Märchen

Ja, ich habe Märchen geschrieben. Nicht jugendfrei. Leider. Also nix für Kinder. Märchen haben meine Kindheit sehr geprägt. Nicht nur, weil sie mir ständig vorgelesen wurden. Ich konnte sie sozusagen dreidimensional erleben. Im Sommer kamen Kasperl, Seppel, Gretel und das Krokodil in Form einer Puppenbühne nach Cuxhaven, um Kurgäste und Einheimische zu unterhalten. Im Winter waren es die Weihnachtsmärchen auf der Bühne des Stadttheaters, und, wenn genug Geld da war, sogar in Bremen und Hamburg. 

In Cuxhaven gab es noch was Spannendes. Im alten Karstadt-Haus, Friede seinen Trümmern. In den 4 Schaufenstern zur Pressehausseite hin waren Märchen szenisch aufgebaut, und mittels primitiver Mechanismen beugte sich der Prinz zu Schneewittchen hinunter, immer wieder, und sie schlug die Augen auf. Oder der böse Wolf, im Outfit der Großmutter, schnappte nach dem arglosen Rotkäppchen. Oder die Hexe heizte den Ofen an, um den im Käfig zappelnden Hänsel in ein Bœuf bourguignon zu verwandeln. 

Nicht sattsehen konnte ich mich an diesen Figuren. Obwohl ich den Märchen von Hans Christian Andersen eindeutig den Vorzug gab. Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, der standhafte Zinnsoldat, die kleine Meerjungfrau, die Schneekönigin, und, mein Lieblingsmärchen, Däumelinchen - eine fantastische, magische Welt. 

Meine Märchen sind eher aus Versehen entstanden, und eigentlich scherzhaft, oder sogar albern gemeint. Neulich fragte mich jemand, „Sagen Sie mal, nachdem Sie nun nicht mehr arbeiten - wie verdienen Sie denn Ihr Geld?“
„Ich erzähle Geschichten“, antwortete ich bescheiden. 
„Ach was! Und das wollen die Leute hören?“
„Nicht alle. Aber einige schon.“

Ja, und nun also Soest. Ich durfte ja schon in Schliersee in der wunderbaren ‚Bücheroase’ Erfahrungen mit dem (Vor-)Lesen sammeln. Und jetzt bei der Veranstaltung von Markus Kohlers ‚Bücherkiste‘. Ich freu mich drauf.


Hey! Ich bin prominent! Ich hab’s bis in den Soester Anzeiger geschafft! Let’s Dance, Dschungelcamp, Ninja Warrior - Ich komme!!!


Ich glaube, dass das supernett und lustig wird. Auch wenn mein Verhältnis zu Pferden ein Besonderes ist. Auf Sylt habe ich es versucht. Das Tier sah mich grimmig an. „Das ist unser Sanftester“, behauptete der Bauer mit friesischem Charme. 

Der Sanfte wollte mich loswerden. Er wandte den Kopf abwechselnd nach rechts und links hinten und versuchte, in meine Beine zu beißen. Als ihm das nicht gelang, verfiel er spontan von ‚Schritt‘ in ‚Trab‘, sehr zum Bedauern meiner Hoden. Was soll’s. Die kann man später Hochlagern und kühlen. Und wozu gibt es Diclofenac? 

Bei „Bonanza“ sagten Hoss und Little Joe immer „HOOOO“, mit diesem beruhigend-melodiösen Unterton. Dann blieben die Viecher stehen. Schnaubend, aber gut gelaunt. 

Meins nicht. Es interpretierte mein „HOOO“ als Aufforderung zum Galopp. Auf Höhe Keitum Kirche fiel ich dann herunter. Gottlob. Vermutlich säße ich sonst immer noch auf dem Zossen, und man würde über mich Märchen, Sagen und Legenden verbreiten. 
( Ich bin mit der Taxe nach Westerland zurück. Das Tier war, seinem Instinkt folgend, heiter und lange vor mir im Reitstall angekommen. )


Herr der Fliegen

Ihr werdet mich sicher fragen, und, wie war es denn? Hast du alles gefunden? War’s nett? Hast du wen getroffen? Und lief alles so, wie erwartet? 

Toll. Ja. Ja. Ja. Nein.

Reicht das? Nein? Na gut. Aber beklagt euch nachher nicht wieder, dass ich zu viel quatsche, ok?

Also: Woran denkt ihr bei Nordrhein-Westfalen? Bevölkerungsreichstes Bundesland. Großstädte wie Dortmund, Essen, Duisburg, Köln. Industrie, ehemals Kohleabbau. Pott. Herzliche, sehr direkte Menschen.
Äcker, Wiesen, Bauernhöfe, Wälder sind euch nicht in den Sinn gekommen, oder? Kann ich verstehen. Um so überraschter war ich, am Rand von Soest auf eine ländliche Gemarkung zu stoßen, die von allerlei schrägen Vögeln bevölkert war! Schrägen Vögeln, unter denen ich mich, frei nach dem Motto, wir sind die, vor denen unsere Eltern uns immer gewarnt haben, wirklich wohlfühlte.

Ich habe schon oft darüber geschrieben, was für ein wahnsinniges Erlebnis es ist, Menschen zu treffen, die man - teilweise schon ewig - über Facebook „kennen“gelernt hat und sie als seine „Freunde“ bezeichnet. Soziologie-Puristen werden sich, höhnisch lachend, zurücklehnen und behaupten, dass das ja wohl kaum möglich sei. Beruhigt euch, Leute, und lasst euch versichern: Es IST möglich. Ich durfte diesmal der wunderbaren, klugen Melanie Gelhaus und dem hundekuchenguten, lieben Markus Kohler gegenübertreten. Und, als ganz besonderes Highlight, war noch mein Freund Sven Krechting mit seiner lieben Mama Silke angereist. Allein dies schon genug Gründe, mindestens 4 Wochen und drei Tage lang glücklich zu sein. Und vermutlich noch darüber hinaus.

Unterschätzt das nicht, Leute. 

Natürlich lief es nicht nach Plan. Kurz nach 17 Uhr klingelte das Handy, und Markus informierte mich, dass ich am besten vor 10 Minuten eingetroffen sei, weil die Planung spontan geändert werden und die Lesungen bitte JETZT beginnen mussten. Und ich sei der Erste, also los jetzt. Sabbel nicht, komm einfach. Kein Ding. Rein ins Kostüm, und mit 60 durch die 30er-Zonen des beschaulichen Soest. 

Von dem zärtlichen Gefühl, wie schön es ist, Menschen im Arm zu halten, die man gern hat, muss ich hier nichts schreiben, weil dazu keine Zeit ist. Gleich gehen die Lesungen los. Und ihr kennt das ja auch. 

Ja, dann kam meine alberne Prinzengeschichte ( nachzulesen auf meiner Homepage unter dem Menüpunkt „Herzensanliegen ...“, gleich nach der Vorbemerkung ), Markus hatte das Thema „Frau Holle“ in eine umwerfend brillante, lebensechte, knallharte Sprache übersetzt, Melanies ziemlich manipulatives, hochintelligentes, etwas böses Rotkäppchen begegnete einem gutmütigen, freundlichen Wolf - eine wunderbare Umkehrung und Verwirrung des Themas, Monika Loerchner begeisterte mich mit einer herrlich formulierten, lustigen, zarten Einhorngeschichte, und Asmodina Tear nahm die Zuhörer mit in ein rabenschwarzes Japan, eine spannende Episode über das Gefangensein, und Wege zur Freiheit. 

Auch das Drumherum und das Hinterher war wunderbar, die Gespräche, das Beisammensein, Fragen und Antworten. Die Würstchen auf dem Grill. Die Pferde auf der Weide ( die mich allerdings ziemlich grimmig so von der Seite anstarrten ).Die Atmosphäre auf dem Reiterhof war unglaublich stimmig, bis hin zu den Fliegen, die nicht, wie bei Dornröschen, an der Wand schliefen, sondern uns heiter und, ich bilde mir ein, sogar mit Interesse für die hohe Literatur umschwärmten. Woran es lag, das ein Fliegenpärchen verzweifelt bemüht war, sich auf meinem Handrücken zu paaren, vermag ich nicht zu sagen. 

Gut, übrigens, dass die Lesungen eher begannen. Gegen 20:30 Uhr gingen dann doch ziemliche Regenschauer herunter. Heute soll das Wetter halten.

Ich wurde reich beschenkt. Die Lesung an sich hat unglaublichen Spaß gemacht. Ich durfte Freunde treffen. Sven schenkte mit eins seiner T-Shirts, mit dem er auf die Notwendigkeit zur Organspende hinweisen möchte. Und ich erhielt von Markus neben einem Piccolöchen eins seiner Werke, in das er mir etwas so Liebes hineinschrieben hat, dass ich es einfach mal für mich behalte. Ich war und bin sehr angefasst. 

Ich hoffe, dass ich diesen Bericht demnächst noch um das Gruppenfoto ergänzen kann, auf dem ich hoffentlich nicht gut zu sehen bin, aufgeregt und verschwitzt und mit dem einen oder anderen Kilogramm zu viel. Und wenn doch, dann ist es mir auch egal.

Ich bin sehr, sehr dankbar, dass ich dabei sein durfte. Und ich hoffe, dass ich mich so gut benommen habe, dass ich wiederkommen darf. 

Danke. 


( Noch'n Märchen. Ziemlich albern. )


Hänsel und Gretel - Entscheidungen


„Irgendwas riecht hier angebrannt! Hast du was im Ofen?“


Das blonde kleine Mädchen mit dem kecken roten Hütchen betrat das Häuschen, das inmitten des Zauberwaldes auf einer anmutigen Lichtung erbaut worden war. „Ich lasse die Tür lieber offen! Mein Gott, wie das stinkt! Hier muss dringend frische Luft 'rein!“, sagte sie, wie zu sich selbst. „Mutter? - Mutter? Huch? Mein Gott, habt ihr mich erschreckt! Wer seid ihr denn?“ 


Der Junge hob unsicher die Schultern. Die Knöpfe über seinem Bauch bemühten sich verzweifelt, das abgeschabte Wams zusammenzuhalten. 

Das Mädchen wirkte eher schlank und frustriert. Ihr Kleid war teilweise zerrissen und von einer fleckigen, graublauen Schürze bedeckt. 


„Wir sind Hänsel und Gretel“, stellte sie sachlich fest. „Bist du auch von dieser alten Hexe gefangen und eingesperrt worden, wie mein Bruder und ich? Ein Wunder wär’s ja keins. Bei den verführerischen Versprechungen!“ In der Tat war das Haus mit Lebkuchen, Schokolade und Geleefrüchten reichlich bedeckt.


Das blonde Kind nahm die Kappe ab und hängte sie sorgsam an den Garderobenständer im Eingangsbereich. „Freut mich, euch kennenzulernen. Ich bin Rotkäppchen, und komme gerade von meiner Großmutter! Ich hab ein paar Tage bei ihr verbracht! Und dabei einen ziemlich geilen Wolf kennengelernt!“ Ihr Gesicht nahm die Farbe ihres Käppchens an. Sie dachte an einige besonders prickelnde Begegnungen. Schmutzige Momente voller Leidenschaft. Hingabe. Erotik. „Aber irgendwie - ach, das passte nicht. Ich hab ihn abgeschossen!“


Die Kinder nickten verständnisvoll. „Deiner Mutter wäre er bestimmt nicht recht gewesen. Sie ist sehr besitzergreifend und manipulativ! Eine richtige Hexe!“ Gretel schien aus Erfahrung zu berichten. 


Rotkäppchen hielt inne, dann brach sie in heiteres Gelächter aus. „Hahaha, ‚Hexe‘! Das trifft’s! Wisst ihr - manchmal war ich kurz davor, sie zu packen und in den Ofen zu schubsen, so wütend war ich!“ 


„Schön, dass du das sagst“, behauptete Gretel. „Genau das ist mir passiert. Aber ich würde es mehr als einen Unfall interpretieren. Sie stand zufällig vor der geöffneten Ofentür, ich verlor das Gleichgewicht, ein kleiner Stoß - und schon war es passiert!“ 


Sie schaute erwartungsvoll in Rotkäppchens Gesicht. Diese allerdings blieb erstaunlich gelassen. Sie dachte an ihren Wolf. „Sind es nicht immer die Mütter, die uns Töchter ein Leben lang zweifeln lassen?“


Hänsel mischte sich ins Gespräch ein, während er sich gleichzeitig eine Handvoll Gummibärchen in den Mund schob. „Wir sind voll auf ihre Tricks hereingefallen. Gretel stand permanent unter Druck. Aber glaube nicht, dass man ihr etwas recht machen konnte. Und zu mir hatte sie blitzschnell so eine kranke Mutter-Sohn-Beziehung aufgebaut. Keinen Schritt durfte ich machen, den sie nicht vorher abgesegnet hatte. Und wehe, wenn ich meinen eigenen Kopf durchsetzen wollte. Vor lauter Schuldgefühlen hab ich mich gar nicht mehr getraut, eigene Entscheidungen zu treffen!“


„Quaaaaak!“ Alle drei fuhren vor Schreck zusammen. Ein smaragdgrüner Frosch war durch die offene Tür - wir erinnern uns: Rotkäppchen hatte sie wegen des Geruchs nach Angebranntem nicht geschlossen, zum Zweck der Lüftung - hereingehüpft. „Können wir was für dich tun, mein feuchter Freund?“, wollte Rotkäppchen wissen. „Küsst mich! Ich bin ein verwunschener Prinz!“, quakte die Amphibie. 


Gretel spitzte die Lippen. „Nicht du!“, schnarrte mürrisch der Frosch. „Der da!“ Er zeigte auf Hänsel, der sich gerade wieder eine Portion Dominosteine in den Mund geschoben hatte. „Spinnft Du? If hab keinen Bock auf Fröffe!“ 

„Jetzt sei bloß nicht so spießig, Hänsel!“, mahnte Gretel. „Schau in den Spiegel, der da hängt. Du bist alles andere als ein Adonis. Sei zufrieden mit dem, was du bekommst. Wenn man so dick ist, wie du, hat man keinen Grund, wählerisch zu sein.“


Hänsel stach der Hafer. Kauend begab er sich in den Flur. 


„Ich bitte vielmals um Entschuldigung, aber - ich hatte mit der bösen Königin gerechnet“, meinte der Spiegel. „Warum steht da jetzt ein fetter Junge vor mir?“ 

„Mein Bruder versucht, herauszufinden, wer der Schönste im Land ist.“ 

Dem Spiegel beschlug die Scheibe vor Gelächter. „Du bist es jedenfalls nicht. Küss lieber den Frosch. Vermutlich deine erste und einzige Chance!“ 


Beleidigt und widerwillig beugte sich Hänsel mit gespitzten Lippen dem Tier entgegen. Er zögerte kurz. „Na los schon!“ Hänsel drückte ihm einen Schmatz auf. 


Es machte „Plopp“. Das Geräusch, das entstand, war verhältnismäßig unspektakulär im Vergleich zu der funkelnden, pinkfarbenen Wolke, die sich plötzlich nach allen Seiten hin ausdehnte. „Plopp“. Und wieder „Plopp“. Und noch einmal „Plopp“. Vier zauberhafte Prinzen standen vor Hänsel. Sie glichen sich bis aufs Haar - äähh, also, nein, nicht ganz. Das Haupt des Ersten zierte ein Schwall blonder Locken. Der zweite Prinz trug eine sportliche Kurzhaarfrisur, so schwarz, wie Ebenholz. Das Haar des Dritten leuchtete kastanienrot, während dem vierten Prinzen sein sanft gewelltes, haselnussbraunes Haar vorzüglich stand. 


Hänsel rieb sich erstaunt die Augen. Nein, es handelte sich nicht um eine Sinnestäuschung. Vier Prinzen. Keine schlechte Ausbeute für einen Frosch. Und hübsch waren sie alle. Da gab’s nichts zu meckern. 


„Wundere Dich nicht, oh Hänsel“, begann der Blonde. „Jeden von uns zeichnet eine besondere Gabe aus, so dass du dich entscheiden kannst, welche für Dich am wichtigsten ist.“

Hänsel wunderte sich trotzdem. „Gaben?“ 


„Das ist ganz einfach“, meinte die schwarzhaarige Ausführung. „Ich zum Beispiel bin der mit den größten geistigen und körperlichen Kräften. Ich besitze drei Bachelor- und zwei Master-Abschlüsse, meine Muskulatur und insbesondere mein Waschbrettbauch sind definierter als das präziseste Schweizer Uhrwerk.“ 


„Was nützen Klugheit und Kraft, wenn Liebe und Treue keine Rolle spielen?“, fragte der Brünette rhetorisch. „Diese Eigenschaften findest du bei mir. Ich bin ein Ausbund an Zärtlichkeit, und mein ausschließliches Interesse ist auf Dich beschränkt, und nicht, wie üblich, auf alles, was Hosen anhat!“


Der rothaarige Prinz konnte sich eines Gähnens nicht erwehren. „Wie langweilig“, lachte er die Kollegen aus. „Das Wichtigste in einer Beziehung sind ja wohl Sex und Humor. Vergiss die trüben Tassen, mein Freund. Ich will immer, und ich kann immer. Ich habe eine schier unerschöpfliche Fantasie und keine Hemmungen, sie auszuleben. Und langweilig wird es mit mir - im Gegensatz zu anderen - ( hierbei sah er bedeutungsvoll in die Runde ) niemals. Kennst du den schon? Treffen sich zwei Männer beim Arzt. Sagt der eine -“


„Erspare uns deine frivolen Scherze, Bruder“, mahnte der Blondgelockte. „Bei mir findet Hänsel das, wonach alle streben: Reichtum, und unvergängliche Schönheit. Wenn du dich entschließen kannst, mit mir dein Leben zu verbringen, werde ich nie altern oder erkranken, und Luxus und Anmut werden deine Begleiter sein.“


Gretel und Rotkäppchen hatten die Szene erstaunt verfolgt. „Also wenn du MICH fragst“, wisperte Gretel, „würde ich den Blonden nehmen! Reich und schön! Für immer! Was will man mehr?“

„Ich bin da nicht so sicher“, grübelte Rotkäppchen. Sie atmete schwer, eingedenk ihres Wolfs. „Den Rothaarigen fand ich SEHR überzeugend! Ob man sie ausprobieren kann, bevor man sich entscheidet?“


Hänsel hatte sich gesetzt. Er stand nicht gern. Schon wegen seines Gewichts war er immer bestrebt, seine Gelenke zu entlasten. Nachdenklich blickte er in die erlesene Runde. Dann begannen seine Augen zu leuchten.


„Liebe Prinzen“, hub er zu sprechen an, „lasst mich dies eine vorausschicken: Ich bewundere euch alle. Klugheit und Kraft, Liebe und Treue, Sex und Humor, Reichtum und Schönheit. Jeder von euch, für sich betrachtet, wäre die perfekte Wahl. Euer Aussehen - ach, einfach alles an euch ist perfekt. Das Problem ist nur, ich bin es nicht. Und ich glaube auch, dass man nicht perfekt sein muss, um aneinander Freude zu haben. Ein wenig von allem reicht mir. Und das, was jetzt noch fehlt, kann ich mir mit meinem Prinzen irgendwann erarbeiten. Trotzdem danke ich euch für euer Angebot. Seid bitte nicht böse, wenn ich es ausschlage.“


In diesem Moment entstand erneut eine pinkfarbene, funkelnde Wolke, und erneut ertönten wirklich unspektakuläre „Plopps“, mit denen ein Prinz nach dem anderen in diese gesogen wurde. Als sie sich verzogen hatte, stand dort nur noch eine Prinz, der seinen Vorgängern zwar ähnlich sah, allerdings auf eine bescheidene, durchschnittliche Weise. Mit mindestens 7 kg Übergewicht, und straßenköterblond. 

„Hi“, äußerte er vorsichtig, und mit schüchternem Lächeln. „Ich bin’s. Niemand Besonderes, leider. Aber ich möchte versuchen, mit dir alt zu werden.“


„Und du sagst, dass du nicht besonders bist“, staunte Hänsel. „Für mich bist du besonderer als jedes von den königlichen Hochlandgewächsen!“


Die beiden Herren zogen sich in einen Nebenraum zum Gespräch zurück, und dabei wollen wir sie weder belauschen, noch stören. Denn dass, was sie sich zu sagen hatten, geht uns nun wirklich nichts an.


Gretel sah Rotkäppchen sehr zufrieden an. „Na Gottseidank!“, rief sie erleichtert aus. „Der Junge ist unter der Haube! Ich dachte schon, dass er mir ewig am Schürzenzipfel hängen würde!“ 

In diesem Moment hörten die jungen Frauen ein eigentümliches Geräusch aus dem Ofen. Es motivierte sie, die Tür zu öffnen, und sie staunten nicht schlecht, als, mehr oder weniger unversehrt, nur ziemlich rußig und mit beklagenswerter Frisur, die Hexe herauspurzelte. 


„Ich bin fassungslos“, sagte Rotkäppchen. „Wie konntest du das überleben?“


Die Hexe zog die linke Augenbraue hoch. „Merk dir eins, Schätzchen. Ich bin Mutter. DEINE Mutter. Hast du denn wirklich geglaubt, dass du mich so einfach los wirst? Da braucht es deutlich mehr als das bisschen Feuer!“ Und, ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr sie fort, „Sag mal - hast du etwa zugelegt? So kann das ja nichts werden, mit den Männern!“ 

„Mutter! BITTE!“ 

„Ach Kind, du warst immer schon eine Enttäuschung für mich!“ 


Das ist das Ende der Geschichte. Hänsel und sein Durchschnittsprinz bezogen eine helle Drei-Zimmer-Wohnung mit Dachterrasse und verbrachten sehr viel Zeit in Möbelhäusern und Gaetencentern.  


Gretel begab sich in Therapie und entschied sich anschließend für ein Studium der Rechtswissenschaften, im Bestreben, alles im Leben zu erreichen, was ihrer Mutter leider versagt geblieben war.  


Und das Rotkäppchen pendelte zwischen den Manipulationen der mütterlichen Hexe und der Großmutter hin und her und blieb lebenslänglich auf der Suche nach gutem Sex. Einem Wolf. Einem richtigen Wolf, der nicht lang fragte, bevor er sie mit Haut und Haaren verspeiste. Der ihr sagte, wo es langging. Der klare Ansagen machte.


Und wenn sie nicht gestorben sind ...