Manchmal kann man den Mund einfach nicht halten. Oder man hat etwas Außergewöhnliches, Bewegendes, Lustiges erlebt. Oder man schreibt etwas auf, um sich später daran zu erinnern ...


Smart.


Ich sitze in einem Smart. Bitte fragt nicht, wie ich da reingekommen bin. Ich sitze jedenfalls drin. 

Ich erinnere mich: Vor Jahren, als Student, bin ich mal mit Susi und Jürgen durch Griechenland gefahren, in einem Daihatsu Cuore. Ja, ich war damals noch 60 kg jünger, aber irgendwie gabs  da - sogar auf dem Rücksitz - viel mehr Platz! 

Rücksitze sind hier ohnehin Fehlanzeige. Da, wo normalerweise der Rücksitz ist, befindet sich der Truck aus Holland mit einem nur bedingt gutgelaunten Fahrer. Sehr dicht. Wirklich. Sehr, sehr dicht! 

Dafür ist der Vordersitz etwas enger. Wozu sollte man auch die Beine ausstrecken wollen. Zu viel Bequemlichkeit ist gar nicht gesund! Sitzen, so sagen ernstzunehmende Mediziner, sei das neue Rauchen. Die haben dann allerdings noch nie einen Smart über eine deutsche Landstraße gefahren. 
Schon mal auf einem friesischen Zossen durchs Watt vor Sylt geritten? Oder mit einem Kamel durch die Dünen von Maspalomas? Und da hat man wenigstens noch das Gefühl von "Ich-sitze-fest-im-Sattel", und nicht, in einer schlecht schließenden Konservendose den Naturgewalten ausgeliefert zu sein! 

Ich steuere den Parkplatz vor McDonalds an. Sofort laufen die Menschen zusammen, einer hebt sein Kind hoch, damit es besser sehen kann. "Mama", fragt besagter Nachwuchs, "wie ist der dicke Onkel in das Auto gekommen?" 

Das fragt sich der dicke Onkel auch. Aber ist Existenz nicht unverursacht, womit sich alle Frage nach dem Wie und dem Warum aufheben? Oder, mit anderen Worten: Das Kind ist tückisch. "Mama, ist der dicke Onkel arm?" 

Nie wieder Smart. Nie wieder. 



I am sitting in a car named "Smart". Don't ask how I managed to get in there. At least, I am sitting inside. 

I remember: Years ago, as a student, I happened to drive with friends of mine through Greece, in a Daihatsu Cuore. Alright, I was about 60 kg younger then, but, as far as I remember, Even the back seats were more spacious. 

Back seats? There are no back seats in here. Instead of back seats I notice a Dutch truck driven by a moderately cheerful guy. Very close. Hey, very close, indeed! 

At least the front seats are narrow. Why should one want to stretch out comfortably? Too much convenience isn't even healthy! Sitting, wellknown doctors say, is the new smoking. I bet they never drove in a Smart over a German country road! 
Did you ever ride a Friesian nag on the mud flat of Sylt Island? Or a camel through the dunes of Maspalomas? At least you have the feeling to sit in your saddle firmly and not to be exposed to the powers of nature in a half-open can! 

I guide the car to a McDonalds parking lot. At once people congregate, a guy lifts up his child so that she gets a better overall view. "Mama", the mentioned little girl asks, "how did the fat uncle manage to get into this?"

This exactly is what the fat uncle asks himself. But isn't existence causeless, so that questioning about how and why cut out themselves? Or, in other words: This child is mean.
"Mama? Is the fat uncle poor?"

Never again a Smart. Never again. 




Im Hotel.


Prolog:
______

Gottseidank ist der Weg ins Ruhrgebiet von Hamburg aus nicht so weit. Besonders, wenn bei 30 Grad die Klimaanlage plötzlich streikt. Trotzdem erreichen wir das NH-Hotel Oberhausen fast exakt um 18 Uhr, allerdings etwas erschöpft und deutlich verschwitzt. Egal, schnell aufs Zimmer, duschen, und dann hinein ins volle Menschenleben! 

Während ich noch den Koffer aus dem Auto schäle, betritt eine kleine, blasse, mittelalte Frau in kariertem Flanellhemd, Anorak, Jeans und praktischen Wanderschuhen das Hotel und begibt sich zur Rezeption. Dort wird sie von einer freundlich lächelnden Mitarbeiterin willkommengeheißen. 

Ich stelle mich erwartungsvoll an den Arbeitsplatz daneben, immerhin, es gibt vier Positionen. Schade. Die zweite Mitarbeiterin scheint heute frei zu haben, oder - es ist ja nichts los, ich geh schon mal nach Haus, dafür bleib ich morgen länger - schon im Frei. 
Naja. Geduld. Einfach ein wenig Geduld.

"Wenn Sie dies hier einmal ausfüllen möchten?"
Die karierte Frau mit der praktischen Kurzhaarfrisur schaut erst erwartungsvoll auf den dargebotenen Zettel, dann hebt sie den Kopf zur Mitarbeiterin. 
"Womit?"

Die uniformierte Rezeptionistin reicht ihr einen Kugelschreiber. 
"Alles?"
"Ja, alles."
"Na, dann wollen wir mal ... "

Nach 5 Minuten stehen immerhin der Name und der Vorname auf dem Papier, nachdem noch eine Diskussion, ob man statt Druckbuchstaben auch Schreibschrift verwenden dürfe, stattgefunden hatte.

Ich überbrücke die kurze Wartezeit mit dem lokalen Hotelprospekt, auch denen von Düsseldorf und Berlin, und schlage dann Marcel Proust's "À la recherche du temps perdu" auf. Kurz vor dem Ende des ersten Kapitels höre ich meine großkarierte Nachbarin erneut.

"Die Postleitzahl? Was Sie alles wissen wollen! Ich kann mich nicht erinnern!" und bückt sich nach ihrem Rucksack, den sie beginnt, nach etwas zu durchforsten, was ihr eventuell einen Hinweis auf die gewünschte Information geben könnte. 

Ich habe ja auch noch mein iPad. Beim vierten Level von "World of Warcraft" entscheidet sich die Dame in Flanell nach ausführlicher Beratung durch die freundlich lächelnde Mitarbeiterin, eine Zahl hinzuschreiben, von der sie glaubt, daß sie richtig ist. Aber genau wissen täte sie es nicht. Leider.

Ich entschließe mich, schnell die Tagesschau zu sehen, und vielleicht anschließend im Restaurant noch eine warme Mahlzeit zu mir zu nehmen. 
"Mitreisende Personen? Was meinen Sie mit 'Mitreisende Personen'? Ich reise allein!"

Ich unterdrücke nur mit Mühe das Bedürfnis, ihr ein aufmunterndes 'Das glaube ich Ihnen gern!' entgegenzurufen. 

Nein. Eine Kreditkarte habe sie nicht.
Dann müsse sie bar und im Voraus bezahlen, meint streng die geschulte Fachkraft. Die Suche nach der Geldbörse - Marke Aquapack wasserfest von Globetrotter - beginnt. 
"Das war nämlich ein Sonderangebot. Und so praktisch!"

Ich habe inzwischen einen alternativen Wirtschaftsplan für Griechenland erstellt, ein Mittel gegen Krebs entwickelt und das Bernsteinzimmer gefunden. 
Endlich bin ich dran. Endlich. 

Das Goretex der Wanderschuhe quietscht auf dem Fußboden der Halle, der Anorak raschelt heran. 
"Wo war noch mal der Lift?"

Das Thema:
__________

Das Zimmer entspricht dem eines leicht in die Jahre gekommenen Hotels. Die unvermeidliche Wanne im Bad, die kein Mensch braucht und die das Duschen erschwert. Ein leider nur schlecht funktionierender Dunstabzug , der das Bad in etwas zwischen "The Fog" und türkischem Hamam verwandelt. Ein Fernseher, dessen Fernbedienung nicht funktioniert und der kaum Sender speichert, nur die italienischen, französischen und - besonders wichtig! - chinesischen empfängt man klar. 

Aber: Steckdosen, so viel man will, sehr gute Matratzen, allerdings miese, lange Jahre benutzte Bettdecken und Kissen, eine erfreulich eiskalte Klimaanlage, und auch der Wasserdruck der Dusche stimmt. Warum allerdings der Spiegel im Bad so wellig wie auf dem Jahrmarkt sein muß, weswegen ich bei längerem Hineinsehen seekrank werde, ist mir völlig unerfindlich. 

Das Frühstück allerdings erweist sich fast sensationell, wobei das fast sich mal wieder auf die gummiartigen Teigerzeugnisse bezieht, die man auch als Semmeln, Rundstücke, Weckle oder Schrippen kennt. Sonst ist alles perfekt, das Personal ist fast liebevoll aufmerksam. Ein Beispiel? Ich balanciere einen Teller, noch einen Teller und eine Tasse zu meinem Platz, den Tee habe ich im Kännchen zubereitet und muß ihn mangels dritter Hand zunächst am Buffet stehen lassen. Sofort eilt die nette junge Frau mit dem Namen Melanie Scholz herbei und trägt die Kanne an meinen Tisch. Donnerwetter! 

Die Gläser beim Saft haben nicht nur Fingerhut-Format, sondern eine vernünftige Größe, alles ist im Überfluß da, abwechslungsreich, frisch, nett angerichtet. Sogar eine Kinderecke mit Leckereien, die Eltern, die auf Vollwert-Kost für die Nachkommen reflektiert, Sorgenfalten auf die Stirn zaubert ... Macht Euch mal locker, Leute. Ein Schokolade-Riegel oder ein paar Gummibärchen haben noch kein Kind getötet. 

Aber bitte, Freunde: Nicht diese Brötchen! Die machen alles kaputt! 

Fazit: 
_____

Nerviger, langsamer Check-in, ansonsten eine gute Zeit.

Epilog:
______

Vor mir, am Tee, ein großkarierte Rücken. Mittelgroß, praktische Kurzhaarfrisur ... das wird doch nicht ... 
"Was nehme ich bloß, was nehme ich bloß!?"

Natürlich. Madame Goretex, die Unentschlossene. 

Sie zieht ein Beutelchen mit Lapsang Souchong heraus und studiert aufmerksam das Kleingedruckte auf der Rückseite, vermutlich sogar in allen dargebotenen Sprachen. Das Ergebnis scheint sie negativ zu berühren, weil sie versucht, das Beutelchen in die Umverpackung aus Pappe zurückzustecken, aber wo war die noch gleich? English Breakfast, Earl Grey, Chamomile, Green Gunpowder .... Sie setzt zu einem zweiten Versuch an. Diesmal produziert sie ein Tütchen Darjeeling Second Flush. 

Ich habe Durst.

Ich erfahre Interessantes, denn auch hier studiert sie sorgfältig den Text, den sie murmelnd zum Besten gibt. 
- [ ] "Die Sommerernte ist der Höhepunkt im Erntejahr in Darjeeling. Durch die längere Wachstumsphase nach der Winterruhe, die kräftigere und längere Sonneneinstrahlung, und durch die höheren Temperaturen haben die Teebüsche mehr Kraft und Aroma entwickelt. Second flush Darjeeling-Tee ist ausgereifter und gehaltvoller im Geschmack, der sich bei Spitzensorten als Muscatell-Flavour ausbildet. Der Tee-Aufguß ist dunkler als bei first flush-Darjeeling...."
Wer sagt denn, das Reisen nicht bildet? 
Aber ich habe immer noch Durst.
Darf man in diesen Situationen schubsen? Oder sich mit einem genervten "entSCHULDIGUNG ...!" an einer Dame vorbeidrängeln? 
Ich entschließe mich zur vornehmen Zurückhaltung. Meine biologisch abbaubare Mitbewohnerin wählt den Pfefferminztee, der ihr immer Verstopfung bereitet, na, da steht uns ja noch was bevor. 
Ich habe mich für einen Caffé latte entschieden. Der Automat war gerade frei. 

Sie ist weg.

Bei Nacht und Nebel verschwand sie, in ihrer umständlichen, bescheidenen Art.
War ich schuld? Lag es an mir? 

An meinem genervten Blick, dem hörbaren Seufzen, dem irritierten Ein- und Ausatmen? 
Habe ich ihr das Gefühl vermittelt, zu stören? Überflüssig zu sein?

Man kennt das doch: Jede Frau hat ihre kleinen Capricen. Jede Frau findet den Autoschlüssel erst nach stundenlangem Wühlen in der Handtasche. Jede Frau hat nichts anzuziehen, auch wenn ihre drei Kleiderschränke sich biegen. Jede Frau braucht dringend genau dies Paar Schuhe, weil es zu der Handtasche paßt, die Dir doch auch so gut gefallen hat, letztes Jahr in Mailand, und für die sie noch kein passendes Paar besitzt, und weil ihr die Farbe so gut steht, und weil es einfach wunder-, wunderschön ist. Basta. Jede Frau kann nur mit ihrer besten Freundin, am besten mit der kompletten Entourage, auf die Toilette. Jede Frau kann wunderbar einparken.

Klischees, meint Ihr? Ha! Alles wahr! 

Und jetzt ist sie weg. 

Ich frage mich: Ist ihr die Postleitzahl wieder eingefallen? Wie bei E.T., nur daß der nach Hause telefonieren wollte. Oder hatte sie kein frisches kariertes Flanellhemd mehr? Oder hat ihr, Gott bewahre, doch der Pfefferminztee ein behandlungsbedürftiges Verdauungsproblem beschert? Nicht auszudenken! 

Das Leben schreitet fort, und auch die praktische Kurzhaarfrisur. Ich bin sicher, daß sie gerade eine Kreditkarte beantragt, Druckbuchstaben übt oder vielleicht sogar nach einer Partnerschaft Ausschau hält, damit sie nicht immer allein reisen muß. Eine Partnerschaft, die sie erblühen läßt, in der sie ganz Frau sein darf, sich der Befriedigung ihrer sinnlichen Begierden nicht schämend. Kurz, aus ihrem Alltag ausbricht. Noch einmal durchstartet. Sich neu erfindet.  

Bestimmt hat sie entdeckt, daß das Leben mehr für sie bereithält als eine Übernachtung mit Frühstück, das sie sich dann mit Pfefferminztee versaut, und pflegeleichte, wasserdichte, praktische Kleidung, auch wenn's ein Sonderangebot ist.

Und ganz weg ist sie dann ja auch nicht. Ich trage sie in meiner Erinnerung bei mir, und durch meine Posts ist sie sozusagen unsterblich geworden. Das Internet vergißt eben nie, und Facebook schon gleich gar nicht. 

Alles Gute!


 


Manchmal können kurze Begegnungen, in diesem Fall mit einem Patienten, sehr bewegend sein ...


Eine Première, gestern. 

Nicht, daß ich nicht schon Patienten mit, wie man so sagt, Migrationshintergrund, behandelt hätte. Im Gegenteil: Diese Gruppe macht einen großen Teil meiner Patienten aus. 
Aber gestern war Première.

Ein 14jähriger Junge, nennen wir ihn mal Faisal, steht in Begleitung eines dolmetschenden Sozialarbeiters als Patient vor mir. Ein UmF. Ein 'unbegleiteter minderjähriger Flüchtling' aus Afghanistan, der mich mit ängstlicher Spannung aus großen, dunklen Augen ansieht. 
Mit dem Boot sei er gekommen, sagt der Sozialarbeiter, über Griechenland. 
Da hat er Glück gehabt, denke ich, und dann sage ich es auch. 
"Finden Sie?" erkundigt sich mein Gegenüber. 

Faisal klettert auf die Untersuchungsliege. Sein Gesichtsausdruck hat diese angespannte Furcht behalten, ein Lächeln meinerseits bleibt seinerseits unbeantwortet. 

Bei der Untersuchung bewege ich meine Hand hastig in der Nähe seines Kopfes. Faisal schreckt zurück, als befürchte er einen Schlag. 

In dieser Bewegung, in diesem Blick, liegt unendlich viel Leid. Mehr Leid, als ich bei einem so jungen Menschen je gespürt habe. Allein, in einem Land, dem er zur Last fällt, jederzeit in ängstlicher Erwartung körperlicher Gewalt. 
Glück gehabt? 

Ich wünsche mir für Faisal, daß er das Leben eines 14jährigen leben wird, irgendwann. Mit Kino, und fast food, und Eisessen, massenhaft Haargel und erster Liebe, und Problemen mit Pubertät und in der Schule. Und daß er weiß, welche Jeans gerade in sind, und welche Sneakers dazu passen. 



Unter dem Eindruck des vorigen Textes entstand dieser Eintrag, den ich auf Facebook postete. Was soll ich sagen? Nicht ein einziges 'like'! Niemand mochte es lesen. Vielleicht ist mir auch niemand in meiner Ansicht gefolgt ... 

Weihnachtswünsche 

Ich wünsch mir zu Weihnachten einen Syrer. Es dürfte auch jemand aus Somalia sein. Oder Afghanistan. 
Das fiel mir ein, als ich gestern von Hamburg in meine Heimatstadt Cuxhaven fuhr, und mir der leere Rücksitz auffiel. Da wäre doch Platz für einen Syrer, oder? 

Ich meine, wir reden so viel über Integration. Reicht es denn, in den Kursen zu lernen, wie man sich vorstellt, nach dem Weg fragt und lernt, beim Bäcker Brötchen zu kaufen? Lernt man so, wie das Leben hier funktioniert? Fühlt man sich so angekommen, angenommen? 

Das, was in diesem Land jahrzehntelang als Migrationspolitik gegolten hat, war falsch. Das haben wir gelernt. So entstehen Ghettos. So entstehen so dämliche Situationen, daß man einen Menschen, der bereits in 2. oder 3. Generation Deutscher ist, wegen seines Äußeren oder seines Namens als Ausländer betrachtet, obgleich das sachlich falsch ist. So entstehen Parallelgesellschaften. So entsteht aus Verzweiflung Wut. So entstehen - auf dem Boden von Ausgrenzung - letztlich Terroristen. 

80 Millionen Deutsche stehen einer Million Flüchtlinge gegenüber. Und das soll nicht zu schaffen sein? Mit etwas Menschenliebe? Mit mitmenschlichem Respekt? Oder zumindest mit Interesse? Dürfen wir uns über Regelverstöße oder Grenzüberschreitungen beschweren, wenn keiner sich findet, der den neu Angekommenen sagt, was für Regeln und Grenzen zu beachten sind? 

Ich wünsche mir zu Weihnachten einen Syrer. Bin ich ein Träumer, wenn ich mir vorstelle, in bester christlicher Tradition den Hilfebedürftigen aufzunehmen, ihm Speise und Trank zu geben und Nähe zu gewähren? Ist es unrealistisch, für einen anderen Menschen als Erklärer und Ratgeber zur Verfügung zu stehen? Darf man mich kitschig nennen, wenn ich mir vorstellen, mit "meinem" Syrer mal raus aufs Land zum Teetrinken zu fahren? Zu reden, um die frisch gelernten Deutschkenntnisse zu verfestigen? Zum Abendbrot einzuladen? Ihn anzurufen, Hey, Aseem, hast Du Lust mitzukommen, ins Kino, in die Kunsthalle, zum Spazierengehen, oder vielleicht auch nur zum DVD-gucken mit Chips und Cola? Hättest Du Lust, mal die Stadt kennenzulernen, aus der ich stamme? Ich fahre bald wieder hin. Und:

Der Rücksitz wäre frei ...






Na klar liegt das an mir und meinen Komplexen. Ist man einmal von einem passabel aussehenden, jungen Mann zu einem alten dicken, grauhaarigen Monster mutiert, hat man ja wohl auch das Recht darauf, oder?

Friseur

Ich gebe ja zu: Den Friseur stelle ich immer hintenan. Das mit der Eitelkeit hat sich deutlich gelegt bei mir, so viel Haare sind es ja auch nicht mehr ... aber irgendwann muß es eben sein.

Ich betrete also den Laden in der Hoffnung, daß die nette junge Frau vom letzten Mal ... "Nein, schade. Hilal hat geheiratet und ist nach Berlin gezogen. Wenn ich Ihnen ... " 
Ja, na klar. Nun bin ich schon mal da, wäre ja blöd, wieder zu gehen.  

Die junge Frau bittet mich, noch einen Moment Platz zu nehmen.  
Außer ihr sehe ich noch einen schlanken jungen Mann, offenbar türkischer Background wie Hilal, meine neuerdings verheiratete Freundin. Ein verwegener Schwall pechschwarzer, kräftiger, gel-gestylter Haare, ein präzise ausrasierter Bart umgeben das markante Gesicht. Scharf konturierte, volle Lippen, die Augen, was ich außergewöhnlich finde, kornblumenblau.  

Die Oberarme im schwarzen T-Shirt sind muskulös, den Waschbrettbauch enthält er dem staunenden Publikum zwar vor, aber er besitzt ihn, daran kann kein Zweifel bestehen.  

Mit der Geschmeidigkeit einer Raubkatze versucht er, sich in den Pausenraum zu retten, wird aber von seiner Chefin zurückgepfiffen und angewiesen, mir schon mal die Haare zu waschen.  

Da nimmt er mich wahr.  
Nein, doch nicht. 
Er sieht an mir vorbei, um mich herum.  

"Sie können schon mal Platz nehmen", spricht er indifferent ins Leere. Ich begebe mich zu den Waschbecken. Das Wasser wird aufgedreht, ein kleines, kaltes Rinnsal läuft in meinen Kragen. Ich spüre seine Lustlosigkeit.  
"Recht so?" 
Ich weiß nicht genau, was er meint, die Wassertemperatur, die Art des Waschens, oder meinen nassen Kragen. Aber es interessiert ihn auch nicht, denn er tauscht sich schon längst mit der Kollegin über Probleme des Dienstplans aus. So freut es mich, zu erfahren, daß er morgen erst um 11 kommt, dafür aber bis 18 Uhr bleiben muß. 

"So, einmal zum Platz zurück!" 
Ich widerspreche ihm lieber nicht. Im Spiegel beobachte ich, daß er mich mit hochgezogener, perfekt ausrasierter Augenbraue ansieht. Ärgerlich. Unwillig. Ist es schon Hass, oder nur Ekel?  

Mein Blick fällt auf mich. Ein rotgesichtiger, grauhaariger, dicker alter Mann schaut mir aus dem Glas entgegen. Tränensäcke, Nasenhaare, Poren wie die Rocky Mountains. Schräg hinter mir das Abbild von Jugend, Schönheit, Stärke, das mich mustert wie ein besonders giftiges Reptil.  

Gottseidank steht seiner Zigarette im Pausenraum nun nichts mehr im Weg. Er hat die Pause redlich verdient. Die junge Frau erledigt den Job professionell, und der Blick auf das Bildnis des Dorian Grey wird etwas erträglicher.  

Dessenungeachtet bin ich irgendwie froh, meinem jungen Kritiker nicht mehr unter die Augen treten zu müssen. Eine Zumutung, wirklich.  
Oder findet er mich gar nicht so schrecklich? Frustriert ihn lediglich die Erkenntnis, wo das hinführt, mit dem Leben, wenn das Haar nicht mehr so schwarz, die Beweglichkeit nicht mehr so gut und die Muskulatur nicht mehr so fest sind?  

Hoffentlich hat er morgen, zwischen 11 und 18 Uhr, mehr Glück....  


Meine Sammelleidenschaft bringt mich oft in seltsame Situationen. Warum kann ich mich nicht einfach mit dem bequem Zugänglichen begnügen, und muß etwas von jenseits des Atlantiks haben wollen?

Hamburger Zollamt, Koreastraße, Hafencity

Manchmal wünsche ich mir, daß ich noch rauchen würde. Ich hab 1997 damit aufgehört, es ist ja auch ungesund und teuer und wirklich völlig überflüssig, aber manchmal ... 

Der Zoll hatte mich informiert, daß auf dem Hauptzollamt eine Sendung aus dem außereuropäischen Ausland zur Abholung bereitliegt. Na prima. Das sind die PEZ-Bonbonspender, die ich per Internet im Pez Collectors Store in Missouri bestellt habe. 
  
Endlich.  

Und es ist gar nicht mal voll in der Koreastraße! Nur 5 Nummern vor mir! Da wird die Nummer 25 bestimmt schnell auf dem Bildschirm erscheinen! Ich fülle die Zollerklärung heiter aus.  

Mir gegenüber sitzt ein schicker - ich denke - muslimischer Frisör mit scharf konturiert ausrasiertem Bart, der mit seinem Begleiter scherzt und kichert. Daneben eine sehr schwangere Chinesin ( hoffentlich keine Steißlage, und keine placenta praevia, schießt es mir durch den Kopf ), hinter mir vier aufgeregte Damen, die estnisch, lettisch, litauisch oder so reden.  

An der Wand gegenüber dem Bildschirm mit den aufgerufenen Ziffern ( immer noch HC 19 ) hängt ein Bild unseres verehrten Bundespräsidenten, ein kleines Lächeln im linken Mundwinkel, ein Schmunzeln mehr, seriös, und doch menschlich. Kein Wunder. Der wartet auch nicht auf seine Beamten. 

Erste Zigarette .... 

Nichts geht weiter. Minute nach Minute verrinnt, und nichts bewegt sich. Auch nicht der Pförtner. Gelegentlich ertönt ein "Ping", aber ach, das ist nicht die nächste Nummer, das signalisiert nur die Ankunft des Fahrstuhls.  

Zweite Zigarette .... 

Ein kahler, nicht gut gelaunter Herr mit Hakennase betritt den Raum. Wo er die Beiträge für die Berufsgenossenschaft bezahlen könne, fragt er erbost. Das Leben streift den Pförtner. Er weist auf die Treppe hin, die nach oben zur Kasse führt. 
  
"Pong"! Donnerwetter, die nächste Nummer! "Pong"! Überraschtes Gemurmel füllt den Raum. Neben mich setzt sich eine übermäßig tätowierte und gepiercte Maid mit lila Haaren, die im Minutentakt Kaugummiblasen zerplatzen läßt.  

Jetzt erst, mich nach einem anderen Platz umsehend, merke ich, wie voll es geworden ist. Ich ergebe mich in mein Schicksal. Wäre ich Komponist, könnten mich das Ping des Fahrstuhls im kontrapunktischen Zusammenspiel mit dem "Klatz" der berstenden Kaugummiblasen inspirieren ... 

Dritte Zigarette ... 

"Pong"! Mein Freund, der Frisör, springt scherzend und kichernd auf und begibt sich an den Schalter. Die Zeit vergeht. Mein Gott, schon 1,5 Stunden! Wenn Beamte schon so lange brauchen, ein Päckchen aus den USA zu prüfen, die Steuer auszurechnen und es mir nach Begleichen der Rechnung auszuhändigen - wie wollen sie dann mehr als einen Asylbewerber pro Tag registrieren?  

Sogar der Herr Bundespräsident schaut sorgenvoll auf den Bildschirm. Irre ich mich, oder kraust er die Stirn?  

Vierte Zigarette ....  

Nach vielen "Pings" nun wieder ein "Pong". Das bin ich, endlich. Fast falle ich über die schwangere Dame, die inzwischen noch etwas schwangerer wirkt. Miss Piercing schaut mich mißgünstig an.  

Schalter 2. Da steht er. Ein deutscher Beamter. Vielleicht etwas léger. Moment mal: Keine Zähne? Ach doch, da sind ein paar. Ein wenig sieht er so aus, als trüge er die Zähne in der Tasche seiner ausgebeulten Cordhose statt im Mund.  

"Ausweis, Rechnung, Zollerklärung!"  

Ich krame das Gewünschte hervor und überreiche es ihm sicherheitshalber in der angeordneten Reihenfolge. Er studiert die Rechnung sorgfältig. 

"Oh-oh-oh-oh! Oh-oh-oh-oh!" Das dritte Mal Oh-oh verhindere ich durch die vorwitzige Frage, was ihn den quäle. 
"Disney? Harry Potter? Peanuts? Das sind doch alles Lizenzartikel! Die dürfen Sie gar nicht importieren!" 

Ich erkläre ihm, daß die Firma PEZ zwecks Herstellung der Bonbonspender eben diese Lizenzen vom Lizenzgeber erwarb, damit ich diese dann völlig legal kaufen kann.  
"Nee-nee-nee-nee!" 

Fünfte Zigarette ....  

Wir diskutieren. Ich erkläre ihm, ich könne doch nach Amerika fliegen, zu Toys R Us gehen und die Spender käuflich erwerben, um sie dann in meinem Gepäck nach Deutschland zurückzubringen.  
"Nee-nee-nee-nee!" Das sei etwas ganz anderes. 

Braucht man als Beamter nicht so etwas wie Schulbildung? 

Sechste Zigarette .... 

Ich atme tief und will gerade nach seinem Vorgesetzten fragen sowie Namen oder Dienstnummer in Erfahrung bringen. Vielleicht werde ich berühmt? Hamburger Urologe verklagt die Bundesrepublik Deutschland wegen fünf Bonbon-Spendern!  

Da passiert es, das Wunder: Er zieht sich mit den Papieren zurück, um 30 Minuten später wie der Weihnachtsmann zurückzukehren.  
Für diesmal würde er noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen. Aber nur für dieses Mal.  

Ich erhalte 8 Bögen Papier im Format DIN-A-4 für die € 32.- Steuer. Die Dame an der Kasse sichtet, unterschreibt, siegelt, das eine Doppel kommt auf einen Stapel, das zweite in ein Kästchen, die Quittung wird an der Originalrechnung befestigt, noch eine Unterschrift, Stempel am Stempelkissen befeuchten, zack, auf den ersten Bogen, erneut befeuchten, zack, auf den zweiten Bogen.  

"32 Euro!" 

Die habe sie sich redlich verdient, behaupte ich. Sitzen ja 1a, die gestempelten Bundesadler! Verwirrt sieht sie mich an.  

Siebente Zigarette .... 

Im Erdgeschoss werfe ich kurz einen Blick auf das schöne Foto von Bundespräsident Gauck. Zeigte es eben schon diesen Ausdruck von Betroffenheit?  

Scherzend und kichernd ziehen der konturierte Frisör und sein Bekannter mit zwei großen Paketen an mir vorbei ins Freie. Ich spüre so etwas wie Neid in mir aufsteigen. 

"Das ist eine Ausnahme", intoniert der zahnlose Zerberus, während er das Paket über den Tresen reicht. "Beim nächsten Mal ..." 

Beim nächste Mal hab ich Zigaretten dabei. Oder meinen Anwalt. 



Ich fahre ganz gern mal weg. Und da ich nicht fliege, bietet sich Deutschland als Reiseland an. Und da ich nicht reich bin, achte ich beim Hotel auf den Preis ... was nicht automatisch dazu führt, das es qualitativ schlechter sein muß. Aber manchmal ...

Ich bin ein Gast! Holt mich hier raus!

Dschungelprüfung 1

.... die Anfahrt. Richtung Dortmund Nord, Hafen, Marten bin ich noch nie abgefahren. Und jetzt weiß ich auch, warum. Freudlos, heruntergekommen, Parallelgesellschaft, so weit das Auge reicht. Nicht Multikulti. Das wäre ja ok. Du gehörst hier einfach nicht her und fällst auch bei der Fahrt durch die engen Straßen den Passanten sofort auf. Außerdem: Niqabs und Burkas verunsichern mich erheblich. 

Dschungelprüfung 2

.... der Stadtteil ist furchtbar, und das "Hotel" paßt genau dazu. Die Eingangstür öffnet sich nur nach Klingeln oder mit dem Schlüssel - vermutlich aus gutem Grund. Der Herr mit dem öligen Zopf an der Rezeption ist neutral. Geburtsdatum, Name der Begleitperson, unterschreiben. Mach ich. 
"Den Namen kann ich nicht lesen!" 
Das kommt davon, wenn der Staat zu wenig in die Bildung investiert! Freundlicherweise buchstabiere ich das Ganze. Zur Belohnung legt er mir den Schlüssel hin, Sie ahnen es bereits, so ein Monsterding mit schwerem Metallklöppel daran. 
"Wenn Sie den vergessen und nach 22 Uhr reinkommen, übernachten Sie im Auto. Die Rezeption ist erst ab 6:30 Uhr wieder besetzt! So, erste Etage, es gibt keinen Fahrstuhl!" 
Der Herr zieht sich zum Rauchen zurück, ich quäle mich die Treppe hoch.

Dschungelprüfung 3

.... das Zimmer - tja, die Ausstattung wirkt wie im Second- oder eher Third-Hand-Laden gekauft. Die altersschwache, bröckelige Balkontür ist gekippt, aber das hilft nicht wirklich gegen das Aroma von feuchter Höhle. Das Bad erinnert mich an das eines entfernten Verwandten. "Ist bestimmt nicht so schwer, das selber zu machen", hatte er gesagt und sich mit Heften wie 'Badezimmer - Leicht gemacht', 'Waschbecken im Wandel der Zeit' und 'Werde Klempner in Ten Easy Lessons' zum örtlichen Baumarkt begeben ... die Dusche mißt 60x60 cm, aber ich komme knapp rein, wenn ich tief einatme und für die Dauer des Duschvorgangs die Luft anhalte ( atme ich, verschiebt meine Leibesfülle den Wasserhahn von kalt zu heiß ) ... Nichts ist wirklich festgedübelt. Der Handtuchhalter hängt auf halb acht, alt, abgewohnt, improvisiert. Die Handtücher sind funkelnagelneu. Immerhin.

Dschung ... Nein!

Doch eine echte Überraschung! Das Frühstück! Gar nicht mal so schlecht! Richtige, echte Brötchen! Ganz gute Auswahl! Eine Menge Convenience-Food, aber in der Küche hat sich jemand bemüht, mit ganz viel Petersilie und Lollo-Rosso-Blättern so etwas wie eine Deko hinzubekommen. Der Raum wirkt verhältnismäßig freundlich. Wenn der junge Mann, der sehr flink auffüllt und abräumt, noch lächelnd einen "Guten Morgen!" hätte hören lassen ... aber das Lächeln ist ihm wohl vergangen. Aber er ist bemüht, und immerhin mutterseelenallein. Und als ich ihm einen guten Tag wünsche, erwidert er den Gruß. 
Auch das Auschecken läuft freundlich, eine verschnupfte, nette junge Frau gestaltet das Ende versöhnlich. 

Mein persönliches Fazit: Naja. Nein. Nicht wieder.





"Der schöne Schein" oder "Ich hasse Aufbackbrötchen!"


Ich liebe das Ruhrgebiet.

Wirklich. Die grammatischen Entgleisungen sind sympathisch und witzig, die grauen Fassaden ehrlich, die Menschen direkt, und wo anders in Deutschland kann man weiße Tennissocken tragen, ohne blöd angeguckt zu werden? Oder Minipli, bei der der Friseur sich mit dem Blondieren etwas übernommen hat? 
Wo anders läßt man die großzügig dimensionierte Freundin, gehüllt in die Modefarbe Pink, nach eingehender Behandlung in Monis Solarium und Nagelstudio in hautengen Leggins herumlaufen? Wo sonst kann man sich offen zum Wendler bekennen, ohne sich geschmackliche Verirrung vorwerfen lassen zu müssen? Wo sonst darf man den Lack seines tiefergelegten Dreier-BMW im Leopardenlook oder gar goldglänzend wählen? 
Na bitte.

Deswegen bin ich gern im Ruhrgebiet. Hier ist immer was los, man sieht alles nicht so verkniffen, Freizeit ist erschwinglich, und wenn man es kultureller braucht, geht man halt ins Folkwang, in die Villa Hügel oder ins Aalto. 

Diesmal fällt meine Wahl auf das Parkhotel Oberhausen; in Essen ist es mal wieder viel zu teuer, kein Wunder, Spielzeugmesse, Dortmund ist aus unerfindlichen Gründen auch nicht besonders preiswert, nur das Ibis Dortmund West, das ich gern vermeide, ginge gerade so ... In Oberhausen gibt es ein dolles Angebot incl. Frühstück. Gekauft!

Das Parkhotel ist leicht zu finden und macht einen sehr guten ersten Eindruck. Ein ordentlicher Bau, viele freie kostenlose Parkplätze im Innenhof und drumherum, viel Glas und Design und Stil. 
Die Begrüßung ist nicht nur nett, sondern fast familiär, freundlich, heiter, professionell, was mir besonders gut tut nach den insgesamt 5 Staus auf A 1 und A 43. Der Abschied wird übrigens genauso freundlich und angenehm, wie die Ankunft. 

Die Schlüsselkarte serviert man mir in einem kleinen Etui, das man auffalten kann, um dann einen Miniatur-Stadtplan zu enthüllen, sehr sinnig! 

Das Zimmer 317 ist originell geschnitten und geschmackvoll möbliert, das Bad auf den ersten Blick sehr schön - abgesehen von der Dusche, die als Badewannen-Dusche meinem kaputten Knie Probleme bereiten dürfte. Aber: Ein Teekocher, die Matratzen eine Spur weich, aber das geht schon. Ein langer Schuhanzieher, viel Kleiderschrank, dieser sogar mit Bügeltisch, viel Steckdosen, nein, wirklich. Alles da. Also: Fernseher an, und einen Tee, nach der langen Fahrt. 

Naja, der Fernseher. Ein eleganter Flatscreen, allerdings zeigen nur ARD und ZDF ein klares Bild. RTL und SAT 1 habe ich nur an den Stimmen von Peter Klöppel und Diana Amft erkannt. Aber Sky Sport umsonst. Also meckern wir mal nicht immer.  
So, der Tee. Nanu? Es gibt gar keinen, nur Kaffee mit und ohne Coffein. Ach doch, hier ... was? Hagebutte? Pfui Teufel! Und Earl Grey? Das ist schön, wenn man gerade mit Bergamotte parfümierte Tees möchte. Warum gibt es keinen Tee? 

Gottseidank habe ich noch etwas Assam im Koffer, vermutlich in einem anderen Hotel gestohlen. Leider aber keinen Zucker, und den gibt es hier kaum... Warum sind die Tassen eigentlich so winzig? Damit der wenige Zucker nicht auffällt? 

Die Dusche ist bei allem Design spiegelglatt und fließt nicht ab, lebensgefährlich, das Waschbecken sehr, sehr tief angebracht und sehr, sehr flach. Der Spender für Seife in der Dusche ist goldig, wenn auch schwer zu erreichen, ohne daß das Duschgel mit dem Wasserstrahl gleich wieder aus der Hand gespült wird. Man muß gefühlte 278 mal drücken, um ein paar Tropfen abzubekommen ... nein, morgen kaufe ich mir vernünftiges Duschgel beim Rewe "umme Ecke". 

Dem Zimmermädchen Magdalena lege ich das vorbereitete Kärtchen hin, "falls etwas nicht so ist, wie ich es wünsche", und bitte darum, den Abfluß nachzusehen. An diesem Tag hat sie leider kaum Zeit für mein Ansuchen, es reicht ja noch nicht mal dazu, den Teefleck vom Tisch abzuwischen. 
Haben Sie schon mal versucht, eine spiegelglatte Wanne, die mit seifigem Wasser halb gefüllt ist, zu verlassen? 
Macht nichts. Ich warte gern die 10 Minuten, bis das Wasser abgeflossen ist. 

Was verdient man eigentlich so im Hotel? Im Frühstücksraum sehe ich in mürrische Gesichter, der Show-Koch beantwortet meinen freundlichen Morgengruß eher knurrig, aber vielleicht ist das die Show. 
Außerdem arbeiten dort eine winzige junge Frau, die ich, glaube ich, einmal lächeln sah,  und ein hochgewachsener junger Mann mit auffälligen schwarzen Stöpseln in den Ohrläppchen, in Fachkreisten auch Fakeplugs genannt. Ich nehme Platz. 
"Kaffee?" 
"Ja, Kaffee."

Bloß worin? Es liegen zwar eine Tasse und Besteck auf dem Tisch, aber wie ich sehe, stehen überall sonst die Tassen auf Untertassen, nur bei mir nicht. 
Die schwarzen Stöpsel nähern sich mit der schwarzen Kanne. 

"Geht das so, oder brauchen Sie eine Untertasse?"
"Eine Untertasse wäre schön."

Seufzend zieht der Junge los. Ein Scheißtag, heute, nur nörgelige Gäste!
Das Frühstück wäre ja gar nicht schlecht, wenn man mir nicht inmitten frischer Pain du Chocolats und Croissants Aufbackbrötchen servieren würde! 

AUFBACKBRÖTCHEN! Absolut ungenießbar. Sorry, aber lieber etwas weniger Design, und etwas bessere Schrippen! Ach ja, und Saftgläser in Überfingerhutgröße wären schön. Die Dinger enthalten genau einen Schluck, so daß man am besten gleich an der Saftbar stehen bleibt. Ich persönlich nehme mir unter den mißbilligenden Blicken des Personals ein Milchkännchen und ein Teeglas, das geht gerade so.

Abends flirte ich mit dem Gedanken an einen Restaurantbesuch, aber der Gedanke an die Aufbackbrötchen hält mich zurück. Dann kann das Essen ja auch nur aus geschickt getarnter Conveniance bestehen. Lieber der Dönerteller beim Türken eine Querstraße weiter. 

Neuer Tag, neues Glück? Statt der schwarzen Ohrstecker assistiert eine etwas füllige Schönheit der winzigen jungen Frau. Ich nehme Platz. Ich sehe mich um und werde nicht wahrgenommen. Ich besorge mir Rührei und verkneife mir den Morgengruß. Auch der Koch beachtet mich nicht weiter. Dabei bin ich aufgrund meines Übergewichts kaum zu übersehen. Heute allerdings scheine ich eher gläsern zu sein. 

Anschließend erhebe ich mich erneut, um ein Croissant zu ergattern. An einer Ecke des Tresen stehen die schwarzen Kannen mit dem Kaffee. Da mir heute keiner angeboten wurde, will ich eine solche Kanne nehmen. Trotz der Fülle hechtet plötzlich die junge Frau heran.
"Das mache ich!" 
Ich besorge noch etwas Butter. 
"Wo sitzen Sie denn?" 
Sie steht immer noch da, mit der Kanne in der Hand, etwas vorwurfsvoll. 
Ich zeige auf meinen Platz.
"Dort. Und zwar seit 20 Minuten."
Das täte ihr leid, erwidert sie. 
Und mir erst, behaupte ich. 

Bitte nicht falsch verstehen. Man erkennt deutlich, daß da jemand mit Herzblut und Geschmack und Ideen versucht, Hotelgästen ein angenehmes Ambiente zu schaffen. Leider arbeiten nicht alle Mitarbeiter für diese Konzeption, und, sorry, zu der Bezeichnung '4 Sterne - Superior' passen die miesen Aufbackbrötchen leider überhaupt nicht. 
Die Wanne ist mir zu gefährlich, ich werde dort sicher nicht wieder wohnen. Trotzdem empfehle ich das Haus, aber nur, wenn es ein gutes Angebot gibt ( in meinem Fall 240 Euro für 2 Personen incl. Frühstück - für drei Nächte ). Und falls Sie nix mit dem Knie haben. 







"Es war einmal ..."  oder "Einfach Märchenhaft!"

Fast übersieht man es. Man ist schon so gewöhnt an die modernen, polierten Hotelfassaden, die mehr oder weniger geschmackvollen Leuchtreklamen, daß man das 1909 entstandene, hochherrschaftliche Wohnhaus, erstmal gar nicht als Hotel wahrnimmt, auch wenn die Navi behauptet, man habe sein Ziel erreicht, es läge auf der rechten Seite. Gutbürgerliche Gegend. Nette Wohnhäuser. Hunde werden Gassi geführt, gepflegte Grünanlagen, Mittelklassewagen. Parkplätze, kostenfrei, soweit das Auge reicht. Hoteleigene, aber auch sonst. Wahnsinn! 

Der Bau wirkt ein märchenhaft verwunschen, Pflanzen umranken ein winziges Biergärtchen vor dem Haus, allerdings ohne Prinzen, die versucht haben, das schlafende Dornröschen zu wecken, Efeu bedeckt das Gemäuer. Ich bedauere, nicht mit Kutsche und Pferden angekommen zu sein.

Dornröschen schliefe bestimmt prima. Der Stadtteil Buer läßt einen völlig vergessen, daß man sich im lauten, quirligen, kochenden Ruhrpott befindet. Nur, wenn die Schule gegenüber beginnt, kommt Leben in die Bude! Sie schlafen gern bei offenem Fenster? Kein Problem. Straßenlärm wird Sie nicht wecken.

Die Begrüßung ist hochprofessionell und überaus persönlich und freundlich. Die nette Dame erklärt einem die Gegend anhand eines kleinen Plans, den ich behalten darf, gibt Tipps fürs Abendessen, in der Tat sind wir nur wenige Schritte vom Einkaufszentrum/Fußgängerzone entfernt. Diese tüchtige Fachkraft hätte bestimmt auch die dreizehnte Fee untergebracht, die ja mangels Geschirr und Akkomodation nicht zu Dornröschens Taufe geladen worden war.

Das Zimmer ist geräumig und liebevoll ausgestattet. Ja gut, ich hätte die Farben anders gewählt. Vielleicht etwas zu viel Holz? Egal. Über Geschmack kann man nicht streiten. Hier hat jemand mit Sorgfalt und Liebe zum Detail eingerichtet, die Atmosphäre ist stimmig, und alles paßt.

Das Bad ist winzig, aber funktionell ok, die Dusche ist - bis auf den schwachen Wasserdruck - leicht zu begehen, die Matratze eignet sich hervorragend für den Dornröschenschlaf, und es gibt drei (!) Kissen. Und einen Wecker. Und Wifi. Und Steckdosen. Und einen Sessel, und ein Sofa, und einen Tisch. Und einen riesigen Flatscreen, auf dem man das Champions League Spiel FC Porto gegen Bayern München aus vielerlei Gründen so richtig genießen kann.

Ein definitives Highlight: Der Frühstücksraum. Eigentlich eine verglaste Veranda, deren Türen bei gutem Wetter ein Frühstück im Freien versprechen. Der Blick geht in den Innenhof des Schlosses - naja, immerhin in ein märchenhaftes Gärtchen, in dem ein winziges Brünnlein sprudelt und allerlei Drosseln und anderes Geflügel ihr Unwesen treiben, bunte Blümchen wachsen und freundliches Grün die Seele beruhigt. 
Die Brötchen,teilweise zum Aufbacken, leider, sind allerdings von akzeptabler Qualität, das Rührei offenbar aus echten Eiern, die Marmelade hausgemacht, und ein sehr schönes Konzept garantiert Frische: Das Buffet ist klein, aber es wird immer wieder frisch nachgelegt, die zuständigen Damen sind sehr, sehr aufmerksam und schaffen es sogar noch, mit herzlichen Worten unablässig den frisch gebrühten Kaffee nachzuschenken, während sie noch individuelle Wünsche, z.B. Spiegeleier, erfüllen.

Sensationell: Beim Nachhausekommen tags darauf wünsche ich der Dame an der Rezeption einen guten Abend. "Guten Abend, Herr Volmer!" tönt es mir entgegen. Donnerwetter! Ich meine, das Hotel ist nicht leer ... woher kennt sie mich, so spontan, mit Namen? Eine derart freundliche Begrüßung, und Fee Nr. 13 hätte das Königskind nie verflucht! 

Alles ist hervorragend zu erreichen. Die Arena auf Schalke in 15 min, auch mit dem Bus, die Messen in Essen und Düsseldorf - je nach Verkehrsaufkommen und Baustellen - in einer halben Stunde, die Arenen in Dortmund und in Oberhausen mit dem Centro oder das Theater in Duisburg in 35 min, Holland z.B. Venlo, ist 50 min entfernt. 

Nicht wahr? Das hört sich alles wie ein Märchen an, und daß ist es wohl auch. Einen Haken hat die Sache aber doch: Überall Stufen. Und daß macht das so schöne Schloss - nein! Also, Hotel! - für Menschen mit Gehbehinderung zu einem unerreichbaren Ort. Überall Stufen, Schwellen und Treppenabsätze. Und der asthmatische Lift ist für einen Rollstuhl nicht bereit genug. Aber, Leute! 1909! Da dachte man noch nicht an sowas, und Feen mit Behinderungen zauberten gefälligst daheim und nicht auswärts!

Was unterscheidet den Schwan von den Hotelketten wie Steigenberger, Mélia, Accor, Best Western, Ringhotels, Holiday Inn, Ramada? Gemütlichkeit. Atmosphäre. Und die Individualität, die nicht nur in der liebevollen Gestaltung des "Ambientes", sondern auch in der Betreuung der Gäste ihren Ausdruck findet. Eine echte Alternative. Ich werde hier gern wieder schlafen, vielleicht, in Ermangelung eines Fluchs, nicht hundert Jahre, aber doch mal ein verlängertes Wochenende!




Mein Frühstück mit Waleed

Nein, alles hat mir nun auch nicht gefallen im Ramada Herrenberg. Ich war sieben Tage da, und nicht einmal gab es frische Bettwäsche. Der Fernseher stammt noch aus dem vorigen Jahrhundert, die einprogrammierten Sender sind wenig unterhaltend. Für WLAN sollte ich zahlen - ja, gibt's das noch?, und dann mal wieder das Problem mit den Steckdosen, von denen es einfach nicht genug gibt, und von den vorhandenen schalten sich dann auch noch beim Lichtausknipsen welche aus, was man aber erst am nächsten Morgen bemerkt, wenn das Mobiltelefon nicht geladen ist.

Aber: Parkplätze. Soviel man will, wo man will. Kostenlos. Das besänftigt einen.

Außerdem ist der Empfang überaus effizient und herzlich. Frau Knochenhauer, die erst seit sechs Tagen so heißt und sich noch nicht an den Namen gewöhnt hat, erledigt alles blitzschnell, weist auf die Frühstückszeiten hin und empfiehlt mir, falls ich irgendetwas brauche, irgendwas nicht in Ordnung ist, mich direkt mit der Rezeption zu wenden, man freue sich, mir weiterzuhelfen.

Das Zimmer macht einen behaglichen Eindruck, trotz der alten Mühle von Fernseher, bei der man, wenn man nicht aufpaßt, ruckzuck auf den Pay TV Kanälen landet. Ja, gut. Der Stuhl ist etwas abgeschabt, die Silikonverfugung im Bad ... ach, was solls. Die müßte bei mir zu Hause auch mal überarbeitet werden. 

Die Sensation dieses Aufenthalts kommt am nächsten Morgen auf den geschätzten Gast zu. 
Der Frühstücksraum ist bis auf den letzten Platz besetzt, eine zu Heiterkeit und Frohsinn wild entschlossene Gruppe aus dem Rheinland bricht gelegentlich in Gesänge aus, eine temperamentvolle italienische Gruppe kommt vermutlich zum Cannstatter Wasen, Buon giorno, mille baci, na, das kann ja heiter werden. Oh, da steht jemand auf! Mit einem Hechtsprung erobere ich den frei gewordenen Stuhl. 
Ob wohl jemand vom Personal ... ?

Und plötzlich steht er vor einem. Ein liebenswürdig lächelnder, schlaksiger junger Mann, der mir das Gefühl gibt, wahrgenommen zu werden, mich begrüßt und mir verspricht, rasch neu einzudecken, ich könne ja schon mal zum Buffet ... Dies ist sehr umfangreich und nett angerichtet.

Ich beobachte ihn für die Dauer meines Frühstücks. Er hat für jeden ein Lächeln, er bewegt sich unglaublich schnell, ohne hastig, ungeschickt oder ineffektiv zu agieren, er ist die Aufmerksamkeit in Person, er schleppt Tabletts mit schmutzigen Geschirr in die Küche und platziert das Saubere auf den Tischen. Zwischendurch bemüht er sich um Seminarteilnehmer, die ein paar Thermoskannen mit Kaffee im Raum Bach benötigen. Und besorgt einem Gast einen Cappucino, einem anderen Kakao für die Kinder. Und dabei wirkt er so, als habe er eigentlich heute noch gar nicht so viel getan. Ruhig, freundlich, zugewandt, souverän. Jemand, der sich um einen kümmert, nicht abfüttert. Jemand, der gut gelaunt den Eindruck vermittelt, daß er das, was er tut, gern tut.

Ich versuche, sein Namensschild zu entziffern. Den muß ich wissen, weil ich derart beeindruckt bin, daß ich an der Rezeption ein dickes Lob loswerden muß, sonst platze ich. Für den schwäbischen Akzent ist der Name Waleed Dahy irgendwie komisch, aber wenn man Halbägypter ist, paßt es eigentlich ganz gut.

Er sei, so die Rezeptionistin, Auszubildender und erst sei drei Wochen im Haus. Ich empfehle ihr, sein Gehalt aufzustocken und ihn anzuflehen, im Haus zu bleiben.

Was beweist uns diese Geschichte? 

Alter Fernseher? Abgeschabter Stuhl? Steckdosen? Wäschewechsel?
Worauf kommt es denn an im Hotel? Daß der Gast sich wohlfühlt, oder? Und wenn Menschen wie die frischvermählte Frau Knochenhauer oder ganz besonders der sensationelle Waleed Dahy sich um einen bemühen, dann fühlt man sich im kleinen Ramada wie im großen Steigenberger, Le Méridien oder Ritz Carlton.



Nichts für Feiglinge

Sie sind nach Augsburg gefahren? Wohlmöglich mit dem eigenen PKW? Und haben im Holiday Inn Express gebucht, ein vermeintliches Schnäppchen von Expedia.de bei Trivago? Eins von denen, bei denen immer 'Achtung, letztes Zimmer zu diesem Preis!' aufblinkt?

Schade, meine Damen und Herren, wirklich schade. Sie wurden betrogen. 

Stellen Sie sich vor: Sie erreichen Ihr Ziel, reichlich abgekämpft, nach ca. 800 km Fahrt, die Navi führt Sie zielsicher in die Nagahama-Allee, ja, da, das vertraute Grün ... Und dann stehen Sie vor dem Parkplatz, und die Schranke öffnet sich nicht. Wegen Überfüllung geschlossen. 

Na wunderbar.

Im gesamten Umkreis nur absolute Halteverbote. Keine Nebenstraßen. Den einzigen nahen Parkplatz schmückt das Schild "Privatgrund".
Ich stelle den Wagen tapfer, einen Strafzettel riskierend, weil verboten, im Schlamm vor dem Hoteleingang ab - offenbar ist das als Rasenfläche geplant, was aber nicht geklappt hat - und betrete etwas angespannt die Halle. Und wo, bitte, parke ich? 

Tja, das täte ihr auch leid, meint die junge Frau mit hängenden Mundwinkeln und sieht mich böse an. Nichts für Feiglinge! Der Parkplatz sei voll, aber da sei ja schließlich ein Einkaufszentrum um die Ecke, mit einem Parkhaus, fußläufig zu erreichen. Auch mein Hinweis auf mein kaputtes linkes Knie rührt sie nicht. Ein 'Stellen Sie sich mal nicht so an!" liegt unausgesprochen in der Luft. Sie könne es auch nicht ändern, meint sie, etwas schnippisch. Und hat damit vermutlich sogar recht.

Im Parkhaus finde ich in der vierten Etage einen Platz, es ist teurer als der Hotelparkplatz, € 13 statt der avisierten € 8, was den Schnäppchenpreis für drei Nächte mal eben um € 40 steigen läßt. Außerdem ist mir in Parkhäusern spätabends immer etwas mulmig ... Nichts für Feiglinge! 

Ich trete den 1200 m langen Verdauungsspaziergang durch das Zentrum, dann über den Privatparkplatz, über die Straße durch den winterlichen Regen zum Hotel an, allerdings habe ich kaum etwas zu verdauen, außer der kalten Nässe, meinem Ärger, und den Schmerzen, die mein Knie mir bereitet.

Das Zimmer ist ok. 

Unter normalen Umständen hätte ich vielleicht das geschmackvolle Bad gelobt, den Teekocher, die Farbenwahl - überhaupt hat hier jemand mit Esprit für Schönes und Dekoratives gesorgt ... ich nehme allerdings mehr die viel zu weichen Matratzen, den Kleiderschrank, der kaum Platz zum Deponieren der Kleidung bietet und bei dem die Bügel statt von rechts nach links von vorn nach hinten gehängt werden müssen, was ich ziemlich ungeschickt finde, wahr. Und die Toilette, die im Gegensatz zum Waschbecken, das in Brusthöhe angebracht ist, nur wenige Zentimeter über dem Boden schwebt, was das Aufstehen zu einer weiteren Gymnastikübung macht.

Und ich denke an den Kilometer, den ich morgen früh nach dem Frühstück zum Parkhaus pilgern muß. Hoffentlich regnet es dann nicht wieder.

Das Frühstück ist im Preis inbegriffen, und so ist es dann auch. Mal abgesehen von den Kaffeemaschinen, die den Kaffee ... wobei, das heißt ja heute kaum noch Kaffee, sondern Caffé con brio, Latte macchiato oder Allegretto sostenuto ... zubereiten, sind die Eier staubtrocken und zu Tode gekocht, die Aufbackbrötchen sehr blaß und irgendwie genetisch verändert - weiß Gott nichts für Feiglinge! Halt, doch, es gibt ein Highlight: Die noch ofenwarme Laugenbrezel. Da kann man nun wirklich nicht meckern. Zugegeben: So schlecht ist es, im Vergleich zu den Parkmöglichkeiten, hier nicht.  Auch das kleine Plunderstück oder das winzige, völlig überflüssige Croissant sind ganz lecker. Und im Gegensatz zu der jungen Frau an der Rezeption, Sie erinnern sich: Das war die, die auch nichts ändern konnte!, sind die jungen Frauen im Frühstücksraum freundlich, professionell und hilfsbereit.

Sagte ich: Nichts für Feiglinge?

In der letzten Nacht, so gegen kurz nach 2 Uhr, werde ich unsanft durch ein gellendes Geräusch aus dem Schlaf gerissen. Es sei Feueralarm, und ich solle umgehend auf dem kürzesten Weg schnellstens das Hotel verlassen. Aus der Ferne erschallt bereits die Sirene der Feuerwehr.

Mal im Ernst: Haben Sie sich schon mal den Fluchtweg angesehen? Mehr noch: haben Sie das, was sie im Notfall dringend retten müssen, griffbereit hingelegt? Geld, Papiere? Wo ist der Autoschlüssel? Das Smartphone? Die Medikamente? 

Ich habe das immer mit einem Ach was, da passiert schon nix abgetan. Das werde ich ändern, tun Sie das bitte auch. Die Situation ist nicht lustig. Feigling oder nicht. 

Notdürftig bekleidet stürme ich, soweit mein Knie das zuläßt, die Treppe herunter und begegne schon Feuerwehrleuten und der Polizei. Die junge Frau vom Nachtdienst ist unglaublich stringent und kompetent: Sie scheucht die Menge zusammen, prüft nach Liste die Anwesenheit, sorgt für Ruhe. Dann stellt sich heraus: Ein Gast hat verbotenerweise in seinem Zimmer geraucht. Dafür stehen die Polizei, sechs Löschzüge nebst Einsatzwagen der Augsburger Feuerwehr und wir alle frierend vor dem Hotel im Schnee. 

Fazit: Na gut, das Hotel ist ja ganz ordentlich. Fehler wie das Vergessen des Leerens der Papierkörbe oder des Schließens des Fensters, können vorkommen. Ob es an den Kopfhörern des MP3Players des männlichen Zimmermädchens lag? Bei Techno und Trance vergißt man schon mal was, oder? Das Gute ist, daß man den Gästen nicht Guten Morgen sagen muß. ..

Aber wenn ich mir vorstelle, daß ich noch mal nach Augsburg fahren müßte, würde ich es allein wegen der seltsam unprofessionellen Begrüßung und den im Zweifelsfalle teuren Zusatzkosten fürs Parken nicht mehr buchen. Wie hätte man den Konflikt lösen den Gast zufriedenstellen können? Man hätte mir anbieten können, Bescheid zu sagen, wenn was frei wird. Eventuell sogar um den Schlüssel bitten und mir das Parken abnehmen, ausnahmsweise. Aber einem Gast ein so viel teureres und so weit entferntes Parkhaus vorschlagen, ist unverschämt, und für einen Service-Betrieb ein unbedingtes Ausschlußkriterium. 
Für den Feueralarm ist niemand außer dem Raucher verantwortlich zu machen. Das Positive, was ich mit Dankbarkeit mitnehme, ist, daß im Ernstfall ich mit dem Leben davongekommen wäre.




Strictly Design an der Route der Industriekultur ... beinahe! 

Letztlich ist es nicht überraschend. Alles paßt. Konsequent durchgehaltener, kühler Industriestil. Sehr konsequent und stimmig. 

Das Mercure Centro Oberhausen steht, wie der gesamte Bereich "Neue Mitte", auf dem Gebiet des ehemaligen Thyssen Hütten- und Walzwerks. Das merkt man dem Hotel an: Der Designer hatte die Vorgabe: "Machen Sie mal was mit Industrie!" ... und das hat er dann auch. Überall gepflegtes Halbdunkel, die Bilder an der Wand im Stahlrahmen und industriellen, geometrischen Motiven, die Türzargen - genau wie die reichlich vorhandenen Steckdosen und Strahler - silberglänzendes Metall, die Wasserhähne nicht die unsäglichen Hans-Grohe-Hebel, sondern klassische Drehkreuze, Rundsäulen und welche aus Doppel-T-Trägern, Wellblech und roher Stein, ein durchsichtiger Fahrstuhl ... das paßt. Zeche Mercure! 

Gegen die Zimmer gibt es beinahe kaum was zu sagen: Schräg stehende Betten, Wasserkocher, Kaffeemaschine, Flatscreen, schade, für W-Lan muß man bezahlen, L'Esprit Accor, eben, sonst ist, bis auf die mal wieder viel zu weiche Matratze, alles schön ausgedacht. Der Blick ins Bad erfreut mein Knie: Eine ebenerdige Dusche für die Kumpel, in schiefergrau mit weißen Kacheln. 
Alles perfekt? Beinahe. Leider meckert mein Knie über das unglaublich tief angebrachte WC und das genau so tiefe Waschbecken, die die viel zu hohen Steckdosen ( das Kabel für die elektrische Zahnbürste ist schließlich nicht unendlich! ) und Haken für die Handtücher originell konterkarieren. 
Aber das mit den Haken macht nichts. Es ist wie mit der Klimakonferenz: Trotz Schildchens mit hehren Umweltversprechen schmeißt die Schichtführerin, Pardon, das Zimmermädchen, die benutzten wie die kaum benutzten Handtücher sowieso in die Wäsche und hängt neue hin. Außerdem bevorzugt sie im Bad offenbar eine eigene Anordnung der Dinge, die ich in die Bereiche Haare/Rasur, Zähne und Hautpflege unterteilt habe. So'n Quatsch, scheint sie zu denken. Das mischen wir jetzt mal schön durcheinander. 

Bei der Benutzung des Bads offenbaren sich dann die Schwächen. Die ebenerdige Dusche ist so schlecht abgetrennt, daß eine kleine Überschwemmung entsteht, und die blöde Regendusche in Zusammenhang mit dem winzigen stabförmigen Duschkopf machen das Ganze zu einem unendlich langen Vergnügen, weil die Haut nur spärlich, Quadratzentimeter für Quadratzentimeter, benetzt wird.... 
Schlafen, besonders Schlafen bei geöffnetem Fenster, ist ein erhebliches Problem. In regelmäßigen Abständen rattert eine Bahn vorbei, und das lange. Zwei, drei Waggons ... Naja, auch wenn es alle 20 Minuten passiert ... aber das sind elend lange Güterzüge, die noch den Fernseher übertönen, läßt man das Fenster auf! Oder sind es Loren, die die Kohle befördern? Auch geschlossene Fenster nützen beinahe überhaupt nichts.

Das Frühstücksbüffet wäre beinahe überwältigend, lägen da nicht diese verdammten, ekelhaften Gummi-Aufbackbrötchen herum. An das Management: Was soll der Sch**ß? Warum macht ihr das ansonsten gute, reichhaltige, abwechslungsreiche Buffet damit zunichte? Laßt den Lachs weg, reduziert die 27 Marmeladen zu sechs, und kauft statt dieser Zumutung aus Kautschuk und Weizen richtige Brötchen! 

Die Fertigungshalle ... ach nee! Der Frühstücksraum ist dunkel. Sehr dunkel. Hier kann man sogar etwas Schlaf nachholen, der einem durch den lauten Bahnverkehr abhanden gekommen ist. Die Damen sind nett, auch wenn mich die schlanke, hochgewachsene junge Frau mit dem osteuropäischen Akzent und dem streng geflochtenen Zopf sehr an eine Freundin erinnert, die auf der Reeperbahn arbeitet und Sätze sagt wie "Los! Knie nieder und sag: Ich war ein sehr unartiger Junge!" 
Aber immerhin: Sie lächeln, räumen auf, sind freundlich und wünschen den Gästen sogar einen schönen Tag. Im Gegensatz zur beinahe höflichen Besetzung der Rezeption. Das Hinsehen in Erwartung eines Grußes oder zumindest Wahrgenommenwerdens kann man sich schenken. Das Personal ist beschäftigt. Meist mit sich selbst. 

Die Parkplätze am Hotel sind angenehmerweise kostenlos, aber beinahe alle besetzt. Auf der Straße gibt es noch einige. Kein Problem, nur wenn's regnet. 

Und plötzlich, am Abreisetag: Richtige Schrippen auf dem Buffet! Und eine freundliche Rezeptionistin! Was ist passiert? Hat die Direktion gewechselt? 

Fazit: Ja, da kann man, wenn man nicht lärmempfindlich ist und für Industriegeräusche was überhat, beinahe wohnen. Sogar frühstücken, wenn man helle Schrippen in düsteren Räumen ohnehin nicht mag. Und auch Duschen, wenn man sehr viel Zeit hat. Und schwimmen kann. Glückauf! Beinahe! 


PIN? Welche PIN?

Für eine Nacht kann man es wagen, habe ich gedacht. Es ist doch so: Wenn man sich in einem Hotel nicht wohlfühlt, ist der ganze Aufenthalt vermiest, auch wenn man dort ja nur zum Schlafen hingeht, und drei Tage, das ist einfach zu lang für schlechte Laune ... aber für eine Nacht? Da riskiere ich's, dachte ich. Ein B&B Hotel. Ich muß nach Duisburg, und wie der Zufall es will: Dort hat vor gut 14 Tagen eins aufgemacht...

Die Anfahrt ist ungefähr so, wie die Navi sie vorschlägt, nicht ganz ... man sieht das Hotel, aber irgendwie - wann hab ich die Navi zuletzt aktualisiert? Es hat sich baulich offenbar was getan in Duisburg! So liegt das Hotel auch neben einem Gebiet, auf dem gebaggert wird, aber es gibt einen kostenlosen (!) Parkplatz, die Lage unweit zum Bahnhof und nur Minuten von der Innenstadt entfernt, ist bestechend.

Macht von außen einen guten Eindruck. Nüchtern, modern, unaufdringlich. Eine Rampe für Rollstühle. Ach ja, bei der Buchung hätte ich auch ein barrierefreien Zimmer haben können! Die Eingangstür öffnet sich ... und ich stehe erneut vor einer Tür. Ein Tastenfeld wie am Geldautomaten. Rechts ein Bildschirm. Hilfe! Was muß ich jetzt tun? 

Vorsichtig klopfe ich auf das Display. Nachnamen eingeben. Ich merke, daß man etwas unterhalb des Buchstabens auf das virtuelle Keyboard drücken muß, sonst erscheint der Buchstabe darüber. Hoffentlich wollen die nicht die Buchungsnummer! Ich sehe mich schon im Vorraum campieren. 

€ 77.-! Zahlen Sie! Mit Kreditkarte! Ich stopfe meine Mastercard mit dem Magnetstreifen unten rechts in den Schlitz. Die PIN? Woher soll ich die PIN-Nummer haben? Wer, bitte, hat für Visa, Amex, Master, Diners die PIN? Gottseidank, die gute, alte EC-Karte nimmt er auch. Zu der hat man die PIN ja im Kopf. Na so was. Der Apparat spuckt einen längeren Zettel aus, auf dem man eine sechsstellige PIN ( großer Gott! ) findet, die man dann auf dem Tastenfeld .... Da, ein Mensch! Ein Mensch in Gestalt einer netten Dame, die die Tür von Hand öffnet und einen guten Tag wünscht! Gottseidank! Es gibt sie also doch noch!

Ich bekomme das mit der PIN erklärt. Keine Schlüssel, nur überall Tastenfelder, mit denen man auch die Tür von Zimmer 202 aufbekommt. Das probiere ich gleich mal aus. Moment. 24 36 12 oder 36 24 12? Wo war noch gleich der Zettel? Ah ja! Funktioniert.

Ein kleines, aber völlig ausreichendes Zimmer, ohne Schnickschnack, ordentlicher Fernseher, auf dem ich sogar Mönchengladbach die Darmstädter besiegen sehen kann ( Sky! Donnerwetter! ), vernünftige Matratze auf dem allerdings 15 cm zu niedrig konstruierten Bett, das Bad mit ebenerdiger Dusche, wenn auch ohne Fön ( warum bloß muß ich den für 10 Euro Pfand leihen, wie in der Jugendherberge? ) - also, fast alles perfekt, was man braucht, ist da. Warum ich allerdings für das kostenlose WLAN  Namen, Vornamen, Telefonnummer, Mädchenname der Mutter, Fotokopie des Impfpasses und polizeiliches Führungszeugnis  ( na gut, hier übertreibe ich ein wenig! ) einreichen muß, bleibt mir ein Rätsel. Genügt es denn nicht, die AGB zu bestätigen, und drin ist man? 

Auf dem Gang werkelt das Zimmermädchen. Sie strahlt mich an. "Na, gefällt's Ihnen?" Vor Schreck lasse ich fast mein iPad fallen. Das passiert höchst selten, daß man so nett vom Reinigungspersonal angesprochen wird! 
Ich gebe errötend zu, daß der automatisierte Check-in für mich eine Premiere war, ich sonst aber alles, was ich brauche, vorgefunden habe. Sie nickt begeistert. "Wir sind ganz neu. Ist doch gut hier, oder?" 
Die Frau mag ich. Schon wegen ihrer munteren, frischen Art. Nicht einmal den Hinweis, daß Arbeiten am 4. Advent doch ziemlich doof sei, läßt sie gelten. "Müssen Sie doch auch, oder? Und: Geld stinkt nicht!" erwidert sie heiter, und da kann ich ihr nur beipflichten. 

Beim Heimkehren schon wieder ein Mensch, an der winzigen Rezeption sitzt, eine nette blonde junge Frau, die lächelnd einen guten Abend wünscht. 

Guten Morgen sagt auch jemand. Auf dem Weg zum Frühstück, dem bei aller Nüchternheit mittels einer Krippe einen Hauch von Weihnacht verordnet wurde. Es ist alles da, und ganz besonders echte Brötchen vom Bäcker, nicht dieser ungenießbare Aufbackkrams. Mehr steht zu Hause auch nicht auf dem Tisch. Na gut, weichgekochte Eier, nicht die steinharten Dinger aus dem Wärmer. Aber sonst? Alles gut. 

Fazit: Ja, gern wieder. Das Gesamtpaket stimmt. Endlich haben die Ibis-Hotels Konkurrenz bekommen. Accor muß sich warm anziehen! Verbesserungsvorschläge? Ich denke, daß man die Farben schon etwas knalliger und nicht so unverbindlich wählen darf. Der Fön im Bad gehört 2016 zum Minimalstandard, Leute. Und der WLAN Zugang muß vereinfacht werden. Sonst aber ganz viele Pluspunkte. Lage und Parkplatz, Dusche und Funktionalität, Preis und Brötchen. Also: Gern wieder. Ach ja, und an die PIN-Nummer denken!



Ich versuche immer, ein guter, verantwortungsvoller Freund zu sein. Wie Saint-Exupéry in seinem "Kleinen Prinzen" fordert. Sie wissen schon: Die Sache mit der Verantwortung für das, was man gezähmt hat. Aber ein "Schick Kohle 'rüber" macht mich unfroh ...

Aus gegebenem Anlaß: Helfen macht Freu(n)de oder Unfriend me, please! 

Helfen ist wirklich etwas Wunderbares. Dafür ist man doch auch da als Freund, oder? Zu helfen, hat mir immer Freude gemacht. Nun war ich ja auch Zeit meines Lebens ein professioneller Helfer, gewissermaßen. Ich habe mich bemüht, tätig-praktisch Schwierigkeiten anzugehen, zuzuhören, zu verstehen, zu beraten, wenn es angezeigt schien, mich einzumischen, einer trage des anderen Last. 

Der Beruf des Krankenpflegers genauso wie der des Arztes, beinhalten Hilfe als Grundprinzip, als inneres Gesetz, als Struktur. Irgendwann ist man festgelegt. Die Worte 'Sag mal, Du bist doch Arzt ...' leiten meist eine Bitte um Hilfe ein, möglichst ohne Termin, Wegstrecke, Wartezeit und, vor allem, ohne Kosten. Wofür ist man denn befreundet? Stell Dich nicht so an. Feierabend? Bist Du nun mein Freund oder nicht? 

Oder, als sehr beliebte Variante: Ach, Du bist Arzt? Das ist dann schon gefährlicher. Was verbindet man mit dem Beruf? Tennis auf Mauritius? Tauchkurse auf den Malediven? Der Lamborghini in der Garage, das Chalet in der Schweiz, der Hochkaräter für die Zweitgespielin? 
Da nützt es auch nichts, darauf hinzuweisen, daß man in einer sozial schwachen Gegend gearbeitet hat - also gezwungen war, kostenpflichtige Leistungen zu verschenken, um die Patienten anständig zu versorgen, 3% Privatpatientenanteil hatte und nunmehr im Begriff ist, sich in den Ruhestand zu begeben und somit kein weiteres Einkommen hat. 

"Ach, ihr Ärzte", heißt es dann fröhlich mit bedeutsam-verschwörerischem Augenzwinkern, "euch geht es doch gut! Ihr habt doch alle euer Schäfchen im Trockenen!" Und als Garnitur liegt über derlei Rechtfertigung in der Regel ein vorwurfsvolles 'Wer sich verteidigt, klagt sich an!'
Nun ja. Ich habe ein Dach über dem Kopf, kann Wasser, Strom und Heizung bezahlen, hab satt zu essen und werde vermutlich, wenn nicht noch was Unvorhergesehenes passiert,  vor allem mit der Karre oder den Zähnen, auskommen. Aber ich muß aufpassen. Es kommt nämlich nichts mehr dazu, und die Altersrente dauert noch. 

Was sagt Polonius im 'Hamlet'? Neither a borrower nor a lender be - Sei weder Leiher noch Verleiher. Recht hat er. 

Ich helfe gern, wirklich. Ich gehe Schwierigkeiten an, ich höre zu, versuche, zu verstehen, zu beraten, mich so vorsichtig, wie es denn geht, einzumischen. Ich vermittele gern Kontakte zu anderen möglicherweise hilfreichen Menschen. Und mehr als einmal habe ich 'des anderen Last' getragen. Schade, wenn das nicht reicht. Und traurig, wenn man begreift, daß das Motiv einer Freundschaft letztlich nur vom Aspekt des Nutzens bestimmt wird. 

Bitte, entfreundet mich gern, wenn das, was ihr von mir zu erwarten habt, Euch nicht gut genug oder ausreichend erscheint. Damit würdet ihr dann nicht nur euch selbst, sondern auch mir eine Enttäuschung ersparen. 


Man lebt so vor sich hin, aber es gibt Momente, von denen man erst gar nicht weiß, nur ahnt, daß sie später mal im Geschichtsbuch stehen werden. Gänsehaut-Feeling pur, wie eine Freundin von mir immer sagt ...

Wiedervereinigung

... einer von diesen Tagen, von denen du noch Jahre später weißt, wo du gerade warst, und was du gemacht hast ...

Ich befand mich in der Bismarckstraße in Berlin. Schräg gegenüber von der Deutschen Oper lag das Ärztehaus mit Kassenärztlicher Vereinigung und Kammer, in dem gerade eine Fortbildung stattfand. 

Plötzlich riß jemand die Tür auf. "Die kommen alle 'rüber vom Osten, die Grenzen sind offen!" 

Es hatte in der Luft gelegen. 

Wir liefen auf die Straße. Die Dunkelheit war hereingebrochen, und im Schein der Straßenlaternen sah man, wie vom Brandenburger Tor her über die Straße des 17. Juni und den Ernst-Reuter-Platz sich die Menschenmasse in unsere Richtung bewegte. 

Ich empfand sehr stark, so stark wie nie in meinem Leben, das Gefühl, unmittelbar eines historischen Ereignisses teilhaftig zu werden. Wildfremde Menschen fielen sich um den Hals, Freudentränen, Jubelrufe. 

Kaum zu glauben, daß das alles 25 Jahre her ist. Die staunenden Ostberliner im KaDeWe und bei Wertheim, die langen Schlangen vor den Banken und Postämtern wegen des Begrüßungsgeldes, die Trabbis und Wartburgs auf dem Ku'damm ... 

Die Euphorie, die Goldrausch-Stimmung, flauten sehr schnell wieder ab. Irgendwie hat es ja auch alles gedauert, und wird auch noch dauern, mit der Wiedervereinigung in unseren Köpfen, gerade in meiner Generation. Die Jungen haben gottlob weniger Probleme, für die ist das ja auch nur ein Kapitel aus dem Geschichtsbuch. 

Und vielleicht öffnen sich 'unsere Brüder drüben', die sich im Augenblick politisch als 'die Brüder da drüben' präsentieren, irgendwann der Welt. Uns hat man die essentiellen Voraussetzung für Mitmenschlichkeit nach dem Weltkrieg auch beibringen müssen. Angeboren war uns die Mitmenschlichkeit nicht. 

Es ist alles gut und richtig so, wie es ist. Und es wird stündlich besser. 






Das Centro ist wirklich ein dolles Ding. Es hat heftige Konkurrenz vom Limbecker Platz in Essen, aber ich mag das Centro. Wirklich. Jedoch vermisse ich den HMV-Shop, auch wenn man heute ja keine CDs und DVDs mehr kauft. Oder? Kann man doch alles "downloaden"!

Centro Oberhausen


Mein Gott, wie hab ich das immer gehaßt, in jüngeren Jahre, wenn jemand auf mich zukam und behauptete, sie oder er kenne mich noch, als ich soooo klein war, wobei das "soooo" illustriert wurde durch eine flache Hand, die ca. 50 cm über dem Erdboden gehalten wurde.

Nun ja. Das Centro kenne ich noch, als es noch gaaaanz neu war, eine Baustelle mit Parkhaus. Mehr oder weniger zufällig ( eigentlich suchte ich den Weg nach Essen ) stolperte ich damals drüber, und der erste Eindruck, der des Beeindrucktseins, hat sich bis heute nicht verloren. Ein Einkaufszentrum, daß gleichzeitig noch als Freizeitcentrum konzipiert ist, fand ich sensationell. Die Weihnachtsdekoration und die kleinen Zeremonien gehen zu Herzen, die Promenade mit ihren Restaurants lädt ein, für den schnellen Hunger gibt es den food court, ein Kino, ein Spielplatz, der Gasometer, die Arena, die Bahnstation fußläufig. Und gratis Parken! Ist das was? Ja, das ist was! 

Leider fehlt auch was. Der Supermarkt, wie im Limbecker Platz in Essen, oder den Arkaden am Potsdamer Platz, Berlin. Der HMV-Shop wurde durch Saturn ersetzt, und das ist leider kein Ersatz. Und warum eigentlich gibt es keine Osterdekoration? 

Was ich mich immer wieder frage: Wer eigentlich kauft das Überangebot an Bekleidungsgeschäften leer? Zara, Hallhuber, H&M, C&A, Pimkie, Desigual, die Reihe ist endlos fortzusetzen. Braucht man das wirklich? Und dreimal Starbucks? Die keine Steuern zahlen, und wo die Tasse Kaffee 10 DM ... Oh, Entschuldigung! ... fast 5 Euro kostet? 

Trotzdem bin ich gern da. Immerhin kenne ich das Centro, da war es noch gaaaanz neu. Eine Baustelle mit Parkhaus, eben. Und sowas verbindet. 





Bitte, ich möchte nicht bösartig sein, aber ... ich habe mich noch immer nicht beruhigt. Ich habe den Text sogar dem ZDF geschickt, die den armen Jungen überarbeitet haben. Offenbar ein Bleaching der Zähne, und die Anweisung, den Mund beim Sprechen zu öffnen. Leider: Es nützt nichts...

ZDF - Nachrichtensprecher



Hatten nicht Nachrichtensprecher mal Zähne? Jaja, ich weiß. Ein Mann muß nicht schön sein. Aber die Sender, in diesem Fall das ZDF, zwingen mich doch, bei den MOMA-Nachrichten mindestens 3 Minuten lang jemanden anzusehen, und ihm zuzuhören. 

Den netten Nuschler, von dem ich den Namen vergessen habe, hat man als Moderator in so eine Notizen-aus-der-Provinz-Sendung strafversetzt, die jungen Damen mit den schwierigen Nachnamen sind etwas glanzlos, aber dafür hölzern, der mit der Ausstrahlung ist ja nun eindeutig Carsten Rüger, und jetzt? 

Das Morgenmagazin serviert Eric M. 

Macht man eigentlich keinen Kameratest mehr? 
Ich habe es ausprobiert, ihn anzusehen. Mit HD, und ohne HD. Die beiden Schneidezähne sind sichtbar, die Molaren nicht mehr, was dem armen Kerl mit seinen umschatteten Augen den Aspekt eines erschöpften Kaninchens verleiht.

Ob Implantate helfen könnten? Oder wenigstens ein professionelles Bleaching? Oder ein Job im Radio? 

An Frauen nörgelt man immer herum, wenn sie nicht mehr so aussehen wie Judith Rakers von der ARD ( wie bekommt die nur immer ihr wunderschönes Haar so goldglänzend? ). O Gott, eine Falte auf der Stirn, schnell, Schwester, das Botox! Und was ist mit den Jungs? 
Bitte bedenkt, Freunde in den Personalbüros der Medien: Das Auge hört mit.  







"Kunst am Bau" oder "26 Jahre Starlight Express"

Etwas Patina hat das Hotel ja angesetzt, nach mehr als einem Vierteljahrhundert. Die Fassade der späten 80er erinnert irgendwie an Struktur-Tapeten, und die braun-beige Farbenwahl an ein IKEA-möbliertes Studentenzimmer, aber darauf ist man ja durch Grönemeier vorbereitet, irgendwie ...

Die Lage ist bestechend: Eine Treppe führt herüber zur Starlight-Halle, das Stadion, in dem der VfL heute hoffentlich die Braunschweiger besiegen wird, liegt direkt hinter dem Gebäudekomplex, das Ruhrcongress-Center zwischen Hotel und Stadion, und zur A 40 kann man herüberspucken, ohne daß man Verkehrslärm hört. 

Die Ankunft ist ein Treffer: Kostenlose Parkplätze. Ich liebe das. Ankommen, aussteigen, dasein. In der angenehmen Halle wird man von einer Statue von Elektra begrüßt. Nicht der von Euripides. Auch nicht von Jennifer Garner. Nein, von der Figur aus Starlight Express. 

Der Empfang durch den netten, lächelnden jungen Mann ist freundlich und professionell und schnell. Im einzigen Fahrstuhl nach oben ist leider nur für ungefähr 1.5 Personen Platz. Bzw. für mich allein. 

Das Zimmer ist ganz ok. Gottseidank Teppichboden. Ein Wasserkocher? Nein, schade. Nur diese blöden, winzigen, Wasserflaschen, die man mit einem Schluck eingeatmet hat, diese aber immerhin gratis. Notiz an mich: Nachher noch zum Supermarkt.

Zwei Kopfkissen, leidlich bequeme Matratzen. Steckdosen reichlich. Wunderbar!

Das Bad bietet reichlich Ablagefläche und ist ansonsten eine völlige Fehlkonstruktion. Was soll die dusselige Wanne? Zum Baden ist sie zu klein, beim Duschen kann man nicht richtig drinstehen, die Armatur ist so angebracht, daß der Duschvorhang nicht schließt und eine Überschwemmung vorprogrammiert ist. Einen Haltegriff gibt es. Aber warum in der Höhe unterhalb meines Knies? Wenn ich versuchte, mich danach zu bücken, schlüge ich mit meinem Kopf gegen die Seifenspender ... Völlig sinnlos. 

Das Beste sind die Handtücher. Die an der Dusche sind ungefähr so groß wie ein Staubtuch, die am Waschbecken wie ein Waschlappen, die Waschlappen kann man zum Frankieren von Briefen verwenden ... bitte, liebe Hotelleitung: Alles noch mal durchdenken!

Das Frühstücksbüffet ist dagegen sehr erfreulich. Richtige Brötchen ( trotzdem: Es gibt bessere Bäcker. Wechselt den mal! ), reichlich Obst, Eierspeisen, Würstchen, kleine Buletten, Speck, Saft, viele Marmeladen, Wurst, Käse und, zu meiner Begeisterung, sehr leckere Rollmöpse - nein, ich hatte keinen Kater, ich liebe die Dinger nur! 

Die kleinen Tische für zwei sind zu klein. Wohin mit dem iPad? Der Zeitung? Der Handtasche? Man ist gezwungen, einen Vierertisch zu blockieren.
 
Trotzdem sind die freundlichen jungen Damen und ganz besonders der gut gelaunte, freundliche, dunkelhäutige Herr, fix, aufmerksam, unaufdringlich, heiter, tüchtig und wünschen einem einen guten Morgen und, wenn man aufbricht, einen schönen Tag. 

Ich habe mich ganz wohl gefühlt, und ja, ich würde hier wieder wohnen. Der Kasten ist nicht ganz neu, aber das bin ich auch nicht. Und irgendwas is' ja immer, oder? Hauptsache, die Leute sind nett, bemüht, hilfreich und ansprechbar. Und die Parkplätze kostenfrei. Und die Brötchen nicht aus Gummi! 

Ach ja: VfL Bochum : Eintracht Braunschweig - 3 : 2. Herzlichen Glückwunsch!





Interessante Entwicklung in Dortmund. Hochpolitisch. Mir hat es Spaß gemacht. 

Friseur 2

Mein Friseurladen befindet sich in Dortmund. Aha, denkt so mancher. Zum Haareschneiden nach Dortmund, ganz schön überspannt, der Herr, oder? 

Ich weiß auch nicht genau, aber irgendwann ist das losgegangen, und da ich oft im Ruhrgebiet bin, paßt das immer ganz gut so. Und ich mag den Laden, und ich mag die Leute.

Es ist auch kein besonderer Friseur, wie Udo Walz oder Vidal Sassoon. Einfach eine Filiale einer Kette in einem Einkaufszentrum. Ganz normal. Nur eben in Dortmund. 

Ich war dort auch nicht immer glücklich, sie erinnern sich: Hilal hat geheiratet, und nun stand da dieser Ausbund türkischstämmiger Männlichkeit, mit Gel-Tolle und ausrasiertem Bart, der mich nicht mochte. Ist erledigt. Ich glaube, er hat sich an mich gewöhnt. Kürzlich erzählte er mir sogar von seinen Heiratsabsichten und Zukunftsträumen, und das bedeutet doch, daß man den anderen erträgt, vielleicht sogar mag, oder? 

Gestern nun eine abermalige Überraschung. Ein kleiner Junge ( also, in Wirklichkeit 18, aber aus meiner Perspektive? ) nähert sich und fragt, ob ich Kaffee, Tee, Wasser möchte. Dann bittet er mich, ihm zum Platz zu folgen. Es folgt der übliche Dialog, wie möchten Sie es, naß oder trocken, Massage mit was 'Beruhigendem' hinterher ... naja, eigentlich brauche ich das Beruhigende vorher! Der wird doch nicht ... Verzweifelt versuche ich, den Blick der Chefin zu erhaschen. Die lächelt mir freundlich und ermutigend zu. 

Er wäscht. "Wassertemperatur angenehm so?" Ja. Alles gut, so lange Du nicht schneidest ... wo ist eigentlich mein neuer, türkischstämmiger Freund? Man, sieht der kaputt aus! Die Tolle nicht gegelt, und zum Ausrasieren ist er nicht gekommen. Die Hochzeit muß, so scheints, verschoben werden. Oder kommts vom Feiern? Immerhin, es ist Montag früh ... 

"So, einmal zum Platz zurück!"
Ich versuche, das Namensschild zu entziffern. Mahmood, aha. 
Oh Gott. Er bewaffnet sich mit Kamm und Schere ... "Wieviel darf ab? So?" Ich nicke leichtsinnig. Schnipps! Mahmood ist kein Freund langer Worte. Er handelt, und wühlt sich durch meine paar Haare. 
"Einmal runtergucken!"
Ich widerspreche ihm lieber nicht. Er ist bewaffnet, ich nicht. 

Mir fällt auf, daß sein linker Arm voller Narben ist. 
"Aha", scherze ich. "Von der Schere?"

Er schaut mich traurig an. 

"Ich komme aus Syrien, über die Türkei ..." und er schildert mir, wie er geschlagen, gefoltert wurde. Ein Freund hat es nicht überlebt, er ja. Er zeigt mir weitere Narben auf seinem Rücken und Brustkorb. 
Seine Familie ist noch in Syrien. Ein Bruder ist hier, aber "andere Stadt". Sie halten telefonisch den Kontakt.

"So, fertig. Wie neu", lacht er. Ich hab gar nicht darauf geachtet. Der Spiegel beweist, es sieht gut aus. Aber das ist mir gar nicht wichtig, heute. 
"Danke, Mahmood", sage ich. 

Er schaut mich überrascht an. "Woher ... ach, Schild?" 
Genau. Das Namensschild. 

Wenn ich wiederkomme, werde ich fragen, "ist Mahmood da?" 
Und sollte er frei haben, komme ich eben am folgenden Tag wieder.



Bitte liebe Leute, achtet auf Eure Informationsquellen. Wessen Weiltbild sich nur aus 'Welt' und 'Bild' zusammensetzt, hat verloren. Und die 'HuffPost' und 'Focus' sind inzwischen zu Hetzblättern verkommen. Ich warne Neugierige. Schaut auch mal in die 'Taz', oder schlimmstenfalls, auf 'Spiegel online'! 

Voll verschleiert - voll bescheuert? oder Das gesunde Rechtsempfinden

Ich bin verblüfft. Wirklich. Damit hatte ich nicht gerechnet. 

In meiner Jugend gab es eine Fernsehsendung, im ZDF, glaube ich. "Ehen vor Gericht".  Am Ende der Verhandlung waren die Zuschauer aufgefordert, ein Votum abzugeben. Und ich war jedesmal erstaunt, daß ich in meiner Beurteilung weit von der Auffassung des Richters abwich. 

Das war für mich der deutliche Hinweis, daß ich mich, obzwar aus einer Juristenfamilie stammend, nicht zum Rechtsprechen eignete.

Heute morgen las ich einen Artikel in der unsäglichen HuffPost über eine Schülerin in Niedersachsen, die in Vollverschleierung mit Niqab zur Schule erscheint. 

Aha. Beweisaufnahme nicht möglich, da keine zuverlässigen Quellen genannt werden. Fall abgewiesen. Erledigt. 

Gehen wir davon aus, daß dem Ganzen ein realer Hintergrund zuzuweisen ist, dann muß man feststellen, daß diese Schülerin ja nicht erst heute morgen dort so erschienen ist, sondern schon eine ganze Zeit, und das, was man in der Schule so tut, benoten, prüfen, versetzen oder nicht, schien bisher möglich gewesen zu sein. 

Ich erinnerte mich an meine Schulzeit. Ein Verwandter hatte mir Lederhosen und Trachtenjanker geschenkt. Und da das Zeug schier unverwüstlich war, wurde ich damit zur Schule geschickt - in Niedersachsen. 

Meine Klassenkameraden lachten zwar, und ich war der "Sepp", aber irgendwann hatten sie sich dran gewöhnt. 

Wo waren wir? Ach ja. Ehen vor Gericht. Und ich lag immer daneben.

Verblüfft bin ich darüber, wie viele juristische Experten wir in diesem Land haben. Die beherrschen zwar weder Grammatik oder Rechtschreibung, aber sie wissen genau, wie Land, Kultusministerium und Schule zu entscheiden haben. 

Irgendwann, befürchte ich, werde auch ich vor einem solchen 'Volksgerichtshof' stehen, und ein 'Richter' wird mich anschreien, Geben Sie es zu, Sie haben damals auch diese frechen Facebook Posts veröffentlicht ... und ich werde nicht widersprechen können. 

Außer, daß ich überzeugt bin, liebe Hobbyjuristen, daß ihr daneben liegt. 

Genau wie ich damals bei Ehen vor Gericht.


Mein Freund Ralf, FC-Fan, wie man nur sein kann, sagt es auch immer. Nur Traditionsvereine in die Bundesliga lassen. Kein Mensch brauche Hoffenheim, oder die Chemiepillen von Bayer. Ich bin da toleranter. Ich bin zwar Borussia-Dortmund-Fan, aber die sind als Bayernschreck leider unzuverlässig ...


RB Leipzig - historisch gewachsen?

Jetzt laßt doch mal den RB Leipzig in Frieden! Der von mir hochgeschätzte Herr Watzke, der meinem Lieblingsverein vorsteht, hat sich nun auch dazu eingelassen. Es sei nichts historisch gewachsen, und dieser Club sei nur dazu da, ein Getränk zu promoten. 

Das erinnert mich an ein Gespräch über die Architektur am Potsdamer und Marlene-Dietrich-Platz mit einer Studienfreundin in Berlin, die dort wohnen blieb. Nichts historisch gewachsen. Alles unecht, künstlich. Cyber City.

Was ich nicht verstehe: irgendwann hat doch alles einmal angefangen, oder? Der TSV 1860 München sogar 1848 ( die Fußballabteilung seit 1899 ), Mainz 05 und Schalke 04 in den benannten Jahren zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 

Auch das Charlottenburger Schloß, der Reichstag, die Hedwigskathedrale, Sanssouci  ... irgendwann war die Grundsteinlegung, und das Volk stand vor der Baustelle und jammerte, schon wieder ein neues Gebäude, viel zu modern, viel zu pompös, viel zu teuer.

Die Frage, ob etwas historisch gewachsen ist, ist doch eine Frage der Zeit. Warum tun wir uns leichter damit, Dinge, die so locker 100 Jahre vor unserer Geburt entstanden, als historisch gewachsen zu akzeptieren? Dinge hingegen, deren Entstehung wir beiwohnen, verdammen wir als unecht und künstlich? 

Irgendwann werden der Potsdamer Platz, wie er heute aussieht, und der RB Leipzig das Prädikat 'historisch gewachsen' tragen. Unsere Ur-Urenkel werden das feststellen. 

Kommt damit klar, Leute. Altes verschwindet, Neues entsteht. Wenn's auch wehtut. So funktioniert Leben.