Heile Welt gesucht. Dringend.

Eine Freundin hat im Fach Touristik eine wunderbare Bachelor-Arbeit geschrieben, zum Thema Food-Touristik - also, wenn jemand wo hinfährt, um sich dort durch kulinarische, regionale Spezialitäten verwöhnen zu lassen. Außerdem ging es in dieser Arbeit um „künstliche“ Destinationen, z.B. Freizeitparks. 

Diese Arbeit war Anlass für mich, über meine Reisegewohnheiten nachzudenken. Kulinarisch? Naja. Wenn man in Stuttgart weilt, kann man sich ja mal was mit Spätzle, oder eine Maultasche gönnen. Oder in Köln den rheinischen Sauerbraten. In Cuxhaven die fangfrische Seezunge, oder in Berlin eine Currywurst ... Aber so wichtig, wie Nahrungsaufnahme auch ist, soziologisch, existenziell, emotional betrachtet - beim Reisen stellt sie nicht mein Hauptmotiv dar. 

Ich habe eine Vorliebe für die umschriebenen, gern auch künstlichen Ziele. Das rührt von meiner Praxiszeit her. Der Zeit, an die ich mit Schrecken zurückdenke. In der ich ununterbrochen graue Umschläge vom Finanzamt, der HypoVereinsbank, der HASPA, der Kassenärztlichen Vereinigung und Ärztekammer in meinem Briefkasten vorfand, mit Inhalten, die mir den Schlaf raubten, mir Angst machten, drohten, meine Zukunft zu zerstören. Diese Briefe erreichten mich stets freitags. Wie machen die das bloß? Sitzt da jemand und achtet mit deutscher Gründlichkeit darauf, einem verzweifelten Menschen auch noch das Wochenende zu ruinieren? Oder gibt es dafür ein Computerprogramm? 

Am schlimmsten empfand ich den Verlust der Kontrolle. Das Denkschema, wenn ich mich soundso verhalte, ist Dasunddas die Konsequenz, war außer Kraft gesetzt. Die logische Formel, sei anständig, arbeite fleißig, dann geht’s dir auch gut, ging nicht mehr auf. Ich verlor den Überblick, die Ordnung zerbröselte wie ein dröger Keks. 

Auf der Suche nach einem Gegengewicht entdeckte ich für mich Mikrokosmen. Es begann mit großen Einkaufszentren, dem AEZ in Hamburg, der Centro in Oberhausen, den Potsdamer-Platz-Arkaden in Berlin. Letztere verhalfen mir zu der Erkenntnis, dass auch Architektur und Geografie einen umschriebenen Bereich darstellen können. Das Arrangement Potsdamer Platz/Marlene-Dietrich-Platz, von den Berlinern zunächst als „Cyber City“ verspottet, ist heute ein attraktiver Anziehungspunkt mit eigenem Weihnachtsmarkt, Musical/Berlinale-Theater, Kino, Spielbank, Cafés, Restaurants, Bars, Hotels, Wohnungen und eben den Arkaden. 

Disneyfizierte Freizeitparks wie Sierksdorf, Soltau, Rust boten eine ordentliche, übersichtliche, umschriebene Welt. Das, was ich in meinem Leben vermisste. Aber nicht nur die künstlichen Welten boten mir Schutz. Sylt, Helgoland, Usedom, Rügen. Der neue Limbecker Platz in Essen mit Cinemaxx, Collosseum und Bowlingbahn. Kleine Städte wie Rothenburg o.d.T. oder Quedlinburg. Ja, sogar mein enges Heimatstädtchen Cuxhaven, auf das ich zu Studienzeiten mit der mitleidigen Arroganz des Weltbürgers herabgesehen hatte, war mir plötzlich wieder Heimat, und weit genug. 

Was will uns der Dichter hiermit sagen? Ach, nichts weiter. Wie schon gesagt: Ich bekam einen Gedankenanstoß, und habe ein wenig nachgedacht. Entschuldigt die Langeweile, die ich verbreitet habe. 
Ach ja: In meine Mikrokosmen reise ich immer noch gern. Blöd, oder? Dabei bekomme ich gar keine schlimmen Briefe mehr, seit ich die Praxis zugesperrt habe. Der bester Entschluss meines Lebens. 

Ich befürchte aber, dass wir bald alle auf der Suche sein werden, nach einer perfekten, heilen, geordneten Welt, in der wir uns beschützt fühlen, sicher, und gut aufgehoben. Wo werden wir hingehen? Wohin werden wir fliehen? Wird man uns dort so behandeln, wie wir die Geflüchteten? Werden wir uns integrieren können? Unsere Gaumen sind verwöhnt, die Ansprüche schwer zu befriedigen, die Erwartungen hoch. Wir wollen bespaßt werden, um jeden Preis. 

Die Sehnsucht nach Abgrenzung in einer heilen, perfekten Welt ist nicht neu. Neverland, Xanadu, Narnia, Eldorado, Rainbow's End. Das Paradies. Das Land, wo Milch und Honig fließen. Das Schlaraffenland. Alles Träume. Alles Fantasie. Aber es könnte wahr werden - oder? Man muss nur fest genug daran glauben. 
There's a place for us, a time and place for us. Hold my hand and we're half-way there, hold my hand and I'll take you there - somehow, someday, somewhere.“ 



[ Streit sollte man schlichten, oder? Besonders unter Freunden. Und wenn er sich gar zu entwickeln droht, weil man selbst unvorsichtigerweise etwas gepostet bzw. geteilt hat ... eine Freundin meinte auf den Post mit der Statistik, dass sich weniger Leute Urlaub leisten können, dann sollten sie halt sparen, und auf Rauchen und Böller zu Silvester verzichten. Woraufhin ein humorvoller Freund meinte, dass man sich, nähme man nur Wasser und Brot zu sich, sogar ein größeres Auto leisten könnte. 
Ich habe versucht, hiermit Baldrian auf die sich erhebenden Wogen zu gießen ... ]

Darf ich kurz eingreifen? Ich kann euch beide gut verstehen. Ich habe mich immer darüber gewundert, wenn ich am 1.1. eines Jahres mich hausbesuchender Weise durch die Max-Pechstein-Str. quälte. Da wohnten in Mümmelmannsberg die, die es eben nicht geschafft hatten. Für die das Sozialamt zahlte. Und was soll ich sagen? Meterhohe Schichten von Böllern und Feuerwerk. Bei mir gab es dann Diskussionen um die € 10 Praxisgebühr ... 

Ich gebe dir recht, T.. Wenn man die Wohnung kündigt und auf der Parkbank schläft, kann man sich von der eingesparten Miete eine Woche das Ritz, oder das Waldorf Astoria, Vollpension, leisten. Lustig. Irgendwie finde ich auch: Das muss doch wohl beides drin sein, oder? Ich will nicht nur Pommes Schranke. Ich will das Jägerschnitzel mit Beilagen und Nachtisch! Das steht mir zu! 

Ich weiß nicht, aus was für Verhältnissen du kommst. Ich aus sehr kleinen, relativ armen Verhältnissen. Meine Mutter hatte sich scheiden lassen, der Unterhalt, von dem wir lebten, waren die DM 20, die mein Vater monatlich überwies. Gottseidank konnten wir im Haus meiner Oma unterkommen. Ja, und wenn man was haben wollte, ein Gerät, oder den Sonntagsbraten, oder die Woche Harz - dann musste gespart werden. Und erst, wenn man das Geld in der großen Suppenterrine zusammenhatte, und nochmals überprüft worden war, ob man es nicht für Lebensnotwendiges aufbrauchen musste, dann wurde gekauft. Geld von der Bank leihen? Das Konto überziehen? Eine Kreditkarte benutzen? Das war unanständig, und leichtlebig. Das machte man nicht. Unsolide, leichtfertige Menschen taten das. Und man verzichtete mit Stolz auf das, was man sich nicht leisten konnte. 

Deswegen hat F. mit ihrer altmodischen Einlassung recht, findest du nicht? Andererseits, wenn man bedenkt, wir kurz das Leben ist - ach ja, die Karibik! Der neue 3er BMW! Die neue Wohnzimmer-Einrichtung! Und die Fluppen - Kinder, die brauche ich, die müsst ihr mir schon lassen! Ich hab doch sonst nichts an Lastern. Und ich rauch auch ganz leise! Wofür hab ich den Dispo? Und American Express bucht immer nur 10% ab! Und an der Sparkasse steht auf dem Plakat, worauf den warten? Nehmen Sie gern unseren Kredit in Anspruch, leben Sie jetzt! Der Tod kommt früh genug! 

Die Werbung für die schönen Dinge ist sehr effektiv. Wie können uns dem Lebensstil so schwer entziehen. Wir kaufen nicht, weil wir benötigen. Wir kaufen, weil wir sooo gern haben möchten. Und weil’s geil ausschaut, und unser trübsinniges Leben mit ein wenig Freude, und zweifelhaftem Sinn erfüllt. Und auch, um andere zu beeindrucken. Vielleicht sogar, neidisch zu machen. Es steht uns doch auch zu, oder? Wir ackern den ganzen Tag, zahlen pünktlich unsere Steuern und Abgaben - da werden wir doch auch mal an UNS denken dürfen! 

Was richtig ist, weiß ich nicht. Ich habe auch so meine Schwächen, und mein Konto war bestimmt öfter im Minus als im Plus. Aber glaubt mir: Oft habe ich gedacht, was hätte Oma wohl gesagt?! 

Wir sind alle sehr, sehr anspruchsvoll. Lieber ein bisschen mehr, aber dafür was Gutes. Und zwar sofort. Hier und jetzt. 
Die Lebensphilosophie hat sich geändert. Deutlich. Die Frage, die man sich stellen muss, lautet: Ist es denn besser geworden? Bedeutet es mehr Lebensqualität, sich alles zu leisten - ob man es nun kann, oder nicht? 

Als Jugendlicher wünschte ich mir brennend eine Super 8 Kamera. Eine NIZO S 8 musste es sein. Sie stand bei Ringfoto Schattke in der Deichstraße im Fenster, und ich besuchte sie regelmäßig. Knapp DM 600 sollte sie kosten. Unerreichbar. Ich gab Nachhilfestunden, in Latein und Deutsch. 5 Mark für 60 Minuten. Abends schichtete ich die Münzen in Türmchen auf, und freute mich, wie es mehr und mehr wurden. 
Mama fragte mich eines Tages, „Wieviel hast du denn schon?“ Und mit Stolz verkündete ich, dass es nunmehr DM 450 seien. 
Mama zog ihr Portemonnaie heraus, entnahm diesem DM 150, und gab sie mir mit den Worten, „Hier. Sag aber Papa ( meinem Stiefvater ) nichts davon!“

Das Glück, das silberfarbene Prachtstück endlich heimholen zu dürfen, war unbeschreiblich.


Glaubenskriege(r)

Trinkst du Kaffee oder Tee?, habe ich gerade meinen Besucher gefragt. Also, wenn ihr mich fragt, lieber Tee. Mit ganz viel Zitrone. Er wollte lieber Kaffee. Gern, den habe ich da. Alles Ansichtssache, oder Geschmacksfrage. 

Vielleicht sogar, Glaubensfrage? Mir fällt auf, dass sich plötzlich alles in Glaubensfragen verwandelt. Ich meine damit nicht nur die Religionszugehörigkeit, und die damit verbundene Tendenz zur Missionierung, weil ja jeweils meine Religion die Bestmögliche ist. Viel besser als Deine. Oder den alten Klassenkampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus ( gibt’s Kommunismus überhaupt noch? ).

Nein. Das gesamte Leben wird zur Glaubensfrage. Hausgeburt, oder doch lieber Kreißsaal in einer Klinik? Wie erziehen wir das Kind - autoritär oder antiautoritär? Wie essen wir? Low Carb, Paleo, Clean Eating, Detox, Intervallfasten? Vegetarisch, Vegan? Besuche ich ein Fitnessstudio, oder lasse ich es bleiben? Liest du gern normale Bücher, oder benutzt du einen E-book-Reader? Welche Philosophie des Nationaltrainers hat uns bei der Fußball-WM ins Abseits geführt? Darf man den Frauen Rechte über ihren eigenen Körper zugestehen - hinsichtlich eines Schwangerschaftsabbruchs? Was sagen die katholischen Bischöfe zur Stammzellforschung? Zur Ehe für alle? Darf man überall und jederzeit rauchen, oder ist es angebracht, auf Nichtraucher Rücksicht zu nehmen? Darf man über sein Lebensende selbst bestimmen, oder muss man ärztliche Assistenz unter Strafe stellen? 

Von der Wiege bis zur Bahre - ununterbrochen trifft man auf Befürworter und Gegner. Das wäre ja auch nicht schlimm. Jeder kann doch nach seiner Fasson selig werden, oder? 

Nein, leider nicht. In dem Maße, in dem die Vielfalt der Möglichkeiten zunimmt, nimmt die Toleranz gegenüber Andersdenkenden ab. Und selbst, wenn man sich mal zu einem gönnerhaften „Na ja, meinetwegen!“ hinreißen läßt, in einem Anfall von Rücksicht und Güte, dann schwebt da trotzdem das große ‚Aber‘ über den Kontrahenten. 

Ich habe es kürzlich beim Thema „Rauchen“ bemerkt. Niemand interessierte sich wirklich für die Situation. Die meisten fanden, dass ich mich nur anstelle, und etwas spießig bin, und anderen nichts gönne, weil ich eben intolerant bin.

Gestern befand ich mich in einer ähnlichen Situation. Ein Artikel von ‚Spiegel Online‘ behauptete in der Überschrift, dass Carcinompatienten, die zusätzlich zur schulmedizinischen Behandlung noch alternative Heilverfahren wie z.B. Homöopathie anwendeten, schneller sterben. Erst im letzten Absatz stand, dass die, die alternative Heilverfahren fordern, sich von der schulmedizinischen Behandlung entfernen und deswegen schneller sterben. 

Ich habe mir erlaubt, auf die mangelnde Seriosität des Artikel hinzuweisen. Und sofort gab es zwei Lager. Ich wurde angegriffen von denen, die mich für einen Befürworter alternativer Heilmethoden hielten, und gelobt von denen, die sich die Mühe gemacht hatten, meinen Post zu lesen. Da war sie wieder, die Glaubensfrage. Schulmedizin gegen alternative Heilbehandlung. Ein Allgemeinmediziner behauptete gar, ich verhielte mich eines Mediziners „unwürdig“. Soso. Interessant. Zuhören und Lesen kommen aus der Mode.

Es war nicht meine Absicht, über Behandlungsmethoden zu diskutieren. Es war meine Absicht, mangelnde Seriosität der Presse zugunsten reißerischer Aufmacher, leider sogar schon beim ‚Spiegel‘, zu beklagen. Und was kam mir in die Quere? Eine Glaubensfrage.

Ich weiß nicht, wer gesagt hat, dass die Kriege unserer Zeit Glaubenskriege sein werden. Dieser kluge Mensch liegt ganz auf der Linie von André Malraux und Carl Friedrich von Weizsäcker. Wir hören nicht mehr zu, agieren vorschnell, ohne zu überlegen. Wir sind intolerant und gewalttätig. Wir sind anmaßend und selbstverliebt. Wir ziehen niemals in Zweifel, ob das, was wir vertreten, richtig ist. Bis hin zu unseren politischen Führern zeigt sich das, ich verweise hierzu auf jede beliebige Nachrichtensendung.

Diese Geisteshaltung wird uns ins Aus manövrieren. Angesichts der besorgten Bürger, die in Dresden ihr Glaubensbekenntnis, „Absaufen, Absaufen!“ skandieren, angesichts der Politiker, die ihren christlichen Glauben mit Kruzifixen plakatieren, und von „Asyltourismus“ und „Antiabschiebeindustrie“ sprechen, angesichts der Holocaust-Leugner, die ungestraft und ungelöscht ihren Schmutz auf Facebook veröffentlichen dürfen, bin ich nicht mal so sicher, ob wir uns nicht schon mitten im 3. Weltkrieg befinden. 

Kriege verändern ihr Gesicht. Im 1. Weltkrieg ging es noch dreckig zu, man sah dem ‚Gegner‘ in die Augen, bevor man ihn abknallte. Hiroshima und Nagasaki brachten eine Wende. Im Vietnam-Krieg schüttete man einfach Agent Orange und Napalm von Dow Chemicals über dem Land aus, wie praktisch. Das ersparte einem den häßlichen Anblick. Und im Irakkrieg? Erinnert ihr euch? Das sah doch aus wie ein Spiel am PC, oder? Hoch hoch hoch rechts rechts etwas runter Knopfdruck. Treffer. Steril, und unaufgeregt. 

Ich glaube, das hier ist unser Krieg. Über Twitter, Facebook, Presse und Fernsehen. Medien bestimmen, was und wie wir denken und handeln. Die Waffen sind die hasserfüllten Worte, Bilder, Videos, Memes. Ihr Einsatz bedeutet (Ab-)Wertung, und Mobbing, mit dem Ziel der Vernichtung des Gegners. 

Komisch. Ich bin mir nie sicher. Ich finde die Themen viel zu komplex, als dass man eine abschließende, allgemein gültige Meinung zu den Dingen gewinnen könnte. Leider stehe ich mit meinen Zweifeln allein. Ich werde aber auch weiter Position beziehen, und mir wird völlig egal sein, ob es jemandem passt, oder nicht. 

Seid nicht so sicher, dass ihr den Krieg gewinnt.


MESUT 1:

[ Ich habe unter der ARD-Meldung zum Rücktritt von Özil einen Kommentar meines Freundes Ossama ( nicht Bin Laden! ) entdeckt, und ihm geantwortet. Ich hatte ohnehin vor, das Ereignis zu kommentieren, deswegen veröffentliche es mal so, wenn’s recht ist. Ossama ist ein gebildeter, freundlicher, kluger, sensibler Mensch, der aus Syrien stammt. Ich bin froh, dass er hier ist, denn sonst hätte ich ihn vielleicht nie kennengelernt. ]

O.:
Leider gibt's bis jetzt nen Rassismus in Deutschland und manche sagen zu uns "Kanaken oder biste Ausländer, fremd ..
Man kann das überhaupt nicht ertragen und wir sollten etwas als Ausländer wissen und diese Lektion lernen.
Wenn wir was schaffen, loben diese Leute uns und wenn wir scheitern,werden wir rausgeworfen ...
Sogar wenn wir Deutschen werden.

P.:
Du irrst Dich, Ossama. Du weißt, dass ich Dich sehr gern habe, und dass Du für mich Familie, und ein wunderbarer, liebenswerter Mensch bist. Leider ist die Politik in diesem Land zur Zeit idiotisch. Du wirst sogar rausgeworfen, wenn Du es geschafft hast. Das ist schrecklich, und es tut mir weh. 

Bei Özil werden zwei Dinge verquickt, die eigentlich nicht zusammen gehören: Sein Erdogan-Foto, und seine Leistung bei der WM. Stell Dir vor, DU würdest „aus Respekt vor dem Amt des Staatspräsidenten“ ein Foto mit Baschar Hafiz al-Assad machen und veröffentlichen. 

Özil hat das getan, und zu recht gab es Empörung. Dieser „Präsident“ hat Soldaten, Richter, Journalisten, Lehrer, Professoren, die ihm missliebig waren, ins Gefängnis geworfen, kritische Fernsehsender und Zeitungen kaputtgemacht. Über das, was in und mit der Türkei passiert, steht mir kein Urteil zu. Leider gibt es mit den DITIB-Moscheen, Schulen und den Verhaftungen deutscher Staatsbürger wie Deniz Yücel nicht zu tolerierende Aktionen, die uns unmittelbar betreffen. Özils Kollege, Emre Can, wusste das, und hat die Einladung abgelehnt. 

Der Shitstorm gegen Özil ( und Gündogan, der allerdings vor der WM eine ziemlich billige Erklärung abgab ) führte - so würde ich das mal interpretieren - zu einer Trotzreaktion und Lustlosigkeit in seinem Spiel. Allerdings hat nicht nur er sich nur mäßig beteiligt. Außer Reus habe ich kaum gute Aktionen gesehen. Egal. 

Özil bzw. seine Berater machen etwas sehr Geschicktes: Sie mischen die Kritik an seiner Person und verbinden den politischen Fehlgriff mit der schwachen Leistung. Und plötzlich sind es die rassistischen Deutschen, die den armen, in Gelsenkirchen geborenen, deutschen Türken angreifen. Er musste gar nicht Deutscher werden, er ist es längst. Das ist klug, weil das Foto mit dem Diktator langsam in den Hintergrund rückt, und alle sofort beginnen, sich für etwaigen Rassismus zu rechtfertigen.

Schau Dir die Bundesliga an, und frage Dich, ob wir wirklich so rassistisch sind. Ich muss nicht die Namen und die Länder aufzählen, aus denen die Spieler stammen. Und völlig wurscht, welche Hautfarbe, welche Religion, welche Nationalität sie haben: Sie werden geliebt, und sie werden kritisiert, wenn sie Scheiße spielen - genau wir „die deutschen“ Spieler. 

Niemand ist so beliebt, Ossama, dass er ewig Kredit hat, für seine Aktionen. Diesen Rassismus-Müll lassen wir mal außen vor, weil er nicht stimmt, zumindest nicht für Özil. Was bleibt dann? 
Ein Mann, der einen Beruf ausübt, und ihn desinteressiert und schlecht ausübt, verdient Kritik. Und wenn ein Mann, ohne Ansehen seiner Person, einen Diktator mit einem Werbefoto unterstützt, verdient das Kritik. 

Dieser Kritik hätte Özil sich stellen können, statt nach nunmehr 2 Monaten (!) die beleidigte Sucuk-Wurst zu spielen. Seinen Fans hätte er das geschuldet, denkst Du nicht? Hat er nicht. Er hat beleidigt geschwiegen, und dreht jetzt den Spieß um: Weil ich Türke bin, mag mich keiner von diesen Rassisten. Quatsch. Hätten Neuer, Kroos oder Reus Werbefotos mit Assad, Erdogan oder Kim gemacht, hätte die Öffentlichkeit nicht anders reagiert. 

Ich möchte noch einmal darauf hinweisen, Ossama, dass Du für mich kein „Kanacke, Ausländer“, Fremder bist. Du gehörst zu mir und meinem Leben.


MESUT 2:

Liebe Berater von Mesut Özil, da habt ihr ja einen wunderbaren, manipulativen Text geschrieben, ein wenig positive Emotion, ein wenig Negative, und das ganze noch, wie ein klassisches Drama, in drei Akten, mit retardierendem Moment und Katastrophe, ganz, wie wir es in der Schule gelernt haben. 

Ihr habt allerdings etwas übersehen. Ihr habt gehofft, dass alle den Ursprung des Ganzen vergessen, weil die Strahlkraft bewusst eingesetzter Reizworte wie „Rassismus“, „Islamophobie“, „Migrant“ diesen eigentlich übertönen sollte. Und sogar die Bundesjustizministerin ist darauf hereingefallen.

Deswegen würde ich gern die Frage nach dem „WARUM?“ in Erinnerung rufen. Warum haben sich denn alle über das Erdogan-Foto so aufgeregt? 

Hätte ICH mich mit dem hochverehrten Herrn Präsidenten ablichten lassen, hätten ein paar Freunde gesagt, ey Alter, tickst du noch richtig? Was soll der Quatsch denn? Und das wär’s gewesen. Nach zwei Tagen wäre das gnädigem Vergessen anheim gefallen. 

Das liegt daran, dass ich uninteressant bin. Unbekannt. Unwichtig. Im Gegensatz zu Özil. Ein Star in der Nationalmannschaft. Ein international bekannter, geachteter Fußballer. Ein Vorbild für die Jugend, im Lande, und drumherum. Wichtig. Ein Beispiel dafür, dass man selbst bei ungünstigen Startvoraussetzungen im Leben es zu etwas bringen kann, wenn man sich bemüht, wenn man Talent hat, wenn man kämpft und nicht aufgibt. 

DESWEGEN war das Foto, das durch so einen wichtigen, bedeutenden, berühmten Menschen mit Vorbildfunktion einem Diktator zur Legitimation verhalf, so ein schlimmer Fauxpas. Nix mit Moslem, nix mit Migrant, nix mit Rassismus. Ich besitze nicht die Kompetenz, die Arbeit von Herrn Grindel zu beurteilen. Aber selbst, wenn er der mieseste DFB-Funktionär wäre - nein, es geht nicht um das durch seine Inkompetenz verursachte frühe Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft ( ich hätte auch eher angenommen, dass das zum Aufgabenbereich des Bundestrainers gehört ), sondern um die Wahlkampfhilfe eines prominenten deutschen (!) Sportlers für einen fragwürdigen Führer. 

Euer Trick haut nicht hin. Noch nicht mal auf Englisch. Lustig, eigentlich. Habt ihr geglaubt, dass sich der Quatsch dann besser anhört, wie der Text eines Schlagers? Too late, Freunde, too late! Ihr seid keine guten Berater. 

Hey, Mesut! Soll ich Dich aus der Scheiße reden? Melde Dich, wenn Du Hilfe brauchst!


Sucht 

„Die krankhafte Abhängigkeit von einem bestimmten Genuss- oder Rauschmittel oder das übersteigerte Verlangen nach etwas, einem bestimmten Tun; Manie.“ 

Erklärt mir das Lexikon. 

Ach, jetzt komm schon. Irgendwie sind wir doch alle ein wenig süchtig, oder? Schau dich gern mal selbst an, und spiel hier nicht den Heiligen! Was? Du rauchst nicht, trinkst nicht, nimmst keine Drogen? Na herzlichen Glückwunsch! Du Heuchler! Und was war das neulich in der Spielbank? Und was passiert, wenn man dir Schokolade und Marzipan vor die Nase hält? Oder wenn die der Newsletter verkündet, dass es neue PEZ-Bonbon-Spender gibt, oder Ü-Ei-Figuren? Und erinnere dich freundlicherweise an deine hormongesteuerten Umtriebe, auch, wenn’s etwas her ist! Was? Das war, als du jung warst? 

Sucht ist ein schier unendliches Forschungsgebiet. Die empfundene Belohnung funktioniert über die Ausschüttung von Endorphinen, Endocannabinoiden, Dopamin im mesocortikolimbischen dopaminergen Belohnungssystem und diversen Rezeptoren. Aha. Geil. Fühlt sich einfach super an. Nicht nur die bereits erwähnten Süchte. Nein. Fressen, zum Beispiel. Oder die Nahrungsaufnahme verweigern, weil man sich für zu dick hält. Körperkultur im Studio, Piercings, Brandings, Tattoos. Laufen, bis der Arzt kommt. Illegale Autorennen - Rausch der Geschwindigkeit. 

Schwierig, zu bestimmen, wo die Grenze liegt, zwischen Vergnügen und Sucht. Vermutlich wird sie in dem Moment überschritten, wenn man nicht mehr anders kann, wenn alle Gedanken um das eine Thema kreisen. Und wenn die „Dosis“, wie auch immer das aussehen mag, immer höher werden muss, um das Glücksgefühl zu erzeugen. 

Sucht macht mir Angst. Ich habe immer Angst vor Kontrollverlust. Ich mag wissen, wo ich bin, wo ich war, mit wem. Welcher Monat ist, welches Jahr, wer ich bin. In der Psychiatrie nennt man das „in allen Dimensionen orientiert“, glaube ich. Ich mag nicht, das etwas etwas mit mir macht. Ich mag Selbstbestimmung. Ich mag auch einmal nein sagen können, zu mir selbst. Und zu meinem mesocortikolimbischen Belohnungssymstem. Scheiß auf Dopamin. Ich trink lieber meinen Zitronentee, und lasse alle Verlockungen an mir vorübergleiten. 

Und nun erfahre ich, dass ein mir mehr als nahestehender Mensch, auf dessen Werdung ich Einfluss hatte, mit Beschaffung und Vertrieb von Drogen einen Teil seines Lebensunterhalts bestreitet. Er hatte reichlich Pech, in seinem Leben, unbestritten. Aber darf das ein Grund sein für ein solches Handeln? 

Ich habe gearbeitet. Schon während dem Studium, als Dauernachtwache in einem kleinen Berliner Krankenhaus. Von 22-7 Uhr. Sieben Nächte, sechs Nächte frei. Dann sechs Nächte, sieben Nächte frei. Zwischendurch studieren. Nicht, dass ich kein Geld von Zuhause bekam. Aber das deckte gerade die Miete, und den Einkauf bei Aldi. Kino, Disco, Oper/Theater, Café oder die Lebensmittelabteilung im KaDeWe oder bei Wertheim waren nicht drin. Und wehe, man musste Bücher anschaffen. Da bin ich schon nach Ostberlin gefahren, aber umsonst waren die dort auch nicht zu haben. Und Hassan, meinen besten Freund, konnte ich auch nicht immer anschnorren. 

Mit Drogen handeln wäre natürlich bequemer gewesen. Zeitsparender, effektiver. Und sicher auch einträglicher. Aber auch gegen meine Ehre. Ehre? Ja, das ist das richtige Wort. Ehre. So pathetisch, wie es sich anhört. 

Ich hätte Sorge, durch den Vertrieb meiner Produkte anderen zu schaden. Und ich würde befürchten, durch mein Tun in Kreise hineingezogen zu werden, es mit Personen zu tun zu bekommen, die meiner Lebensphilosophie nicht entsprechen. Irgendwann würde ich auch sicher ein Funkeln im Auge des Gesetzes sein. Und wohlmöglich bald in meinem eigenen Netz zappeln, unfähig, die Geister, die ich rief, zu verbannen. 

Ich bin froh über Dein Vertrauen. Danke, dass du es mir erzählt hast. Ich werde dir weder zu- noch abraten. Du bist klug genug, um selbst Früchte vom Baum der Erkenntnis zu essen. Es macht mich traurig, das verhehle ich nicht. Aber ich werde weder dich aufgeben, noch die Hoffnung, dass du begreifst, dass dein Handeln irrig und moralisch verwerflich ist. 
Ich werde immer für dich da sein. Auch, wenn’s schwerfällt. Dennoch. 


Kleines, ärgerliches, und letztlich viel zu langes Resümee

Kürzlich hat sich jemand über mich beklagt. Was ich aber auch immer für Scheiß poste. Es handelte sich hier um Meldungen der Frühprogramme der Privatsender RTL und SAT1, das Schicksal Prominenter betreffend. 

Ich hätte ja wohl zu viel Zeit, meinte mein Kritiker. Ja, habe ich. Nicht zu viel, sondern exakt so viel, wie mir zusteht. Ich fand es witzig, den Kram zu parodieren. Denn es handelte sich hierbei um nicht mehr und nicht weniger als eine Parodie. Wer mich kennt, hat das erkannt. Und wer mich nicht kennt - naja, bei dem ist es mir eh wurscht. 

Ich bin stets überrascht, in welcher sachkundigen Weise sich die sogenannten „Society-Experten“ sich über die Society äußern. Wenn man Sybille Weischenberg, Vanessa Blumhagen und Benjamin Bieneck so zuhört, kann man sicher davon ausgehen, dass sie beim letzten Streit des Ehepaars Jolie/Pitt unter dem Tisch gesessen haben, und in der Hochzeitsnacht von Meghan und Harry auf dem Baldachin der Lagerstatt. Formulierungen wie „Und da hat der Pierce zu seiner Keely gesagt ...“ implizieren einen hohen Grad der Vertrautheit und Intimität, ganz so, als sei man gut mit Jan Ullrich und Boris Becker befreundet und zugegen gewesen, als ‚der Boris‘ ‚den Jan‘ - naja. 

Kürzlich hat sich jemand über mich beklagt. Was ich für Filme sehe, mit Schauspielern, die fragwürdigen Gruppierungen angehören. Lustig. Was mich ehrlich amüsiert, ist, dass sich inzwischen alle möglichen Leute als Experten empfinden. Eben gestern beispielsweise, als ich den neuen Mission Impossible-Film besuchte, und dies leichtsinnigerweise (mit)teilte. Ich erhielt umgehend Belehrungen hinsichtlich der weltanschaulichen Ausrichtung des Hauptdarstellers und eine präzise und fundierte Charakteristik desselben: Er verhielte sich „menschenverachtend“. 

Ich habe heute die erste Tageshälfte damit verbracht, Belege dafür zu sammeln. Ich habe ja die Zeit. Die Zugrunde gelegte Gleichung ist sehr schlicht, und mir etwas zu schlicht: Scientology - Menschenverachtung - > Tom Cruises Charakter. 

Um es kurz zu machen: ICH weiß es nicht. Ich bin ja kein Society-Experte. Ich hab nicht mit ‚dem Tom‘ gesprochen, sag mal, mein Alter, was soll das, mit dieser Organisation? Bist du denn wirklich ein Menschenverächter? Ich hatte keine Gelegenheit, ihn nach seiner Weltanschauung zu fragen. Er hat mir gegenüber keine Lebensbeichte abgelegt. Ich habe meine Weisheiten, wie vermutlich alle „Experten“, aus der Tagespresse. 

Wo ich nun gerade dabei war: Ich hab mich mal umgeschaut, unter den Promis und ihren Religionen. Die Zeit hab ich mir gern genommen. Wer mich kennt, weiß, dass ich keinem dieser Vereine angehöre, mehr noch, Religionen und ihre hässlichen Töchter, die Sekten, ablehne. Boykottierte ich diese entsprechend meiner Einstellung, wären Film, Funk und Fernsehen für mich tabu. In Hollywood laufen ja nur so Spinner herum. Ich will nicht alle aufzählen, die könnt ihr selber bei Google finden. Wenn ihr die Zeit habt, heißt das. [ http://www.religionfacts.com/celebrity ]

[ ( Kleiner Nachtrag, den man nicht unbedingt gelesen haben muss, weil mein Geschreibsel für den Facebook-Konsumenten sowieso wieder zu lang ist: ) Mir fällt das Schicksal von Ferdinand Marian ein. Ein wunderbarer, begnadeter Schauspieler der UFA. Er gab meist den dämonischen, unwiderstehlichen Liebhaber. Und wurde, von Goebbels' gezwungen, mit der Titelrolle in „Jud Süß“ betraut, obwohl er sich zunächst geweigert hatte. Ich habe den Film gesehen. Ein künstlerisch hochwertiges, perfektes, manipulatives, perfides, ekelerregendes Machwerk, mit den größten Stars, George, Söderbaum, Krauß, Kloepfer, Florath - bis in die kleinste Rolle. Und eben Marian, der nach dem Krieg wegen dieses Films mit lebenslangem Berufsverbot belegt wurde, und unter nie ganz geklärten, vielleicht suizidalen Gründen, 1946 bei einem Autounfall starb. 

Marian war unpolitisch, und eher gegen die Nazi-Brut eingestellt. Genützt hat ihm das nichts. Der Makel dieses Film haftet an ihm, über seinen Tod hinaus. 

War es richtig, den Schauspieler aufgrund eines Films abzulehnen? Muss man im aktuellen Fall den Film wegen des Schauspielers ablehnen? Ich weiß es nicht. Ich schaue auch weiter Marian-Filme wie ‚Romanze in Moll‘ oder ‚Münchhausen‘. Ohne schlechtes Gewissen. Und ich schaue weiter Tom Cruise Filme. Ich muss ‚Jud Süß’ nicht mögen. Und ich muss Scientology nicht mögen.
 Ich bedauere zutiefst, wenn ich damit jemandes Gefühle verletze. Aber damit muss und kann man gut leben. Macht euch nicht so viel Sorgen um mich. Ich kann gut differenzieren. Sorgt euch gern um euch selbst. ]