl beides drin sein, oder? Ich will nicht nur Pommes Schranke. Ich will das Jägerschnitzel mit Beilagen und Nachtisch! Das steht mir zu! 

Ich weiß nicht, aus was für Verhältnissen du kommst. Ich aus sehr kleinen, relativ armen Verhältnissen. Meine Mutter hatte sich scheiden lassen, der Unterhalt, von dem wir lebten, waren die DM 20, die mein Vater monatlich überwies. Gottseidank konnten wir im Haus meiner Oma unterkommen. Ja, und wenn man was haben wollte, ein Gerät, oder den Sonntagsbraten, oder die Woche Harz - dann musste gespart werden. Und erst, wenn man das Geld in der großen Suppenterrine zusammenhatte, und nochmals überprüft worden war, ob man es nicht für Lebensnotwendiges aufbrauchen musste, dann wurde gekauft. Geld von der Bank leihen? Das Konto überziehen? Eine Kreditkarte benutzen? Das war unanständig, und leichtlebig. Das machte man nicht. Unsolide, leichtfertige Menschen taten das. Und man verzichtete mit Stolz auf das, was man sich nicht leisten konnte. 

Deswegen hat F. mit ihrer altmodischen Einlassung recht, findest du nicht? Andererseits, wenn man bedenkt, wir kurz das Leben ist - ach ja, die Karibik! Der neue 3er BMW! Die neue Wohnzimmer-Einrichtung! Und die Fluppen - Kinder, die brauche ich, die müsst ihr mir schon lassen! Ich hab doch sonst nichts an Lastern. Und ich rauch auch ganz leise! Wofür hab ich den Dispo? Und American Express bucht immer nur 10% ab! Und an der Sparkasse steht auf dem Plakat, worauf den warten? Nehmen Sie gern unseren Kredit in Anspruch, leben Sie jetzt! Der Tod kommt früh genug! 

Die Werbung für die schönen Dinge ist sehr effektiv. Wie können uns dem Lebensstil so schwer entziehen. Wir kaufen nicht, weil wir benötigen. Wir kaufen, weil wir sooo gern haben möchten. Und weil’s geil ausschaut, und unser trübsinniges Leben mit ein wenig Freude, und zweifelhaftem Sinn erfüllt. Und auch, um andere zu beeindrucken. Vielleicht sogar, neidisch zu machen. Es steht uns doch auch zu, oder? Wir ackern den ganzen Tag, zahlen pünktlich unsere Steuern und Abgaben - da werden wir doch auch mal an UNS denken dürfen! 

Was richtig ist, weiß ich nicht. Ich habe auch so meine Schwächen, und mein Konto war bestimmt öfter im Minus als im Plus. Aber glaubt mir: Oft habe ich gedacht, was hätte Oma wohl gesagt?! 

Wir sind alle sehr, sehr anspruchsvoll. Lieber ein bisschen mehr, aber dafür was Gutes. Und zwar sofort. Hier und jetzt. 
Die Lebensphilosophie hat sich geändert. Deutlich. Die Frage, die man sich stellen muss, lautet: Ist es denn besser geworden? Bedeutet es mehr Lebensqualität, sich alles zu leisten - ob man es nun kann, oder nicht? 

Als Jugendlicher wünschte ich mir brennend eine Super 8 Kamera. Eine NIZO S 8 musste es sein. Sie stand bei Ringfoto Schattke in der Deichstraße im Fenster, und ich besuchte sie regelmäßig. Knapp DM 600 sollte sie kosten. Unerreichbar. Ich gab Nachhilfestunden, in Latein und Deutsch. 5 Mark für 60 Minuten. Abends schichtete ich die Münzen in Türmchen auf, und freute mich, wie es mehr und mehr wurden. 
Mama fragte mich eines Tages, „Wieviel hast du denn schon?“ Und mit Stolz verkündete ich, dass es nunmehr DM 450 seien. 
Mama zog ihr Portemonnaie heraus, entnahm diesem DM 150, und gab sie mir mit den Worten, „Hier. Sag aber Papa ( meinem Stiefvater ) nichts davon!“

Das Glück, das silberfarbene Prachtstück endlich heimholen zu dürfen, war unbeschreiblich.


Glaubenskriege(r)

Trinkst du Kaffee oder Tee?, habe ich gerade meinen Besucher gefragt. Also, wenn ihr mich fragt, lieber Tee. Mit ganz viel Zitrone. Er wollte lieber Kaffee. Gern, den habe ich da. Alles Ansichtssache, oder Geschmacksfrage. 

Vielleicht sogar, Glaubensfrage? Mir fällt auf, dass sich plötzlich alles in Glaubensfragen verwandelt. Ich meine damit nicht nur die Religionszugehörigkeit, und die damit verbundene Tendenz zur Missionierung, weil ja jeweils meine Religion die Bestmögliche ist. Viel besser als Deine. Oder den alten Klassenkampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus ( gibt’s Kommunismus überhaupt noch? ).

Nein. Das gesamte Leben wird zur Glaubensfrage. Hausgeburt, oder doch lieber Kreißsaal in einer Klinik? Wie erziehen wir das Kind - autoritär oder antiautoritär? Wie essen wir? Low Carb, Paleo, Clean Eating, Detox, Intervallfasten? Vegetarisch, Vegan? Besuche ich ein Fitnessstudio, oder lasse ich es bleiben? Liest du gern normale Bücher, oder benutzt du einen E-book-Reader? Welche Philosophie des Nationaltrainers hat uns bei der Fußball-WM ins Abseits geführt? Darf man den Frauen Rechte über ihren eigenen Körper zugestehen - hinsichtlich eines Schwangerschaftsabbruchs? Was sagen die katholischen Bischöfe zur Stammzellforschung? Zur Ehe für alle? Darf man überall und jederzeit rauchen, oder ist es angebracht, auf Nichtraucher Rücksicht zu nehmen? Darf man über sein Lebensende selbst bestimmen, oder muss man ärztliche Assistenz unter Strafe stellen? 

Von der Wiege bis zur Bahre - ununterbrochen trifft man auf Befürworter und Gegner. Das wäre ja auch nicht schlimm. Jeder kann doch nach seiner Fasson selig werden, oder? 

Nein, leider nicht. In dem Maße, in dem die Vielfalt der Möglichkeiten zunimmt, nimmt die Toleranz gegenüber Andersdenkenden ab. Und selbst, wenn man sich mal zu einem gönnerhaften „Na ja, meinetwegen!“ hinreißen läßt, in einem Anfall von Rücksicht und Güte, dann schwebt da trotzdem das große ‚Aber‘ über den Kontrahenten. 

Ich habe es kürzlich beim Thema „Rauchen“ bemerkt. Niemand interessierte sich wirklich für die Situation. Die meisten fanden, dass ich mich nur anstelle, und etwas spießig bin, und anderen nichts gönne, weil ich eben intolerant bin.

Gestern befand ich mich in einer ähnlichen Situation. Ein Artikel von ‚Spiegel Online‘ behauptete in der Überschrift, dass Carcinompatienten, die zusätzlich zur schulmedizinischen Behandlung noch alternative Heilverfahren wie z.B. Homöopathie anwendeten, schneller sterben. Erst im letzten Absatz stand, dass die, die alternative Heilverfahren fordern, sich von der schulmedizinischen Behandlung entfernen und deswegen schneller sterben. 

Ich habe mir erlaubt, auf die mangelnde Seriosität des Artikel hinzuweisen. Und sofort gab es zwei Lager. Ich wurde angegriffen von denen, die mich für einen Befürworter alternativer Heilmethoden hielten, und gelobt von denen, die sich die Mühe gemacht hatten, meinen Post zu lesen. Da war sie wieder, die Glaubensfrage. Schulmedizin gegen alternative Heilbehandlung. Ein Allgemeinmediziner behauptete gar, ich verhielte mich eines Mediziners „unwürdig“. Soso. Interessant. Zuhören und Lesen kommen aus der Mode.

Es war nicht meine Absicht, über Behandlungsmethoden zu diskutieren. Es war meine Absicht, mangelnde Seriosität der Presse zugunsten reißerischer Aufmacher, leider sogar schon beim ‚Spiegel‘, zu beklagen. Und was kam mir in die Quere? Eine Glaubensfrage.

Ich weiß nicht, wer gesagt hat, dass die Kriege unserer Zeit Glaubenskriege sein werden. Dieser kluge Mensch liegt ganz auf der Linie von André Malraux und Carl Friedrich von Weizsäcker. Wir hören nicht mehr zu, agieren vorschnell, ohne zu überlegen. Wir sind intolerant und gewalttätig. Wir sind anmaßend und selbstverliebt. Wir ziehen niemals in Zweifel, ob das, was wir vertreten, richtig ist. Bis hin zu unseren politischen Führern zeigt sich das, ich verweise hierzu auf jede beliebige Nachrichtensendung.

Diese Geisteshaltung wird uns ins Aus manövrieren. Angesichts der besorgten Bürger, die in Dresden ihr Glaubensbekenntnis, „Absaufen, Absaufen!“ skandieren, angesichts der Politiker, die ihren christlichen Glauben mit Kruzifixen plakatieren, und von „Asyltourismus“ und „Antiabschiebeindustrie“ sprechen, angesichts der Holocaust-Leugner, die ungestraft und ungelöscht ihren Schmutz auf Facebook veröffentlichen dürfen, bin ich nicht mal so sicher, ob wir uns nicht schon mitten im 3. Weltkrieg befinden. 

Kriege verändern ihr Gesicht. Im 1. Weltkrieg ging es noch dreckig zu, man sah dem ‚Gegner‘ in die Augen, bevor man ihn abknallte. Hiroshima und Nagasaki brachten eine Wende. Im Vietnam-Krieg schüttete man einfach Agent Orange und Napalm von Dow Chemicals über dem Land aus, wie praktisch. Das ersparte einem den häßlichen Anblick. Und im Irakkrieg? Erinnert ihr euch? Das sah doch aus wie ein Spiel am PC, oder? Hoch hoch hoch rechts rechts etwas runter Knopfdruck. Treffer. Steril, und unaufgeregt. 

Ich glaube, das hier ist unser Krieg. Über Twitter, Facebook, Presse und Fernsehen. Medien bestimmen, was und wie wir denken und handeln. Die Waffen sind die hasserfüllten Worte, Bilder, Videos, Memes. Ihr Einsatz bedeutet (Ab-)Wertung, und Mobbing, mit dem Ziel der Vernichtung des Gegners. 

Komisch. Ich bin mir nie sicher. Ich finde die Themen viel zu komplex, als dass man eine abschließende, allgemein gültige Meinung zu den Dingen gewinnen könnte. Leider stehe ich mit meinen Zweifeln allein. Ich werde aber auch weiter Position beziehen, und mir wird völlig egal sein, ob es jemandem passt, oder nicht. 

Seid nicht so sicher, dass ihr den Krieg gewinnt.


MESUT 1:

[ Ich habe unter der ARD-Meldung zum Rücktritt von Özil einen Kommentar meines Freundes Ossama ( nicht Bin Laden! ) entdeckt, und ihm geantwortet. Ich hatte ohnehin vor, das Ereignis zu kommentieren, deswegen veröffentliche es mal so, wenn’s recht ist. Ossama ist ein gebildeter, freundlicher, kluger, sensibler Mensch, der aus Syrien stammt. Ich bin froh, dass er hier ist, denn sonst hätte ich ihn vielleicht nie kennengelernt. ]

O.:
Leider gibt's bis jetzt nen Rassismus in Deutschland und manche sagen zu uns "Kanaken oder biste Ausländer, fremd ..
Man kann das überhaupt nicht ertragen und wir sollten etwas als Ausländer wissen und diese Lektion lernen.
Wenn wir was schaffen, loben diese Leute uns und wenn wir scheitern,werden wir rausgeworfen ...
Sogar wenn wir Deutschen werden.

P.:
Du irrst Dich, Ossama. Du weißt, dass ich Dich sehr gern habe, und dass Du für mich Familie, und ein wunderbarer, liebenswerter Mensch bist. Leider ist die Politik in diesem Land zur Zeit idiotisch. Du wirst sogar rausgeworfen, wenn Du es geschafft hast. Das ist schrecklich, und es tut mir weh. 

Bei Özil werden zwei Dinge verquickt, die eigentlich nicht zusammen gehören: Sein Erdogan-Foto, und seine Leistung bei der WM. Stell Dir vor, DU würdest „aus Respekt vor dem Amt des Staatspräsidenten“ ein Foto mit Baschar Hafiz al-Assad machen und veröffentlichen. 

Özil hat das getan, und zu recht gab es Empörung. Dieser „Präsident“ hat Soldaten, Richter, Journalisten, Lehrer, Professoren, die ihm missliebig waren, ins Gefängnis geworfen, kritische Fernsehsender und Zeitungen kaputtgemacht. Über das, was in und mit der Türkei passiert, steht mir kein Urteil zu. Leider gibt es mit den DITIB-Moscheen, Schulen und den Verhaftungen deutscher Staatsbürger wie Deniz Yücel nicht zu tolerierende Aktionen, die uns unmittelbar betreffen. Özils Kollege, Emre Can, wusste das, und hat die Einladung abgelehnt. 

Der Shitstorm gegen Özil ( und Gündogan, der allerdings vor der WM eine ziemlich billige Erklärung abgab ) führte - so würde ich das mal interpretieren - zu einer Trotzreaktion und Lustlosigkeit in seinem Spiel. Allerdings hat nicht nur er sich nur mäßig beteiligt. Außer Reus habe ich kaum gute Aktionen gesehen. Egal. 

Özil bzw. seine Berater machen etwas sehr Geschicktes: Sie mischen die Kritik an seiner Person und verbinden den politischen Fehlgriff mit der schwachen Leistung. Und plötzlich sind es die rassistischen Deutschen, die den armen, in Gelsenkirchen geborenen, deutschen Türken angreifen. Er musste gar nicht Deutscher werden, er ist es längst. Das ist klug, weil das Foto mit dem Diktator langsam in den Hintergrund rückt, und alle sofort beginnen, sich für etwaigen Rassismus zu rechtfertigen.

Schau Dir die Bundesliga an, und frage Dich, ob wir wirklich so rassistisch sind. Ich muss nicht die Namen und die Länder aufzählen, aus denen die Spieler stammen. Und völlig wurscht, welche Hautfarbe, welche Religion, welche Nationalität sie haben: Sie werden geliebt, und sie werden kritisiert, wenn sie Scheiße spielen - genau wir „die deutschen“ Spieler. 

Niemand ist so beliebt, Ossama, dass er ewig Kredit hat, für seine Aktionen. Diesen Rassismus-Müll lassen wir mal außen vor, weil er nicht stimmt, zumindest nicht für Özil. Was bleibt dann? 
Ein Mann, der einen Beruf ausübt, und ihn desinteressiert und schlecht ausübt, verdient Kritik. Und wenn ein Mann, ohne Ansehen seiner Person, einen Diktator mit einem Werbefoto unterstützt, verdient das Kritik. 

Dieser Kritik hätte Özil sich stellen können, statt nach nunmehr 2 Monaten (!) die beleidigte Sucuk-Wurst zu spielen. Seinen Fans hätte er das geschuldet, denkst Du nicht? Hat er nicht. Er hat beleidigt geschwiegen, und dreht jetzt den Spieß um: Weil ich Türke bin, mag mich keiner von diesen Rassisten. Quatsch. Hätten Neuer, Kroos oder Reus Werbefotos mit Assad, Erdogan oder Kim gemacht, hätte die Öffentlichkeit nicht anders reagiert. 

Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, Ossama, dass Du für mich kein „Kanacke, Ausländer“, Fremder bist. Du gehörst zu mir und meinem Leben.


MESUT 2:

Liebe Berater von Mesut Özil, da habt ihr ja einen wunderbaren, manipulativen Text geschrieben, ein wenig positive Emotion, ein wenig Negative, und das ganze noch, wie ein klassisches Drama, in drei Akten, mit retardierendem Moment und Katastrophe, ganz, wie wir es in der Schule gelernt haben. 

Ihr habt allerdings etwas übersehen. Ihr habt gehofft, dass alle den Ursprung des Ganzen vergessen, weil die Strahlkraft bewusst eingesetzter Reizworte wie „Rassismus“, „Islamophobie“, „Migrant“ diesen eigentlich übertönen sollte. Und sogar die Bundesjustizministerin ist darauf hereingefallen.

Deswegen würde ich gern die Frage nach dem „WARUM?“ in Erinnerung rufen. Warum haben sich denn alle über das Erdogan-Foto so aufgeregt? 

Hätte ICH mich mit dem hochverehrten Herrn Präsidenten ablichten lassen, hätten ein paar Freunde gesagt, ey Alter, tickst du noch richtig? Was soll der Quatsch denn? Und das wär’s gewesen. Nach zwei Tagen wäre das gnädigem Vergessen anheim gefallen. 

Das liegt daran, dass ich uninteressant bin. Unbekannt. Unwichtig. Im Gegensatz zu Özil. Ein Star in der Nationalmannschaft. Ein international bekannter, geachteter Fußballer. Ein Vorbild für die Jugend, im Lande, und drumherum. Wichtig. Ein Beispiel dafür, dass man selbst bei ungünstigen Startvoraussetzungen im Leben es zu etwas bringen kann, wenn man sich bemüht, wenn man Talent hat, wenn man kämpft und nicht aufgibt. 

DESWEGEN war das Foto, das durch so einen wichtigen, bedeutenden, berühmten Menschen mit Vorbildfunktion einem Diktator zur Legitimation verhalf, so ein schlimmer Fauxpas. Nix mit Moslem, nix mit Migrant, nix mit Rassismus. Ich besitze nicht die Kompetenz, die Arbeit von Herrn Grindel zu beurteilen. Aber selbst, wenn er der mieseste DFB-Funktionär wäre - nein, es geht nicht um das durch seine Inkompetenz verursachte frühe Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft ( ich hätte auch eher angenommen, dass das zum Aufgabenbereich des Bundestrainers gehört ), sondern um die Wahlkampfhilfe eines prominenten deutschen (!) Sportlers für einen fragwürdigen Führer. 

Euer Trick haut nicht hin. Noch nicht mal auf Englisch. Lustig, eigentlich. Habt ihr geglaubt, dass sich der Quatsch dann besser anhört, wie der Text eines Schlagers? Too late, Freunde, too late! Ihr seid keine guten Berater. 

Hey, Mesut! Soll ich Dich aus der Scheiße reden? Melde Dich, wenn Du Hilfe brauchst!


Sucht 

„Die krankhafte Abhängigkeit von einem bestimmten Genuss- oder Rauschmittel oder das übersteigerte Verlangen nach etwas, einem bestimmten Tun; Manie.“ 

Erklärt mir das Lexikon. 

Ach, jetzt komm schon. Irgendwie sind wir doch alle ein wenig süchtig, oder? Schau dich gern mal selbst an, und spiel hier nicht den Heiligen! Was? Du rauchst nicht, trinkst nicht, nimmst keine Drogen? Na herzlichen Glückwunsch! Du Heuchler! Und was war das neulich in der Spielbank? Und was passiert, wenn man dir Schokolade und Marzipan vor die Nase hält? Oder wenn die der Newsletter verkündet, dass es neue PEZ-Bonbon-Spender gibt, oder Ü-Ei-Figuren? Und erinnere dich freundlicherweise an deine hormongesteuerten Umtriebe, auch, wenn’s etwas her ist! Was? Das war, als du jung warst? 

Sucht ist ein schier unendliches Forschungsgebiet. Die empfundene Belohnung funktioniert über die Ausschüttung von Endorphinen, Endocannabinoiden, Dopamin im mesocortikolimbischen dopaminergen Belohnungssystem und diversen Rezeptoren. Aha. Geil. Fühlt sich einfach super an. Nicht nur die bereits erwähnten Süchte. Nein. Fressen, zum Beispiel. Oder die Nahrungsaufnahme verweigern, weil man sich für zu dick hält. Körperkultur im Studio, Piercings, Brandings, Tattoos. Laufen, bis der Arzt kommt. Illegale Autorennen - Rausch der Geschwindigkeit. 

Schwierig, zu bestimmen, wo die Grenze liegt, zwischen Vergnügen und Sucht. Vermutlich wird sie in dem Moment überschritten, wenn man nicht mehr anders kann, wenn alle Gedanken um das eine Thema kreisen. Und wenn die „Dosis“, wie auch immer das aussehen mag, immer höher werden muss, um das Glücksgefühl zu erzeugen. 

Sucht macht mir Angst. Ich habe immer Angst vor Kontrollverlust. Ich mag wissen, wo ich bin, wo ich war, mit wem. Welcher Monat ist, welches Jahr, wer ich bin. In der Psychiatrie nennt man das „in allen Dimensionen orientiert“, glaube ich. Ich mag nicht, das etwas etwas mit mir macht. Ich mag Selbstbestimmung. Ich mag auch einmal nein sagen können, zu mir selbst. Und zu meinem mesocortikolimbischen Belohnungssymstem. Scheiß auf Dopamin. Ich trink lieber meinen Zitronentee, und lasse alle Verlockungen an mir vorübergleiten. 

Und nun erfahre ich, dass ein mir mehr als nahestehender Mensch, auf dessen Werdung ich Einfluss hatte, mit Beschaffung und Vertrieb von Drogen einen Teil seines Lebensunterhalts bestreitet. Er hatte reichlich Pech, in seinem Leben, unbestritten. Aber darf das ein Grund sein für ein solches Handeln? 

Ich habe gearbeitet. Schon während dem Studium, als Dauernachtwache in einem kleinen Berliner Krankenhaus. Von 22-7 Uhr. Sieben Nächte, sechs Nächte frei. Dann sechs Nächte, sieben Nächte frei. Zwischendurch studieren. Nicht, dass ich kein Geld von Zuhause bekam. Aber das deckte gerade die Miete, und den Einkauf bei Aldi. Kino, Disco, Oper/Theater, Café oder die Lebensmittelabteilung im KaDeWe oder bei Wertheim waren nicht drin. Und wehe, man musste Bücher anschaffen. Da bin ich schon nach Ostberlin gefahren, aber umsonst waren die dort auch nicht zu haben. Und Hassan, meinen besten Freund, konnte ich auch nicht immer anschnorren. 

Mit Drogen handeln wäre natürlich bequemer gewesen. Zeitsparender, effektiver. Und sicher auch einträglicher. Aber auch gegen meine Ehre. Ehre? Ja, das ist das richtige Wort. Ehre. So pathetisch, wie es sich anhört. 

Ich hätte Sorge, durch den Vertrieb meiner Produkte anderen zu schaden. Und ich würde befürchten, durch mein Tun in Kreise hineingezogen zu werden, es mit Personen zu tun zu bekommen, die meiner Lebensphilosophie nicht entsprechen. Irgendwann würde ich auch sicher ein Funkeln im Auge des Gesetzes sein. Und wohlmöglich bald in meinem eigenen Netz zappeln, unfähig, die Geister, die ich rief, zu verbannen. 

Ich bin froh über Dein Vertrauen. Danke, dass du es mir erzählt hast. Ich werde dir weder zu- noch abraten. Du bist klug genug, um selbst Früchte vom Baum der Erkenntnis zu essen. Es macht mich traurig, das verhehle ich nicht. Aber ich werde weder dich aufgeben, noch die Hoffnung, dass du begreifst, dass dein Handeln irrig und moralisch verwerflich ist. 
Ich werde immer für dich da sein. Auch, wenn’s schwerfällt. Dennoch. 


Kleines, ärgerliches, und letztlich viel zu langes Resümee

Kürzlich hat sich jemand über mich beklagt. Was ich aber auch immer für Scheiß poste. Es handelte sich hier um Meldungen der Frühprogramme der Privatsender RTL und SAT1, das Schicksal Prominenter betreffend. 

Ich hätte ja wohl zu viel Zeit, meinte mein Kritiker. Ja, habe ich. Nicht zu viel, sondern exakt so viel, wie mir zusteht. Ich fand es witzig, den Kram zu parodieren. Denn es handelte sich hierbei um nicht mehr und nicht weniger als eine Parodie. Wer mich kennt, hat das erkannt. Und wer mich nicht kennt - naja, bei dem ist es mir eh wurscht. 

Ich bin stets überrascht, in welcher sachkundigen Weise sich die sogenannten „Society-Experten“ sich über die Society äußern. Wenn man Sybille Weischenberg, Vanessa Blumhagen und Benjamin Bieneck so zuhört, kann man sicher davon ausgehen, dass sie beim letzten Streit des Ehepaars Jolie/Pitt unter dem Tisch gesessen haben, und in der Hochzeitsnacht von Meghan und Harry auf dem Baldachin der Lagerstatt. Formulierungen wie „Und da hat der Pierce zu seiner Keely gesagt ...“ implizieren einen hohen Grad der Vertrautheit und Intimität, ganz so, als sei man gut mit Jan Ullrich und Boris Becker befreundet und zugegen gewesen, als ‚der Boris‘ ‚den Jan‘ - naja. 

Kürzlich hat sich jemand über mich beklagt. Was ich für Filme sehe, mit Schauspielern, die fragwürdigen Gruppierungen angehören. Lustig. Was mich ehrlich amüsiert, ist, dass sich inzwischen alle möglichen Leute als Experten empfinden. Eben gestern beispielsweise, als ich den neuen Mission Impossible-Film besuchte, und dies leichtsinnigerweise (mit)teilte. Ich erhielt umgehend Belehrungen hinsichtlich der weltanschaulichen Ausrichtung des Hauptdarstellers und eine präzise und fundierte Charakteristik desselben: Er verhielte sich „menschenverachtend“. 

Ich habe heute die erste Tageshälfte damit verbracht, Belege dafür zu sammeln. Ich habe ja die Zeit. Die Zugrunde gelegte Gleichung ist sehr schlicht, und mir etwas zu schlicht: Scientology - Menschenverachtung - > Tom Cruises Charakter. 

Um es kurz zu machen: ICH weiß es nicht. Ich bin ja kein Society-Experte. Ich hab nicht mit ‚dem Tom‘ gesprochen, sag mal, mein Alter, was soll das, mit dieser Organisation? Bist du denn wirklich ein Menschenverächter? Ich hatte keine Gelegenheit, ihn nach seiner Weltanschauung zu fragen. Er hat mir gegenüber keine Lebensbeichte abgelegt. Ich habe meine Weisheiten, wie vermutlich alle „Experten“, aus der Tagespresse. 

Wo ich nun gerade dabei war: Ich hab mich mal umgeschaut, unter den Promis und ihren Religionen. Die Zeit hab ich mir gern genommen. Wer mich kennt, weiß, dass ich keinem dieser Vereine angehöre, mehr noch, Religionen und ihre hässlichen Töchter, die Sekten, ablehne. Boykottierte ich diese entsprechend meiner Einstellung, wären Film, Funk und Fernsehen für mich tabu. In Hollywood laufen ja nur so Spinner herum. Ich will nicht alle aufzählen, die könnt ihr selber bei Google finden. Wenn ihr die Zeit habt, heißt das. [ http://www.religionfacts.com/celebrity ]

[ ( Kleiner Nachtrag, den man nicht unbedingt gelesen haben muss, weil mein Geschreibsel für den Facebook-Konsumenten sowieso wieder zu lang ist: ) Mir fällt das Schicksal von Ferdinand Marian ein. Ein wunderbarer, begnadeter Schauspieler der UFA. Er gab meist den dämonischen, unwiderstehlichen Liebhaber. Und wurde, von Goebbels' gezwungen, mit der Titelrolle in „Jud Süß“ betraut, obwohl er sich zunächst geweigert hatte. Ich habe den Film gesehen. Ein künstlerisch hochwertiges, perfektes, manipulatives, perfides, ekelerregendes Machwerk, mit den größten Stars, George, Söderbaum, Krauß, Kloepfer, Florath - bis in die kleinste Rolle. Und eben Marian, der nach dem Krieg wegen dieses Films mit lebenslangem Berufsverbot belegt wurde, und unter nie ganz geklärten, vielleicht suizidalen Gründen, 1946 bei einem Autounfall starb. 

Marian war unpolitisch, und eher gegen die Nazi-Brut eingestellt. Genützt hat ihm das nichts. Der Makel dieses Film haftet an ihm, über seinen Tod hinaus. 

War es richtig, den Schauspieler aufgrund eines Films abzulehnen? Muss man im aktuellen Fall den Film wegen des Schauspielers ablehnen? Ich weiß es nicht. Ich schaue auch weiter Marian-Filme wie ‚Romanze in Moll‘ oder ‚Münchhausen‘. Ohne schlechtes Gewissen. Und ich schaue weiter Tom Cruise Filme. Ich muss ‚Jud Süß’ nicht mögen. Und ich muss Scientology nicht mögen.
 Ich bedauere zutiefst, wenn ich damit jemandes Gefühle verletze. Aber damit muss und kann man gut leben. Macht euch nicht so viel Sorgen um mich. Ich kann gut differenzieren. Sorgt euch gern um euch selbst. ]



Ich halte an. Sogar die Luft.

Ich bin ein soziales Wesen. Also, zumindest tu' ich gern so. Ich spreche gern mit der Kassiererin im Supermarkt, oder der gastronomischen Fachkraft im Restaurant. Wenn der Postbote zweimal klingelt, erkundige ich mich nach den gesundheitlichen Problemen seiner Gattin, helfe der Nachbarin beim Verschieben der Blumenkübel, und bringe ihr gern die Einkäufe mit, besonders im Winter, dann muss sie nicht extra raus, weil sie doch so unsicher fährt, wenn es glatt ist. 

Heute habe ich es wieder mal unter Beweis gestellt. Ein junges Mädchen stand, Daumen nach oben, am Straßenrand. Na klar nehme ich jemanden mit. Neulich erst eine schwangere junge Frau mit ihren beiden Supermarkt-Tüten. Und vor einiger Zeit einen Jungen, der durch den strömenden Regen lief. Kein Problem. „Dazs izst aber nett,“ lispelte sie. „Mir izst gerade der Buzs vor der Nazse weggefahren, und der nächzste kommt erzst in dreizsig Minuten!“ 

Das bedauere ich. Und beginne eine kleine Konversation, indem ich frage, womit sie so ihre freie Zeit totschlägt. „Gazstronomie“, erklärt sie. Und entwickelt eine ziemlich perfekte Typologie der Trinkgeldgeber, in der sie auf Euro und Cent genau vorhersagen kann, wer wieviel seiner Rechnung zuschlägt. Sie beendet ihre Ausführungen mit einem kleinen, beinahe schüchternen „Brrrp“ aus den unteren Körperregionen. Donnerwetter. „Die Leisen stinken am meisten!“, weiß der Volksmund. Uraltes, weises, fundiertes Volkswissen, das sich in diesem Fall leider bestätigt. 

Nonchalant versuche ich, von dem kleinen Missgeschick abzulenken. „Heiß heute, oder? Ich lass' mal das Fenster herunter?“, und drücke auf die entsprechende Taste. „Oh, bitte nicht, ich hab so Halzsschmerzsen!“, lispelt sie. „Zsugluft izst mir nicht angenehm!“

Na gut. Der Moment hat eigentlich auch schon zum Luftaustausch gereicht. Kaum ist das Fenster oben, ertönt erneut ein „Brrrp“. Und abermals umwabern typische Aromen meine Nase. Aber ich möchte meinem Fahrgast Peinlichkeiten ersparen. „Ich glaube“, stelle ich, um Fassung ringend, fest, „auf den Feldern wird schon wieder mit Jauche gedüngt, meinen Sie nicht?“
„Ich verzsteh nixzs von Landwirtschaft“, behauptet sie mit anmutigem Lächeln. „Nur von Gazstronomie! Ach - könnten Zsie dazs Gebläzse auzsmachen? Mein Halzs - ich glaube, die Schmerzsen werden schlimmer!“

Und kaum habe ich auf die Taste gedrückt, dringt erneut das bekannte „Brrrp“ an mein Ohr, und Unaussprechliches wenig später an meine Nase. 

Kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren, trete ich auf das Gaspedal. Der rötliche Blitz ist mir egal. Was bedeutet schon Geld, wenn es ums nackte Überleben geht? „Wo müssen Sie raus?“, erkundige ich mich. „Könnten Zsie mich nicht bizs nach Hauzse ...?“ Nein, auf keinen Fall. Ich würde gern, wenn ich könnte, aber ich will nicht. Vermutlich ist noch Bohnensuppe da, mit der sie mich laben würde, zur Belohnung. Ich steuere eine Bushaltestelle an, denn ihren Bus haben wir inzwischen überholt. Jetzt erwischt sie ihn mühelos. „Danke“, sagt sie immerhin. „Fahren Zsie hier öfter?“

„Nein, nie“, lüge ich. „Wissen Sie, ich bin gar nicht von hier. Das Auto gehört meinem Bruder. Reiner Zufall.“ Sie zuckt mit den Schultern, und steigt aus, nicht ohne noch beim Aussteigen ihr Revier mit dem ihr eigenen Œvre zu markieren. 

Ich habe nicht genug Fenster zum Herunterlassen. Am liebsten würde ich auch das Rückfenster und die Windschutzscheibe öffnen, und wünsche mir zum ersten Mal im Leben, Besitzer eines Cabrios zu sein. Der Fahrtwind umspielt meine Züge. Und so langsam ergreift atembare Luft wieder Besitz von meinen geschundenen Nasenschleimhäuten und dem Nervus Olfactorius.

Erinnert ihr mich bitte morgen daran, zur Tanke zu fahren, um ein paar Wunderbäume zu kaufen? Für die nächsten Anhalter! 


Food Hell

„Lass uns doch in die Europa Passage gehen. In den ‚Food Sky‘, ganz oben.“ 
Ich kann das nicht beurteilen. Ich war noch nie da. Als ich das letzte Mal in diesem Zentrum etwas zu mir nahm, musste man das noch ganz unten tun, oder bei McDonalds im 1. Obergeschoss.

Es ist brechend voll, gegen 14 Uhr. Alle Tische sind besetzt. Halt, da erheben sich gerade drei Leute. „Entschuldigung, wird hier frei?“ Super. Allerdings nur drei Stühle für 7 Leute. Das könnte knapp werden. Aber wir arbeiten an dem Problem, bitte noch etwas Geduld. „Wir teilen uns einen“, bieten die beiden Mädchen an, dünn, wie sie sind. Und die Patriarchin hat ihren (Roll-)Stuhl immer dabei. So geht’s. 

„Ich bewache die Beute, ihr schwärmt aus zum Essen holen“, schlage ich vor. So geschieht es. 
Ein junger Mann in hellgrüner Weste schlendert heran und greift nach einem der Stühle. „Lassen Sie bitte den Stuhl da, wo er ist!“, weise ich ihn an. „Der Stuhl ist frei!“, widerspricht er. „Ich halte ihn besetzt“, entgegne ich. Und erläutere kurz, dass die Menschen sofort zurückkommen werden.

„So geht das aber nicht“, weist er mich zurecht. „Sie können doch hier nicht alle Stühle -“
„Doch, kann ich. Sieben zahlende Kunden, fünf Stühle. Kein schlechter Schnitt. Außerdem sind die Stühle nicht angeschraubt, oder Tischen zugeordnet. Das machen hier alle so.“

„Dann räumen Sie hinterher aber wieder auf!“

Ich bin, was selten passiert, sprachlos. Allerdings nur einen kurzen Moment. „Sie sind dreist, junger Mann. Ich versichere Ihnen, dass ich nicht Ihren Job erledigen werde. Dafür werde ich nicht bezahlt.“ Er schaut mich mit demselben Blick an, mit dem man im Zoologischen Garten eine Vogelspinne betrachtet. „Sie müssen die Stühle zurückstellen!“ Ich lächele ihn freundlich an. „Einen Scheißdreck muss ich!“

Da nähert sich bereits der Rest der Truppe, und der Mann mit der hellgrünen Weste verzieht sich. Ich nutze die gute Gelegenheit, via Facebook eine Beschwerde an die Center-Leitung abzusetzen, so lange mein Ärger noch frisch ist. 

„Hallo Peik ,
vielen Dank für deine Nachricht. Wir melden uns so schnell wie möglich bei dir. 
Allgemeine Infos findest du auch auf https://www.europa-passage.de/
Viele Grüße, deine Europa Passage
(Das ist eine automatisch generierte Antwort)“

Das Essen sieht automatisch generiert und lieblos aus, wird mit Plastikbesteck (!) ausgegeben, ist inzwischen angenehm kühl, und schmeckt verheerend. Ich habe afghanische Küche gewählt, unter anderem Kofta. Die Dinger sind staubtrocken, zu Tode gekocht, und zerbröseln wie Staub in meinem Mund. Dafür sind die Auberginen des Badenjan nur kurz mit der heißen Pfanne in Berührung gekommen und so gut wie roh. Ungenießbar, das Zeug. Gut, dass mir der Appetit sowieso vergangen ist. Ich frage mich, ob das wohlmöglich geplante Strategie des ‚Food Sky‘ ist. Zunächst suggeriert die Bezeichnung mit „Essen“ und „Himmel“ irgendetwas himmlisch Leckeres, dann kommen die Jungs in hellgrün und verderben dir Hunger und Laune. 

Heiter bemerke ich, dass mein neuer Freund gerade mit Gästen am Nebentisch streitet. Dieser ist recht nahe an der Station, zu der man die abgegessenen Tabletts bringen soll, angeschraubt, und eine junge Frau sitzt ihm im Weg. Verschüchtert erhebt sie sich, um ihm Platz zu machen. Das hätte ich nicht getan, im Gegenteil. Was geht mich die Planung der Raumaufteilung an? Der Tisch ist deutlich falsch montiert. Aber nicht von den Gästen.

Geschafft. Dem Himmel sei Dank. Es war grauenvoll. In jeder Hinsicht. Die Rückgabe-Station läuft über. Unser Mitarbeiter des Monats hat ja auch zu viel damit zu tun, die Gäste zurechtzuweisen. Und so lasse ich genussvoll die Tabletts auf dem Tisch stehen, als wir aufbrechen. 

Food Sky? Seid gewarnt, Freunde. Esst lieber eine Currywurst am Stand, oder ein Matjesbrötchen am Hafen. Ist billiger, und besser. Macht einen Bogen um den Food Sky. Einen großen Bogen.


‚Neue beste Freunde‘ oder ‚Paten unter sich‘

Es gibt immer mal wieder Situationen im Leben, die beginnen ganz leise. Völlig unauffällig. Alltäglich, und harmlos. Und dann laufen sie irgendwie aus dem Ruder, nehmen eine neue, unerwartete Richtung, entgegen aller Routine und Lebenserfahrung. Es kommt jemand auf einen zu, und man spürt sofort - da kommt was auf einen zu. Alles ist anders, plötzlich. Und man kann das Boot nur noch mitrudern, und auf das Beste hoffen.

Zwischen Sex-Shops, Porno-Kinos und Bars findet sich auf der Reeperbahn auch ein McDonalds, schräg - sehr schräg! - gegenüber vom „Schmidts“, dem St. Pauli-Theater und der Davidswache, die eigentlich Davidwache heißt. Es ist schon recht spät, und ich beschließe spontan, dort noch auf einen Cappuccino einzukehren. Mit meinem Tablett nehme ich am Rand des Raums Platz. Ich hasse die Plätze mittendrin, fühle mich dort immer beobachtet. Und wenn hier jemand beobachtet, dann ich. 

Die Tür öffnet sich, und eine Gruppe junger Männer betritt das Etablissement. Schätzungsweise nicht ganz 30 Jahre alt, vermutlich um die 15 Jahre Knast. Ihre Lieblingsfarbe ist schwarz. Wirklich spannend. Einer von ihnen ist das Alpha-Männchen, der Boss, der Babo, auf dessen verbale und, besonders, non-verbale Zeichen die anderen peinlich genau achten. Sie behandeln ihn mit fast unterwürfigem Respekt. Nicht mal sein Getränk muss er sich selbst holen. Einer von den Jungs apportiert. An seiner Hand, mit der er den Becher zum Mund führt, entdecke ich einen protzigen, silberfarbenen Ring mit gelblichem Stein. Vermutlich müssen die Mitglieder der Gruppe den zum Gruß küssen, wie beim Paten, oder dem Papst, schießt es mir durch den Kopf. 

Er strahlt eine Art machohafter Autorität aus, die mich eher amüsiert, als einschüchtert. Wie bei Hagenbeck, im Affenhaus. Das scheint was mit lang verschütteten Urinstinkten, Atavismus und so'm Zeugs zu tun zu haben. Dabei wirkt der Junge nicht im mindesten wie ein Primat. Irgendwie hat er es zu verhindern vollbracht, dass beim Bodybuilding sein Kopf übergangslos in den Hals übergeht, und zu diesem hässlichen Stiernacken führt. Und, abgesehen von den typischen Stammeszeichen,  er sieht wirklich klasse aus. Allen gemeinsam ist der Undercut, die gegelte, schwarz-glänzende Tolle, der sorgfältig konturierte Bart. Er hat nicht diesen asiatisch-flachen Kim Jong-un-Hinterkopf. Bei ihm sieht es gut aus. Seines Gesichtszüge sind fein, fast edel. Eine schmale, gerade Nase. Unglaubliche, lange Wimpern umrahmen die dunkelbraunen Augen, seine Zähne sind weiß und regelmäßig, und er verfügt über zwei sehr attraktive Grübchen. Das eine unterteilt sein Kinn in eine rechte und eine linke Hälfte, das andere tritt beim Lächeln zutage, auf seiner rechten Wange. 

„Ey! EY! Was guckst du? Willst 'n Passfoto? Bist du schwul oder was?“ Das gilt mir. Sofort sind zwei Männchen der Herde aufgesprungen und bewegen sich mit Drohgebärden in meine Richtung. Ich höre, wie ich antworte, „Schau mich an! Ich bin 61! Ein alter Mann! Glaubst du, dass das in meinem Alter noch wichtig ist, ob ich schwul bin oder nicht?“ 

Er denkt nach. Wirklich? Man sieht ihm an, wie seine kleinen grauen Zellen arbeiten. Dann fragt er, „Und was guckst du?“ Und, entgegen jeder Vernunft, erwidere ich, „Weil du geil aussiehst, Alter!“ 

Er ist damit überfordert. Seine Züge verfinstern sich. „Doch schwul oder was?“ Ich verliere die Geduld. „Mein Gott, dann frag doch nicht, wenn du die Antwort nicht aushältst! Wovor hast du Angst?“ Irgendwie wünsche ich mir plötzlich, dass ich meine große Klappe besser im Griff hätte. Worauf habe ich mich da eingelassen? Hoffentlich bringen die mich später ins Barmbeker Krankenhaus. Wenn ich das hier überlebe, heißt das. Ob die Zeitungen darüber berichten werden? „Rentner auf St. Pauli halbtot geprügelt?“ Ruhm? Gerne. Aber so?

„Schwul ist eklig“, behauptet mein Kontrahent, und beifällig nickt die Herde. „Ey, wenn mich so einer anpackt -“ Er schüttelt sich, und verzerrt sein Gesicht zu einer Grimasse. „Ich find Frauen geil. Frauen mit großen -“ ( Das zensiere ich. Dieser Text hier soll ja jugendfrei und facebooktauglich bleiben. ). Er macht eine Pause, und grinst. „Ich mag, wenn Frauen - gierig sind. Verstehst du? Gierig!“ Er spricht das ‚gierisch‘ aus. Ich verbeiße mir ein Lachen. „Mein Bruder fand das nicht so toll“, scherze ich, „bei seiner Scheidung, als Inga ‚gierisch‘ wurde.“ Und wieder denkt er nach, was seine Attraktivität noch erhöht. Das Resultat seiner Überlegungen führt direkt zu einem breiten Grinsen. „Komm her, Bruder!“, befiehlt er. „Setz' dich!“ Eine Kopfbewegung reicht, und wie von Zauberhand ist der Stuhl neben ihm plötzlich frei. 

„Ich bin Peik“, eröffne ich die Diskussion. Und zum ersten Mal in meinem Leben höre ich kein „Hä? Wie heißt du? Was'n das für'n Name?“ Er nickt. „Erkan“. ( Er sagt nicht ‚Erkan‘. Ist aber dicht dran. ) Wir reden. Ich habe keine Ahnung mehr, worüber, obwohl es erst 24 Stunden her ist. Ich betrachte ihn. Die Variationsbreite seiner Mimik. Kinder, Kinder. Was hätte aus ihm werden können. Schauspieler. Model, wenigstens. 

„Hast du Handy?“
„Na klar hab ich EIN Handy“, antworte ich mit diesem ätzenden Unterton des Besserwissers. 
„Gib mir!“
Da haben wir’s. Ich werde soeben „abgezogen“, wie das heute heißt. Warum muss ich auch immer die Klappe aufreißen, mit dieser klugscheißerischen Arroganz? Geschieht mir ganz recht!  Und was will er als Nächstes? Geld? Meine linke Niere? 
Er schnappt sich mein iPhone, und tippt darauf herum. Sein Handy klingelt zweimal. Dann schiebt er es über den Tisch in meine Richtung. „Meine Nummer. Schreib hin: Erkan. Wenn du Problem hast, ruf an. Ich mach ihn platt.“
„Willst du meine Nummer?“ Er grinst, und tippt auf sein Smartphone. „Hab ich, Bruder!“

Wir verabschieden uns. Respektvoll weicht die Herde vor mir zurück. Erkan erhebt sich mit mir, ergreift meine Schultern, und küsst mich - rechte Wange, linke Wange. „Du küsst gut“, sage ich heiter. Er erschrickt, zögert zwei Sekunden. Dann lacht er, und klopft mit seiner rechten Hand auf meine Wange. Gottseidank. 
Und ich? Ich habe einen neuen Freund. Seht euch vor mir vor, Leute. Eines Tages werde ich Erkan um einen Gefallen bitten, den er nicht ablehnen kann ...


Literarische Enthauptung

Erst dachte ich, Nanu, hat Facebook die Gemeinschaftsstandards verändert? Ich tummele mich gern auf - nein, nicht auf Porno-Seiten! Irgendwann ist man für so etwas zu alt, oder? - nein, auf verschiedenen Buchblogs. Man muss ja wissen, was so los ist, in der Szene. Im Augenblick scheinen kopflose Jungs hoch im Kurs zu stehen!

Nein nein, ich meine nicht die Damen und Herren von der AfD. Auch nicht Herrn Sarrazin, obwohl das nach seiner neuesten Publikation sehr nahe liegt. Weit gefehlt. 

Es geht hier vielmehr um Belletristik, Unterhaltungsliteratur. Gern auch mit einem Schuss Erotik. Erstaunlich finde ich, dass sich die Attraktivität des Mannes auf die abgebildete Region zu beschränken scheint. Und etwas schade finde ich auch, dass den Entwerfern von Einbänden kein anderes Motiv einzufallen scheint. 

Was soll vermittelt werden? Die Schönheit des jungen Mannes liegt also im Bereich des Abdomens, die des reifen Mannes bekanntermaßen immateriell im Bereich Geld und Macht. Auf den Kopf kommt es nicht an. Oder was sonst wollen mir diese Buchtitel sagen? Ist das einfach nur ein simpler „Sex-Sells“-Verkaufstrick? Dabei sind so wunderbare Bücher wie das von Lily Konrad dabei! 

Ich warte auf das Bild eines Mannes, der einen Kopf hat. Der nicht enthauptet wurde. Einen Kopf, den er zum Denken verwendet. Dann darf er  ( von mir aus auch einen Waschbrett- )Bauch haben. Ist aber keine Bedingung! 



Blaue Augen und Spaghetti-Eis

Der jüngste Sohn meines Freundes Michael heißt Markus, und ist Tischler oder Schreiner, je nachdem, wo man sich in Deutschland gerade aufhält. Als Micha anruft und fragt, ob wir beim Umzug des Jungen helfen würden, sage ich gern zu. Ich bin nicht gut im Schleppen, als herzkranker Fußlahmer, aber sehr tüchtig im Einpacken und Auseinanderschrauben. 

Bei dieser Gelegenheit lernen wir Babsi kennen. Babsi ist die neue Partnerin von Markus, eine nette, hübsche junge Frau, die einen 8-jährigen Jungen, Hannes, mit in die Beziehung bringt. Hannes ist ein scheues, zurückhaltendes, blasses Kind. Riesengroße, ernste, blaue Augen. Ich beobachte, wie Markus mit dem Kind redet. „Lass das.“ Oder „Hör auf!“ Oder „Was soll das?“ 

Markus ist pleite. Nein, nicht nur pleite. Das ginge ja noch. Er hat Schulden. 90000 Euro. 

Seine kleine Firma hatte einen so tollen Auftrag erhalten. Alle Holzarbeiten an einem Einfamilienhaus. Neue Türen, Treppen, Fußböden, dazu einen neuen Carport, und ein Büdeken für die Gartengeräte. Den Auftrag erteilte die Dame des Hauses. Markus berechnete Aufmaße, kaufte ein, hobelte, schnitt zu, verbaute - was man eben so tut, als Tischler. Er erlaubte sich, mittendrin eine Rechnung für die Materialien zu stellen, die unbezahlt blieb. Er erfuhr von dem Ehemann, dass er für die Schulden der frisch geschiedenen (!) Gattin nicht aufkommen würde. Ein Rechtstreit verschlang die letzten Reserven. Und vernichtete seine Existenz. 

Micha ackert wie ein Blöder, um seinem Sohn zu helfen. Dafür bewundere ich ihn. Und deswegen zögere ich keinen Moment, wenn er mich um eine wie auch immer geartete Hilfe bittet. Wie jetzt, bei Markus' Umzug zu helfen. Bei dem ich beobachte, wie Markus mit Hannes, seinem Stiefsohn, redet. 

Genug eingepackt, genug auseinander geschraubt. Irgendwas muss geschehen.

Babsi sagt nix, weil sie Angst hat, Markus zu belasten und damit, auf lange Sicht, zu verlieren. Auch 2018 nimmt nicht jeder Junge ein Mädel mit einem 8-jährige Sohn.
Micha sagt nix, weil er weiß, wie sein Junge leidet.
Markus ist wütend, auch auf sich selbst. Verzweifelt. Traurig. Und wie, bitte, soll jemand, der sich gerade selbst nicht lieben kann, jemand anderen lieben? 
Hannes ist unglücklich, und voller Angst. Dabei ist er ein Kind, das einem Freude macht. Ich komme gut mit ihm klar. Er spielt gern mit seiner Konsole, die aber leider schon sehr alt ist, neue Spiele laufen nicht darauf. Lesen nicht so. Fußball. Kino? Zu teuer. Mama sagt, die Filme kommen sowieso bald im Fernsehen. Schule ist ok. Ja, Eis mag er auch. Ein solches spendiere ich ihm, Mama hat’s erlaubt. 
Es dauert ein Schoko-Spaghetti-Eis lang, bis er auftaut. Erstaunlich, was man mit 8 bereits alles versteht. Ich erkläre ihm, dass Markus große Sorgen hat, und es deshalb oft schwierig ist, mit ihm klarzukommen. Riesengroße, ernste, blaue Augen sehen mich an. 

Ich muss mit Markus reden. Dringend. Vielleicht sollte ich mich raushalten. Oder erstmal Micha ansprechen. Oder? 
Ich weiß nur eins: Entweder wird aus Hannes ein kiffender, saufender, trotziger Jugendlicher mit Hang zu Gewaltausbrüchen und Knasterfahrung, oder ein netter junger Mann, der entsprechend seinen Begabungen alles im Leben, war er möchte, erreichen kann. 

Die eleganteste und bequemste Lösung wäre, vorzuschlagen, sich professionelle Hilfe zu suchen. Da wäre ich fein aus dem Schneider. Ob allerdings Markus den Nerv hat, zusätzlich zu den Belastungen, denen man unterliegt, wenn einem das Wasser nicht nur bis zum Hals steht, sondern die Wogen über seinem Kopf zusammenschlagen, noch mindestens einmal in der Woche seine Therapiestunden wahrzunehmen? Ich bin da nicht so sicher. 

Ich muss mit Markus reden. Beim Spaghetti-Eis gab es einige Momente, in denen in diesen riesengroßen, ernsten, blauen Augen etwas aufflackerte, was ich in Zukunft häufiger sehen will. 
Ich muss unbedingt mit Markus reden. 


„Shooting at McDonalds, Eiffestraße“ oder „Wie ich meine Deadline verpasste“

McDonalds, Eiffestraße. Eins meiner Arbeitszimmer. Immerhin, ich bin wichtig. Ich habe eine Deadline zu beachten. Ja, ich. Eine Deadline. Ja, ich weiß. Früher hätte man gesagt, Hock dich hin, der Text muss fertig werden. Das ist sie, die Deadline. 

Im Schnellrestaurant ist der Teufel los. Eine Crew wirkt dort. Offenbar werden Fotos für eine Werbekampagne gemacht. Für jede Aufgabe stehen entsprechende Leute zur Verfügung, die alle unfassbar wichtig sind. Die ganz besonders Wichtigen erkennt man an ihren MacBooks. Sie haben sich über diverse Tische verteilt, und rotzfrech setze ich mich dazwischen, bitte, ich bin auch wichtig, mit meiner Deadline. Am schrillsten kommt die junge Frau vom Make-up 'rüber, unter deren gelber Wollmütze einige kirschrote Haarsträhnen hervorlugen. Die Frau von der Requisite sieht unglaublich bieder aus. Jeansrock zu Turnschuhen, Collegejacke aus Fallschirmseide und ein brauner Karo-Schal, mit brauner Wollmütze? Na gut. 

Da hinten stehen die Models. Er ist ein Mann um die 40. Mein Gott, ist der hässlich. Statt einer Nase hat er einen Rucksack im Gesicht. Und eine grüne Wollmütze auf dem Kopf. Ich versuche, attraktiv und intelligent gleichzeitig auszusehen. Vielleicht werde ich entdeckt? Heiter blicke ich in die Runde, und improvisiere Gesichtsausdrücke. Gelangweilt. Hungrig. Froh. Verführerisch. Lege einen Finger an meine feine, gerade Nase. Alles umsonst. Offenbar sind hässliche Männer mit großen Nasen eher gefragt. 

Sie wirkt transparent. Fast weiß geschminkt. Hellblond gebleichte Haare kommen zum Vorschein, als sie sich ihrer blauen Wollmütze entledigt. Sie ist überwiegend weiß gewandet. Ständig zupft die gelbe Wollmütze an ihr herum und probiert was mit ihren Haaren. Strähnig? Oder zu einem kleinen Knauf an Hinterkopf gedreht? 
„Die Arches müssen mit drauf, beim Signature“, kommandiert der Junge mit der schwarzen Wollmütze neben mir. Hey. Der Boss offenbar. „Sollen die Pommes lose aufs Tablett?“, fragt devot ein schmales, blasses Mädchen. „Nein, in so 'ner roten Schachtel! Und ja keine Cola in den Becher! Das schimmert durch! Nur Wasser!“ 

Blitze durchzucken den Raum. Der Boss muss nach dem Rechten schauen. „Passen Sie mal kurz auf mein MacBook auf!“, kommandiert er in meine Richtung. Ja, gern, aber wissen Sie, ich habe eine Deadline - ach, egal. 

„Wenn wir die Haare hinten zusammen machen, werden wir unflexibel“, behauptet die gelbe Wollmütze. Ich persönlich finde, dass das was mit dem Gesicht zu tun hat, aber ich werde ja nicht gefragt. „Lippenstift!“, schreit einer von hinten. Die Wollmütze hat zu tun. Scheinwerfer und diese reflektierenden weißen Schirme werden von einer Ecke in die andere geschleppt. „Wo ist die Kiste mit den Portemonnaies? Requisite!“

Plötzlich kommt auf mich eine pinkfarbene Wollmütze zu, mit einem Nasenpiercing. Jetzt. Endlich. Das ist es. Meine Chance auf den internationalen Durchbruch. Ich bin das neue Gesicht des Big Mac. Das wollte ich schon immer sein. Mein Lächeln geht um die ganze Welt. Vor Folgeaufträgen kann ich mich nicht retten. Giselle Bündchen, Cindy Crawford, Naomi Campbell - alle wollen mit mir arbeiten. ‚Wie wurden Sie Topmodel, Herr Volmer?‘, wird man mich in Interviews fragen. Und ich werde bescheiden sagen, ‚Ach wissen Sie, komische Geschichte. Ich musste eine Deadline erreichen ...‘ 
„Entschuldigung, gehört Ihnen der silberfarbene Golf vor dem Eingang?“ Was hat sie gefragt? Golf? Ich?

Und mit einem lauten Knall zerplatzt mein Traum von der Karriere. „Draußen wird das Licht schlechter“, stöhnt ein junger Mann mit einer grauen Wollmütze. „Ok! Fertig für heute! Wir machen morgen weiter!“ In Windeseile wird alles abgebaut, und der Spuk verfliegt, wie ein Gewitter im Sommer.

Und wie soll ich jetzt die Deadline schaffen? 
Ich werde sie verpassen, da bin ich sicher. 
„Was schreiben Sie da?“ Huch? Der Boss. Es scheint gefährlich, mit ihm nicht einer Meinung zu sein. „Über das Shooting“, erkläre ich schüchtern. Er liest, was ich geschrieben habe. „Ist gut“, grinst er. „Aber das sind keine Wollmützen. Das sind Indoor-Mützen!“

( Notiz an mich: Unbedingt eine Indoor-Mütze kaufen! Türkis. Ja, Türkis. Ich glaube, das steht mir! )





„Anspruchsvolle Kundschaft“ oder „Was ist denn nun mit der Deadline?“

McDonalds, Kollaustraße 25. Großer Wintergarten. Sieht gut aus. Von außen. Und ich muss doch unbedingt - die Deadline, ihr erinnert euch.

Ich habe gerade gefrühstückt, aber einen Cappuccino könnte ich mir gut vorstellen. Dann rutschen die Buchstaben besser. 

Hinter dem Tresen des McCafé steht niemand, dafür, zu scheußlichen Klumpen geballt, einige Mitarbeiter hinter dem Counter für die restlichen Lebensmittel. Zwei davon sogar mit Headset. Die ältere blonde Servicekraft schaut interessiert in meine Richtung. Dann beginnt sie eine Diskussion mit einer jüngeren Dame, vermutlich über die gestrigen Ereignisse im Bundestag, den semantischen Unterschied zwischen Hetzjagd und Verfolgung, oder auch nur über das Rechtsstaatsverfahren gegen Ungarn. Die Jüngere ist dagegen, irgendwie, und bewegt sich zögernd in - ja, tatsächlich, in meine Richtung. Hält inne, erwidert etwas, kehrt fast in ihre Ausgangsposition zurück, dann wieder auf mich zu. Gleich. Gleich ist es so weit. „Guten Morgen, was kann ich für Sie tun?“, wird sie mich fragen, mit diesem freundlichen Lächeln, das die Fotos, die gestern in der Eiffestraße entstanden, der gegenwärtigen und zukünftigen Kundschaft verheißen. 

Ja. Jetzt gleich. Nur noch ein paar Zentimeter - und Zack! Plötzlich biegt sie ab und verschwindet durch eine Tür, wie Hans Klock in seiner Zauberkiste. Die ältere Blonde hat jetzt natürlich keine Zeit. Sie muss auf einem Bildschirm herumtippen, einem jungen Kollegen Anweisungen hinsichtlich der Reinigung der Oberflächen geben, und sich mal so richtig strecken. Anstrengend, den ganzen Tag herumstehen. Geht auf den Rücken, und die Knie. Wenn’s was zu tun gibt, geht’s ja. Aber wenn nichts los ist - schrecklich. Einfach schrecklich! 

Aus dem Hintergrund taucht eine junge Frau mit Zopf auf. Sie schaut bebrillt kurz in meine Richtung. Na also. Dies wundervolle Gefühl, als Kunde wahrgenommen zu werden. Man kann sich förmlich hineinkuscheln, wie in eine wärmende Decke.

Zu früh gefreut. Sie ist nicht zuständig. Bei mir nur Burger, sorry. Kaffee is' nich'. Ich kann mich hier weiß Gott nicht zerteilen. Die Kunden werden immer anspruchsvoller. Der eine will Kaffee, der andere Hamburger - was kommt als nächstes? Salat? Kuchen? Nein, mein Herr. SO haben wir nicht gewettet.

Ich gebe auf. Der viele Kaffee ist ja auch gar nicht gut. Mit meinem Herzen steht es eh nicht zum Besten, und ich sollte den Kaffeekonsum etwas reduzieren, meinte kürzlich mein Kardiologe. Danke, McDonalds, für die Sorge um meine Gesundheit. Sehr aufmerksam. 

Ich nehme also ohne Heißgetränk an einem der Tische Platz, und beginne, diesen Text hier zu schreiben. Ununterbrochen kommt nun jemand vorbei: Der Junge mit dem Wischtuch, die ältere Blonde, sogar die Jüngere ist wieder aufgetaucht. Der bebrillte Zopf schäkert mit einem schwarzhaarigen Herrn mit leichtem Akzent, der mir vorher noch gar nicht aufgefallen war. 

Ich werde noch eine gute Stunde hier sitzen. Ob wohl jemand auf mich zukommt und mich darauf hinweist, dass es hier so etwas wie eine Pflicht zum Verzehr gibt? Schließlich ist das keine Wärmehalle, sondern ein Restaurant, nicht wahr. Diese Kunden, heutzutage! Also wirklich!

Warten wir’s ab, und arbeiten uns in Richtung Deadline vor!

Nachtrag: Eben steht die bezopfte Brille vor mir und fragt, ob ich etwas bestellt und noch nicht bekommen hätte. Ich erkläre ihr die Situation. Mit einem werbewirksamen Lächeln, einer Entschuldigung und Service am Platz macht sie meinem Unmut freundlich den Garaus. Schwamm drüber! 



„Tanz auf dem Vulkan“ oder „ ... und wohin fliehen Sie?“

Erst wird Herr Maaßen zum Sonderberater. Der Kaiser und der Führer hätten ihm noch eine Fantasie-Uniform verpasst, und ihn mit vaterländischen Orden dekoriert, damit er trotzdem noch nach was aussieht. 

Was für ein Zufall! Oder nicht? Gerade habe ich im ZDF „History“ die Sendung über die Kindertransporte aus Deutschland und Österreich nach England gesehen, nach dem Progrom vom 9. November 1938. 

Es mag vermessen klingen, aber ich habe mich gerade gefragt, wohin ich fliehen würde, wenn der Verfall jeden Anstands, jeder politischer Kultur in den Grenzen vom 9. November 1989 ( „Das trifft nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich!“ ) in dieser rapiden Form seinen Fortgang nimmt. 

Ich bin ja auch kein Kind mehr, im Gegenteil. Lohnt sich das überhaupt, wird man an der Grenze sagen. Sie sind zu alt, zu krank. Ein Kostenfaktor, ein Risiko. Vermutlich schwer zu integrieren. Na gut. Aber wohin? England? Skandinavien? Wie lange wird es dauern, bis der Anschluß Österreichs, Polens, der Benelux-Staaten, Frankreichs an das Deutsche Reich vollzogen ist? Schweiz? Da fällt mir nur Roger Köppel ein. Vom Regen in die Traufe. 

Wir werden beschwichtigt. 1936 mit einer Olympiade. 2018 mit Fernsehserien, Unterhaltungselektronik, Alexa. Man bietet uns was. Das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der WM. Fahrverbote zum Klimaschutz. Der Tod von Hans Beimer aus der „Lindenstraße“. Das Kasperletheater der sogenannten GroKo. Royale Hochzeiten. Man lullt uns ein mit Kochshows, Dschungelcamps, Superstars. 

Wir tanzen auf einem Vulkan, Freunde.


Ohne Kebschubb

McDonalds, an einer bundesdeutschen Autobahn. Ich nehme zeitgleich mit einer Familie Platz, die mir wegen ihrer drei kleinen Töchter auffällt. Der Papa befragt die Nachkommenschaft, wonach Ihnen der Sinn steht. Es handelt sich um junge Damen von ca. 12, 9 und 7 Jahren. Wie süß! Kinder machen einem so viel Freude! Und man bekommt so viel zurück! 

Die beiden Großen wählen gelangweilt ein Produkt der ortsüblichen Sandwich-Produktion. Die Wünsche der Kleinen sind etwas sprunghafter und undifferenzierter. Hauptsache, „kein Kebschubb“. 

Papa ist schon mal die Speisen holen gegangen. Mama bewacht die Brut. Die Kleine spielt, die Großen kichern. Erstaunlich, wieviel Gründe zum Kichern es gibt. Mama klopft mit der flachen Hand auf die Tischplatte, als die unkritische Heiterkeit ihren Höhepunkt erreicht. Da kommt Papa zurück. Alle setzen sich in Positur, als empfingen sie in einem Gotteshaus das heilige Abendmahl. „ ... nahm er den Burger, dankte, brachs, gabs seinen Töchtern und sprach ...“ 
Von wegen. 

„ Iiiiii, Zwiebeln!“ Ein Aufschrei, voller Ekel, Verzweiflung, Vorwurf. Wozu hat man Väter? Sollten sie sich nicht sorgen, die Kinder hegen, pflegen und verwöhnen? Und dann geben sie einem - Zwiebeln? Fassungslos ist man da! Die Älteste schüttelt sich. 
„Bäääh, Tomaten!“ Das war die Mittlere. Sie hat ihren Hamburger aufgeklappt und betrachtet die rote Scheibe, als handele es sich mindestens um eine Vogelspinne. 

„Papa!“ Alle Enttäuschung der Welt liegt in diesem einen Wort. Er hätte es wissen müssen. Er hat versagt. Gut, man ist vielleicht auch mal abgelenkt, oder vergisst etwas, ohne böse Absicht. Aber in diesem Fall? Wie konnte er nur?!

Wie Chirurginnen am OP-Tisch sezieren die Damen ihre Patienten. Sorgsam werden Zwiebeln und Tomate entfernt. „Gurke! Äääääh! Ich kotz‘ gleich!“ Der Ältesten bleibt nichts erspart. Die Ausdehnung des Tumors ist größer als vorher angenommen. Eine unerwartete Blutung ist eingetreten. Schwester, Tupfer! Mama wischt die klebrig-roten Barbecue-soßigen Finger mit einer Serviette ab. 

Nun greifen die umsitzenden Herrschaften ein, offenbar Ausflügler der Seniorenwohnanlage ‚Abendsonne‘. Eine psychisch unausgeglichene Rentnerin korrigiert das Fehlverhalten der Kinder. „Das heißt nicht ‚iiii‘ und ‚bäääh‘. Das ist Essen!“ Ein emotional aufgewühlter, älterer Herr ergreift ihre Partei. „Froh und dankbar wäre ich gewesen, in deinem Alter, wenn ich so etwas zu Essen gehabt hätte! Weißt du überhaupt, wie Hunger sich anfühlt?“ Die Mutter lächelt entschuldigend. „Die Sara-Patrizia hat eine Zwiebelunverträglichkeit, und die Anna-Mia bekommt von Tomaten immer so Stellen im Mund!“

Empört meldet sich eine depressive Großmutter zu Wort. „Stellen im Mund? Ach Gottchen, Stellen im Mund! Wohlmöglich noch Lactose- und Wasweißichnoch-Intoleranz! Wenn ich sowas schon höre, Stellen im Mund!“ Ich überlege kurz, ob ich etwas Wissenschaftliches beisteuern soll, von Lycopin, und linksdrehenden Lactobazillen, möchte aber nicht als Klugscheißer gelten. 

Die Kinder lässt die Meuterei der Silberrücken völlig kalt. Sie beenden den operativen Eingriff, und erfreuen sich an dem nunmehr genießbaren Objekt der Begierde. Auch die Kleine entschließt sich, ihrem Hamburger Beachtung zu schenken. Sie klappt ihn auf, wie vor ihr schon ihre Schwestern die Ihren. „Is‘ mit Kebschubb“, sagt sie emotionslos, und schiebt das Ding in Richtung Papa.

Die Schweißtropfen auf seiner Stirn werte ich als Eingeständnis seiner Schuld. Welche Auswirkungen sein Versagen auf die zarten Kinderseelen hat, vermag ich nur zu ahnen. 
Habt ihr Töchter? Dann achtet bitte auf besondere Bedürfnisse. Keine Zwiebeln, keine Gurken, keine Tomaten, und, vor allem, kein Kebschubb! 


Alles Gute! 

Vor drei Monaten verstarb eine meiner Nachbarinnen. Nach einem „langen, erfüllten Leben“. Stand im Blatt. Jaja. Ein ausländerfeindliches, antisemitisches Leben ... halt! Moment! „De mortuis nil nisi bene“, hätte meine Mutter gerufen, meine liebe, bösartige, manipulative Mutter. Friede ihrer Asche. Und so hab ich es auch in der Schule gelernt. Und was man in der Schule gelernt hat, stimmt doch, oder? 

Ich bin nicht Mutter Teresa, und auch nicht der Dalai Lama. Ich beanspruche für mich, entgleisen zu dürfen. Das wäre ja wohl noch schöner. Meinen Krieg mit meiner Mutter fechte ich durch meine Existenz aus, und die Nachbarin? „Über die Verblichenen sagt man nichts, wenn es nicht Gutes ist.“ Meinetwegen. Da fällt es mir leicht. 

Es gibt allerdings Kreise, die sich zeitlich und ewig meine Abneigung erarbeitet haben. Völlig wurscht, ob sie noch leben, bereits verstorben, oder aufgrund ihres hohen Alters unfähig zur Einsicht sind. Der Klerus gehört dazu, mit seiner widerwärtigen Doppelmoral, und seinen Unfehlbarkeitsdogmen. Einige Politiker, die mordend, kriegführend, Menschen quälend, brandstiftend und lügend auf die Geschicke der Zeitgenossen Einfluss nahmen. Menschen, die andere Menschen erpresst, verängstig, gefoltert, ermordet haben. Und meine Rechenlehrerin, Frau Holdau, in der Gorch-Fock-Schule in Cuxhaven. 

De mortuis nil nisi bene? Ernstlich? Ja, klar. Hitler war Tierfreund. Wie nett er mit Blondie spielt, auf den alten Wochenschau-Aufnahmen, oder? Und der Pfarrer hat vielleicht ein paar Messdiener vergewaltigt, aber ja auch so viel Gutes getan, nicht wahr? 
Ja, nett waren sie alle. Privat. Auch Jack the Ripper hätte bestimmt Kätzchen-Videos gepostet, und Erich Mielke und seine Stasi-IMs waren freundliche, umgängliche Mitmenschen, die alle anderen lieb hatten. 

Ich bitte herzlich um Verständnis, wenn ich die Auffassung, dass man, nur weil jemand verstorben ist, umgehend damit aufhören muss, an ihm und seinen (Un-)Taten Kritik zu üben, nicht teilen kann. Wir lernen eh schon nichts aus der Geschichte. Deswegen ist es gut, die Erinnerung an geistige Brandstifter und Missetäter aufrecht zu erhalten. Auch mit Mitteln der Satire. Auch wenn’s wehtut. 

So ist das mit Schulweisheiten. Spinat und Pilze KANN man aufwärmen, das Cholesterin im Ei ist nicht schädlich. Der Schlaf vor Mitternacht ist nicht der Beste, und Arschlöcher sind Arschlöcher. Daran ändert auch ihr Tod nichts.


So langsam bekomme ich alles aufgearbeitet, was mir an Texten fehlte. Fährt jemand in nächster Zeit nach Duisburg? Braucht jemand eine Hotelempfehlung? Das hier hab ich gerade bei TripAdvisor veröffentlicht! 

Meckern auf höchstem Niveau

Ich meckere leidenschaftlich gern. Manchmal auch gern leidenschaftlich. Man kann mit der Äußerung von Missfallen so viel dokumentieren, nicht? Gerade, was Hotels angeht. Z.B., wieviel man von der Sache versteht, wie eine gute Unterkunft zu sein hat. Oder auch, das man aus seiner häuslichen Umgebung eben viel, viel Besseres gewohnt ist. 

Als ich das Hotel Rheingarten in Duisburg buchte, interessierte mich, wie so oft, nur der Preis, ist das Frühstück inclusive, und muss ich fürs Parken, wenn überhaupt Plätze zur Verfügung stehen, extra zahlen. Gebucht, erledigt. Anläßlich einer Kaffeepause auf der Anfahrt habe ich mal bei TripAdvisor in die Bewertungen gesehen. „Hässliches Hochhaus, kein ‚Garten‘“. „Zimmer nur oberflächlich renoviert, schlimme Badezimmer“. „Frühstück aus Convenience-Produkten, Orangensaft aus Flaschen“. „Lärmbelästigung, entweder von der Straße, oder von der Rheinschifffahrt“. „Der Fernseher hängt schief“. „Im Bad riecht es muffig, der Wasserhahn war locker“.

Na toll. Was hab ich mir denn da wieder zusammengebucht? Das „hässliche Hochhaus“ sieht man schon von der anderen Rheinseite, von der Friedrich-Ebert-Brücke aus. Die unteren drei Etagen sind Hotel. Ja, der Bau stammt aus den 70ern. Beton im Industriegebiet sieht nun mal so aus. Dafür ist Parken kein Problem. Am Hotel, vorm Hotel, alles gut. Und betritt man die Halle, begrüßt einen schickes, modernes Design, ein glänzender Steinfußboden, und vor allem, eine sehr nette junge Frau, die sich freundlich nach dem Befinden des Gastes erkundigt und die Room Card codiert. 306, im dritten Stock. Blick über den Rhein. 

Dort begrüßt mich ein blau gekacheltes Bad, das nichts zu wünschen übrig lässt. Nagelfeile, Q-Tips, Duschgel, Loschen ( Das ist ein Späßchen. LOTION. Brauch ich nicht. Ich BIN zart. ).Muffig? Hallo? Das Bad hat ein Fenster, und eine Balkontür, die auf einen von zwei Balkons führt! Einfach mal öffnen, Freunde! Mein Kritikpunkt: Der Wasserdruck könnte besser sein. Sonst: Alles perfekt. Im Zimmer freundliche, warme Farben, ein bequemes Bett, ein Wasserkocher und Zutaten für Tee und Kaffee, zwei kleine Gratis-Mineralwasserflaschen, ein Stuhl, ein Sessel, ein Schreibtisch, ein Tisch. Ausreichend Steckdosen. Ich zücke mein Handy mit der Wasserwaagen-App: Ja, der Flatscreen hängt gerade. Zwei Balkons, mit Tisch und Gartenmöbel, und ein hinreißendes, allerdings industrielles, Rheinpanorama. Wir sind ja schließlich im Pott, woll? Und natürlich machen die vorbeifahrenden Schiffe Geräusche. Es gibt vermutlich ziemlich wenig Hotels, die verkehrsgünstige, zentrale Lagen versprechen und auf grünen Wiesen irgendwo in der Wallachei liegen. Hallo? Wen's stört - Fenster schließen!

Unten frühstückt man. Frische Brötchen. Lecker. Croissants, Zimtschnecken, Brot. Eier/Rührei. Speck, so kleine Bouletten. Marmelade, Zerealien. Obst, Joghurt, Quark, Frischkäse. Käse, Schinken, gemischter Aufschnitt. Lachs mit Meerrettich. Kaffee, und edle Teesorten. Leider keine Zitrone. Ich wende mich an die emsige, gut gelaunte, etwas reifere Dame mit den dunklen Haaren. Selbstverständlich! Kein Problem! Wir quatschen noch ein wenig über Zitronen, die Rente, Unterschiede im spanischen und deutschen Sozialsystem. Sie ist nämlich Spanierin, auch wenn sie in Essen aufgewachsen ist. Auch der Blick über den Rhein ist aus dem schicken Restaurant möglich. Und auch hier wieder eine Terrasse, aber nur im Sommer. Und etwas verschämtes Grün. Ha! Also doch ein Gärtchen! 

Ich meckere leidenschaftlich gern. Auch gern mal auf hohem Niveau. Wenn es denn was zu meckern gibt. 
Ich gestehe jedem seinen eigenen Geschmack, seine eigene Meinung zu. Aber als ich da so beim Frühstück saß, vor meiner Tasse Zitronentee, auf den Fluss sah und in ein lecker duftendes knuspriges Brötchen mit Butter und Aprikosenmarmelade biss, dachte ich daran, wie gut es mir geht. Wie stimmig meine geliebte Ruhrpott-Umgebung ist. Wie herzlich die Mitarbeiter des Hotels sind. Und wie glücklich und dankbar ich in diesem freundlichen, hässlichen, stylisch eingerichteten Hochhaus bin. 

Unter uns: Ich freu mich schon auf das nächste Mal!