Smarter

Ich hab’s versprochen. „Wehe, Du schreibst noch mal so schlecht über den Smart!“, drohte mein Freund Hans-Peter. „Schreib gefälligst was Nettes über den Smart“, forderte Andreas. 

Sie kennen Andreas, oder? Andreas? Aus Bochum? Der weltbeste KFZ-Meister, Flaggschiff und Stolz der Firma Lueg? Der, der den „Meister“ zurecht führt, weswegen ich auch immer zu ihm und nur zu ihm gehen würde? Und der nicht nur außerordentlich charmant, sondern auch noch ein heiterer, entspannter Mensch ist? 

Ja, genau. Dieser Andreas. Zwecks Termin rief ich ihn an, und bat ihn auch um einen Ersatzwagen. „Vielleicht eine S-Klasse ...?“ 
„Geht’s dir noch gut? Einen Smart!“
„Och nee, nicht schon wieder! Eine C-Klasse?“
„Smart! Stell' dich nicht so an!“

Andreas ist supernett. Manchmal. 

Ja, und dann steht er vor mir. Der Smart, nicht Andreas. Wie goldig und knuffig! Und klein! Im Innenraum starrt mich viermal die Maske des Slashers aus den „Scream“-Filmen an. Ach nein, das sind ja die Dinger, aus denen Frischluft strömt. Luftdüsen, heißen die. Sagt Andreas. Wunderbar. 

Der Haltegurt zwingt mich an Ort und Stelle. Sogar etwas mehr, als mir lieb ist. Liebevoll versucht er, mich zu erdrosseln. In mitleidlosem Würgegriff schneidet er in meinen Hals. Atmen wird wirklich überbewertet. Wie war das in Hans-Peters Smart Roadster? In den ich zwar leicht hineinglitt, aber nicht mehr herauskam? Dabei dauerte es keine zwei Stunden, bis die Firma mit der Seilwinde zu Hilfe eilte. Ich neige zur Weichheit, und dazu, mich anzustellen, oder so ähnlich. Sagte Hans-Peter. 

Ja, der Smart! Die Vorteile sind mannigfaltig. Der Kofferraum verführt nicht zum exzessiven Einkaufen, weil so wenig reinpasst. Der knapp bemessene Raum in der Kabine sorgt dafür, dass man sich wieder einmal mit der Fortsetzung oder auch Neuaufnahme seiner Diät auseinandersetzt. Der Ton des Blinkers erinnert nostalgisch an das Knacken eines Blechfrosches aus der Kinderzeit. Wenn man ihn denn hört! Es ist ja doch recht laut, im Innenraum! Aber da hört man wenigstens das Gemecker nicht.  Oder das Radio. Aber die melden sowieso nur Staus, und so was Doofes. 

Die Sitze engen, im Gegensatz zum Gurt, nicht durch überflüssigen Seitenhalt ein. Das merkt man besonders an der sensiblen Straßenlage. Wirklich! Jede zarte Bodenwelle äußert sich rücksichtslos durch elchtest-ähnliches Schwanken, jede Unebenheit der Straße - und davon gibt es in Bochum viele! - fühlt sich an, als hätte soeben der Eisberg die ‚Titanic‘ gestreift.

Ich nutzte die Zeit, um gleich hinter der Grenze meinen allerliebsten Lieblingssupermarkt aufzusuchen, einen riesigen ‚Albert Heijn‘ Markt. Auf dem Parkplatz springt ein reizendes niederländisches Ehepaar auf mich zu, um mir herauszuhelfen, Erste Hilfe zu leisten und mir ein paar Käsewürfel zu reichen - ich muss etwas hinfällig gewirkt haben! Warum ich mir das in meinem Alter antue, fragen Sie mich in ihrem Idiom. Ich nicke traurig. „Altersarmut!“ 

Ja, davon hätten sie gehört, bestätigen sie mir mitleidig. Dabei sei Duitsland doch so ein reiches Land! Kaum zu glauben! 
Die beiden laben mich noch mit einem kopje koffie und verabschieden sich mit einem herzlichen Tot ziens. Merke: Der Smart führt auch unweigerlich zur Völkerverständigung! Wer hätte das gedacht! 

Ich muss noch mal hin. In meinem Wagen muss der Rückspiegel neu. Im Mai. Ich bekomme dann auch wieder einen Leihwagen. Einen Smart. Und ich freue mich darauf. Die Wunden an meinem Hals werden verheilen, irgendwann. Und ich schreib dann wieder was Nettes über den Smart. Versprochen! 


Das Gesetz der Serie

Gerade findet in Frankreich die „Canneseries“ statt. Heute geht es zu Ende, höre ich. Ein Festival, in dessen Verlauf Fernsehserien präsentiert werden und auf Auszeichnungen hoffen dürfen.

Fernsehserien? Ja, so war das früher einmal. Ich arbeitete mich durch Bonanza, Bezaubernde Jeannie, Tammy, das Mädchen vom Hausboot und Maxwell Smarts Abenteuer, durch den Forellenhof und die Familie Hesselbach, die Oma so gern hatte. 

Das Haus am Eaton Place, Graf Yoster, Percy Stuart, Am Fuß der blauen Berge, Rauchende Colts, Big Valley, Mannix, Columbo, Cannon und Detektiv Rockford umrahmten meinen Weg durch die Fernsehwelt, genau wie das brillante Ich heirate eine Familie, und der immer hochkarätig besetzte Kommissar.

Dann kamen die privaten Sender, und mit ihnen aufregende, spannende, neue Serien. Ich versank in Cagney und Lacey. T.J. Hooker. Airwolf. Baywatch und Knight Rider. Auch noch überschaubar. Alles sehr spannend und actiongeladen - wenigstens für damalige Verhältnisse. War doch klasse, wie MacGuyver sich mit Backpulver, einer Flaschenbürste und etwas Rost, von einem Teekessel geschabt, aus der Küche der sowjetischen Botschaft befreite, in die man ihn eingesperrt hatte, oder?

Erinnert sich noch jemand an Dallas und Denver? Ich gehörte zur Denver-Fraktion. Ich fand die Carringtons viel bunter als die Ewings.

Aber wo blieb das Lachen? Die Comedy? Man bescherte uns die Golden Girls, den All-Time-Klassiker, der bis heute nichts an Humor eingebüßt hat. Und dann brachen sie über uns herein, die lustigen Serien, die jede gesellschaftliche Sparte abdeckten. Will and Grace, Mike and Molly, How I Met Your Mother, The Big Bang Theory, Three And A Half Men, Two Broke Girls, New Girl. Kennt jemand noch Roseanne? Alf? A-Team? Star Trek?  Die einzige Serie, die ich komplett, Staffel für Staffel gesehen habe, und über die ich mich noch heute freuen kann, ist Friends. 

Und da sind wir schon bei einem der Hauptprobleme. Wenn mir mal was gefällt, dann wird garantiert die Produktion der Serie eingestellt, weil sie offenbar für die Amerikaner zu intelligent ist - zum Beispiel das schrille, bunte Pushing Daisies, oder das mysteriöse Roswell. Komisch, dass Twin Peaks so lange gelaufen ist. Aber das hat sowieso keiner zu Ende gesehen. Oder, das Fernsehen stellt, z.B. mangels Zuschauern, die Ausstrahlung ein. Von True Blood zeigte RTL II nur eine oder vielleicht zwei Staffeln. Oder - das geht mir immer so - der Enthusiasmus erlischt in dieser dämlichen Sommerpause. Völlig überflüssig, im Zeitalter der Festplattenrecorder. 

Es gibt Serien, in denen immer die gleichen Personen in immer neue Situationen gestellt werden. Krimis, zum Beispiel. Interessanter sind die Serien, in denen eine Handlung und, wünschenswerter Weise, auch die Charaktere sich weiter entwickeln. Man erkennt diese an dem stereotypen Anfangssatz: „Was bisher geschah ...“, wie bei Desperate Housewives. Oder dem Vorspann beim gruseligen, schrägen Gotham. Und was Crossovers und Spinoffs sind, wissen wir auch erst, seit Jessica Fletcher bei Magnum über den Bildschirm spazierte. Und eine liebgewonnene Figur aus Friends, Joey Tribbiani, in der Serie Joey floppte.

Wunderbare Serien wurden und werden produziert. Dys- und Utopien, Fantasy, Action/Crime ( Prison Break ), History, Comedy. Einige wurden zu einem Film verkocht, zum Beispiel Türkisch für Anfänger. Als Serie großartig, als Film eher lau. Heute macht man aus Filmen Serien, zum Beispiel Rush Hour. Als Film witzig und temporeich, als Serie eher gequält. 

Ja, und einige Serien kann man gar nicht sehen. Leider? Gottseidank? Wenn sie nur für „Online“ produziert sind. Netflix, Maxdome, Amazon, Sky. Merke: Heutzutage schaut man Serien nicht, man streamt sie. Und wenn Du nicht zum Kreis der Auserwählten gehörst, die sich gegen Gebühr auf diesen Portalen bewegen, dann wird das nichts mit Breaking Bad, The Walking Dead, Babylon Berlin, Game of Thrones, House of Cards. Nur gelegentlich gibt es einen Wechsel zum Free-TV. Und dann kann man nicht mehr mitreden, weil alle anderen das schon längst gesehen haben, und einen mitleidig anstarren. Da können Matthias Schweighöfer und Elyas M‘Barek noch so viel Werbung machen.

Ich mag Serien. Lindenstraße am Sonntag ist eine heilige Handlung. Lucifer füllt den Mittwoch, Betty's Diagnose leiten der Freitag ein, gefolgt von Doc Martin. Man freut sich über die kurzen Serien auf ARTE und ONE, teils britischer, teils skandinavischer Provenienz. Und ich persönlich hoffe, dass bald eine neue Staffel des liebenswerten Teams um die sympathische, chaotische Candice Renoir auf die Mattscheibe kommt. Ich habe allerdings etwas Angst davor, in diesen Serien unterzugehen. Es gibt immer mehr davon. Man schafft gar nicht alles, nicht mal im Ruhestand. Man gerät unter Druck. Ein Film ist irgendwann zu Ende erzählt. Aber eine Serie? 
Und man versäumt das echte Leben. Es ist doch nicht mehr normal, wenn man eher weiß, was es bei Familie Beimer heute zum Mittagessen gab, oder an welchem Fall Inspector Barnaby gerade arbeitet, als dass man Notiz davon nimmt, dass die Nachbarin erkrankt ist - oder?

Wer weiß? Vielleicht werde ich eines Tages selbst zur Serie. Oder die Geschichte meines Lebens. How I Met My Chefarzt. Oder Dr. med. Volmer - Der Arzt, dem die Frauen vertrauen. Oder Drei Engel für Peik. 
Möglich wär's!


πόλεμος πάντων μὲν πατήρ ἐστι - Der Krieg ist der Vater aller Dinge

Der Krieg als Vater aller Dinge? Ja, fein. Ganz so hat Heraklit das nicht gemeint, wie man es vereinfacht verstehen mag. Es geht um Polarität, um Werden und Vergehen, das Erschaffen und das Vernichten. Metaphern wurden zu allen Zeiten verwendet. „Paradies“, zum Beispiel. 

Die Welt ist aus den Fugen, nicht? Wir schauten angstvoll nach Nordkorea und den USA. Da gibt es gerade eine Pause. Aber keine Sorge. Es geht munter weiter. Das Vereinigte Königreich gegen Russland, USA gegen Russland. Der Brandstifter im Weißen Haus kultiviert seinen Caesarenwahn bis zur Unerträglichkeit. Syrien ist zum Spielball der unterschiedlichsten Machtinteressen geworden. Israel und Iran? Und der größenwahnsinnige Sultan und sein Osmanisches Reich? Von religiösen Wahnvorstellungen getriebene Terroristen - Moment! Religiös? Eiskalte Machtinteressen sind da das Motiv. Aber das war bei Religionen immer schon so. Montezuma weiß, wovon ich rede.

Versteht überhaupt noch jemand irgendetwas? Hat einer im Geschichtsunterricht aufgepasst? Wird Duma das Sarajewo für den 3. Weltkrieg werden? Brauchen wir wohlmöglich den Krieg, damit man aus den Trümmern etwas Neues, Besseres, Solideres aufbauen kann? 

Und dann, statt im Inneren so etwas wie Kultur und Lebensart hochzuhalten, gibt es Auswüchse wie die AfD, die Autoindustrie, die große Koalition und den Echo. Bitte, ich habe ja nichts dagegen, dass das Bedürfnis, Scheiße zu verzapfen und diese dann mit Preise zu adeln, zunimmt. Auch hier werden, wie bei den Glaubenskongregationen, hauptsächlich wirtschaftliche Interessen wie bei kriegerischen Auseinandersetzungen verfolgt. Oscarprämiert? Verkauft sich besser. Bio-Siegel? Verkauft sich besser. Golden Globe? Heiligsprechung? Umweltengel? Grimme-Preis ( ach, Marcel Reich-Ranicki, Du hattest recht! )? DLG? Echo? Richtig. Verkauft sich besser. Alles generalstabsmäßig geplant. Alles Strategie.

Wir sind leider blöd. Egal, ob bei Gammelwurst aus Separatoren-Fleisch, oder bei Gedankenmüll von Farid Bang und Kollegah - Hauptsache, es verkauft sich besser. Denn auch wenn es sich bei den Letztgenannten angeblich um Künstler handelt, sind es doch eiskalte Geschäftsleute. Kriegsstrategen, denen es um Einfluss, Machterhalt und Marktanteile geht, wie den „Staatsmännern“, den „Glaubensführern“, der Industrie, egal ob Auto- oder Musik-. 

Wir sind leider blöd. Geil, oder? Die trauen sich was! Provozieren so schön! Immer drauf! Schwule sind Scheiße, Frauen nur zum F*cken. „Du Jude“ ist ja sowieso schon Schimpfwort! Korrekt, ey! Super der Track! Gleich downloaden! Geht ja ganz leicht, mit MP3-Player, oder Smartphone. Hauptsache was machen, worüber sich die fetten Bonzen aufregen! Und das Heer der einfachen Konsum-Soldaten lädt auf Kommando herunter, was das Bankkonto hergibt.

Wir sind leider blöd. Wir regen uns auf. Jetzt! Ist leider zu spät. Bildung fängt zu Hause an. Einfluss der Eltern, und so. Erziehung, nennt man das. Dann kommt die Schule und setzt fort, wofür im Elternhaus der Grundstein gelegt wurde. Und vermittelt Wissen. Und ab da sollte es dann funktionieren. Den Feinschliff geben Freunde, Verwandte, Bekannte - das gesamte soziale Umfeld. 
Das läuft heute etwas anders. Die Erziehung übernimmt der Fernseher, und die anderen Medien. Bitte, so wird ja auch Politik gemacht! Kriege werden über das Smartphone erklärt. Und was sehen wir? Superstars, Topmodels, Dancing Stars - für jeden Müll gibt es eine Casting Show. Leben ist ja so easy! Wozu Bildung? Geschichtsbewusstsein? Wenn’s nix wird, mit dem Abi - werde ich einfach YouTube-Star! Hauptsache, ich verkaufe mich gut.

Dass diese Sprechsänger primitiven Müll absondern, steht außer Frage. Komisch, dass das Echo ( „der“ Echo? ) verhältnismäßig gering ist. Man stelle sich vor, dass Beatrix von Reiher diesen Text als Tweet abgesondert hätte. Ist ja ihr Stil. Und ihr Inhalt. Da wären viel mehr auf den Barrikaden gewesen. 
Aber: In der Zielgruppe verkauft er sich gut, und spült Ihnen Geld in die Taschen. Ausgeklügelte Marketing-, Kriegs-Strategien. Mit der richtigen Beleuchtung, meine Damen und Herren, sieht sogar ein dampfender Hundehaufen aus wie die Rocky Mountains. Und das ist leider keine Kunst. Es stinkt zum Himmel. 

Ich glaube, wir brauchen Krieg. Er sei der Vater aller Dinge, sagte Heraklit. Eine kleine Schar von Philosophen interpretiert, wie wir dass zu verstehen haben. Ich denke, dass der Krieg bereits ausgebrochen ist. Nur gemerkt haben wir es noch nicht. Genießt den Krieg, Freunde. Der Frieden wird fürchterlich. 




Krankheiten

Schon wieder Montag. Montag, der 6. Juni 1983. Im Krankenhaus Neukölln in Berlin tritt ein 26jähriger Medizinstudent im praktischen Jahr seine Mittagspause an, wie jeden Tag. Er begibt sich zum Kiosk auf dem Gelände, kauft eine Prinzenrolle, einen Milchkaffee und einen ‚Spiegel‘. „Aids, die rätselhafte Krankheit“, steht auf dem Titelbild. Schrecklich, wirklich. In Deutschland gibt es auch einen Fall. In Frankfurt. Ist seit dem Juli 1982 bekannt. 

Nach seinem Staatsexamen fängt der junge Arzt an, im Krankenhaus zu arbeiten. Entsprechend einer Vorschrift muss er sich vom Gesundheitsamt Schöneberg gegen Hepatitis B impfen lassen. Ein halbes Jahr später bekommt er die amtliche Aufforderung, sich auf das HI-Virus testen zu lassen. Die Antikörper des Impfstoffs seien teilweise aus dem Blut homosexueller Männer gewonnen worden. Es sei möglich, dass ... Der Arzt durchlebt eine furchtbare Woche. So lange dauert es, bis der Test ausgewertet ist. Endlich das Resultat. Negativ. Er hört, das zwei ehemalige Mitstudenten an Aids gestorben sind.

In der Klinik muss mit Handschuhen Blut abgenommen werden. Der Arzt findet das unlogisch. Eine Nadel lässt sich auch durch einen Latex-Handschuh kaum vom Eindringen in die Haut abhalten, oder? Beim Operieren HIV-positiver Patienten allerdings befolgt er die Anweisung, Schutzbrille und doppelte Handschuhe ( Gefärbte zuerst, darüber die Weißen ) zu tragen.

Die Röntgenbesprechung wird durch einen sehr tüchtigen, sehr netten radiologischen Kollegen geleitet. Plötzlich erscheint an seiner Stelle eine Kollegin. Er sei leider erkrankt, erklärt sie. Sie sei bis zu seiner Genesung die Vertretung. Zwei Tage später erscheint sie und berichtet, dass wir uns ab sofort an sie gewöhnen müssten. Der Kollege sei in der vergangenen Nacht gestorben. Lungenentzündung infolge von Aids.

Im Mai 1990 eröffnet der Arzt, inzwischen Facharzt für Urologie, eine Praxis in Hamburg. Er wird von einer Gruppe von Ärzten angesprochen, ob er Interesse habe, HIV/Aids-Patienten urologisch zu betreuen. Natürlich sagt er zu. 

Sogar zu diesem Zeitpunkt ist das keine Selbstverständlichkeit. Die Patienten erzählen Geschichten, die man kaum für möglich hält. Kollegen weigern sich, sie zu behandeln, „zum Schutz ihrer anderen Patienten“. Es handele sich nicht um eine Erkrankung, sondern um eine „Strafe Gottes“ für unmoralischen Lebenswandel. Die Karteikarten tragen mit neonbunten Stiften dicke Markierungen. „AIDS“ oder „HIV“. Arzt und Helferin tragen Mundschutz, Handschuhe, berühren den Patienten so wenig wie möglich, halten Abstand. 
Alles dummes Zeug. Bereits 1985 hatte die Moderatorin Lea Rosh in der Bremer Talkshow „3 nach 9“ aus dem Glas eines HIV-positiven Patienten getrunken, um zu demonstrieren, dass eine Infektion mit dem HI-Virus über alltägliche körperliche Kontakte ausgeschlossen ist. 

Die Menschen sterben. Uli, Heinz, Roman, Fritz, Thomas, Wolfgang, Manuel ... und unendlich viel Prominente. Bis 1993 gibt es nur die Monotherapie, danach eine eine Zweier-Kombination, die die Lebensdauer der Patienten etwas verlängert. Einen Durchbruch bringt die Dreier-Therapie 1999/2000, mit einer deutlichen Verbesserung der Lebenserwartung. Seither werden immer neue Medikamente entwickelt, die eine Verbesserung der Verträglichkeit versprechen. Ziel ist die Schutzimpfung, und an der Charité in Berlin wird mit Blutstammzellen im Bereich der Gentherapie geforscht.

Zwanzig Jahre Leid. Zwanzig lange, traurige, bittere Jahre. Ich musste gestern an so viele großartige Menschen denken, die ihr Leben durch diese verfluchte Krankheit verloren. Ich dachte an sie, weil Conchita Wurst mit ihrer Erkrankung erpresst wurde und sich gezwungen sah, mit diesem Thema an die Öffentlichkeit zu treten. Ehrlich? Mir war gar nicht bewusst, dass das überhaupt ein Thema ist, mit dem man erpresst werden kann. Schon gar nicht, wenn man schwul ist. Hallo? 2018? Wo, bitte, leben wir? Haben wir wirklich keine anderen Probleme? 

Warum tut es uns so gut, andere zu stigmatisieren und zu diskriminieren? Warum müssen wir uns auf dem Niveau von „Bild“- oder „Kronen“-Zeitung bewegen? Können wir uns mit derlei Skandälchen über unsere eigene, langweilige, trübe Existenz, unser eigenes Versagen, unsere zerplatzten Träume, hinwegtrösten? Oder ist das nur dumme Borniertheit? Pseudo-religöse Verblendung? Oder, ganz banal: Kriminell?

Conchita Wurst ist eine großartige Künstlerin. Das Video von „Rise Like a Phoenix“ macht mir Gänsehaut, und treibt mir Tränen in die Augen. Ich mag sie sehr. Und ich weigere mich, bei Rock Hudson an etwas anderes zu denken, als die Komödien mit Doris Day. Bei Rudolf Nurejew an etwas anderes als Le Sacre du printemps. Bei Liberace an etwas anderes als an virtuoses Klavierspiel. Bei Freddie Mercury, Anthony Perkins, Keith Haring an etwas anderes an unvergessliche künstlerische Leistungen, die von ihrer Existenz noch zeugen werden, wenn miese, kleingeistige Erpresser und Denunzianten schon längst aufgehört haben, jemandem etwas zu bedeuten. 

Ich finde übrigens den Erpresser deutlich kränker, als Conchita je werden kann.

Rise like a Phoenix, Conchita!  

  https://m.youtube.com/watch?v=SaolVEJEjV4#